Skoda Octavia RS230 Combi im Handelsblatt-Test: Können denn 250 Sachen Sünde sein?

Skoda Octavia RS230 Combi im Handelsblatt-Test: Können denn 250 Sachen Sünde sein?

, aktualisiert 21. Juli 2016, 08:46 Uhr
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Die Leder-Sportsitze bieten passenderweise auch keinen übertriebenen, sondern vernünftigen Seitenhalt, der selbst auf längeren Strecken keine üblen Druckstellen hinterlassen dürfte.

von Florian HückelheimQuelle:Handelsblatt Online

Der schnellste Serien-Octavia bringt alles mit, um praktisch zu sein. Und tut gleichzeitig alles, damit sein Fahrer das vergisst. Für 36.000 Euro bekommen Familienväter viel „dicke Hose“ und werden doch was vermissen.

Die Luft steht feucht-warm in den Straßen, ein Gewitter kündigt sich an. Ein Kollege sagt, die Luft sei heute wieder zum Schneiden. Wie schön. Wenn dem so ist, halte ich den Schlüssel zu einem Wagen in der Hand, mit dem das kein Problem sein dürfte. Denn im Feld „T“ des Kraftfahrzeugscheins steht: 250. „T“ steht für die Höchstgeschwindigkeit. „‘T‘ steht für toll“, denke ich.

Also runter in die Tiefgarage, rein in den Wolf im vier Meter achtundsechzig langen Kombipelz. Noch ehe ich die Tür schließe, lasse ich den Zwei-Liter-Vierzylinder per Startknopf an. Kann die auf Leistung getrimmte Version des Skoda-Bestsellers tatsächlich „RS“, Rallye Sport, so wie das Logo im Kühlergrill andeutet?

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Die Antwort lautet: Teilweise, denn das Aggregat steht aus vorheriger Fahrt noch im Eco-Modus. Warum?! Neuer Versuch im Sportmodus: Immer noch kein Drehzahlstoß, der morgens die Nachbarn aufwecken würde, aber wenigstens ein zaghaft kerniger Sound. Geht doch.

Tür zu, rauf auf die Straße Richtung Autobahn. Dort merke ich, dass ich dem Eco-Modus zu früh die kalte Schulter gezeigt habe, denn für den lästig-dichten Innenstadtverkehr ist er die klügere weil stressfreiere Wahl. Die Gasannahme verläuft sanfter als im Sportmodus, in dem das 6-Stufen-Direktschaltgetriebe (DSG) stets mit ausreichend Drehzahl versorgt wird und den 1,5-Tonner rasch anschiebt.

Sinnvolles Detail: Die Zurückhaltung auf Knopfdruck aktiviert die Segel-Funktion, bei dem der Wagen bis 130 Stundenkilometer im Leerlauf rollt, sobald ich den Fuß vom Gas nehme. Mit welchem Ziel bin ich noch mal gestartet? Ach, ja: den Fuß eben nicht vom Pedal zu nehmen.

Endlich, die Auffahrt naht. Das Fahrprofil steht auf Sport, der eingebaute Soundgenerator ergänzt über die Lautsprecher des Soundsystems einige Hundert Kubikzentimeter Hubraum und lässt mich brubbelnd auf die letzte Ampel zurollen.

Wenn die Luft und der Asphalt schon so warm sind, dürften es die Reifen doch auch sein, denk ich mir. Es wird grün – und der Asphalt stellenweise schwarz. Das ESP hat gut in dem frontgetriebenen Tschechen zu tun, um 350 Newtonmeter auf die beiden 225er Reifen zu verteilen. Einmal gefangen, lassen das DSG und der Turbo-Benziner danach die Drehzahlschau beginnen.

Sobald die Nadel den roten Bereich touchiert, lädt das DSG den nächsten Gang nach. Dabei fällt die Drehzahl immer in den Bereich zwischen maximalem Drehmoment und maximaler Leistung zurück. So gehört es sich.

Nur im mittleren Drehzahlbereich und bei kommoder Fahrweise sackt die Leistung ab und zu beim Hochschalten zu sehr nach unten ab, sodass ich den neu einsetzenden Turbodruck gut spüren kann. Generell gibt sich der Antriebsstrang unauffällig. Gangwechsel, die die Elektronik selbst veranlasst, gehen schnell.

Einzig beim manuellen Eingreifen dauert es eine gefühlte Sekunde, bis der neue Gang drin ist. Wer direkt in den manuellen Modus wechselt und die gut platzierten Schaltwippen ihrer Bestimmung zuführt, wird nicht über Schaltpausen klagen, denn dort reagiert das Getriebe schneller.

Das schönste Geräusch, das mir vom RS230 in Erinnerung bleiben wird, ertönt nur bei hohen Drehzahlen: Ungefähr ab 4500 Kurbelwellenumdrehungen sprotzelt es bei jedem Schaltvorgang dezent aus den beiden Endrohren. Quasi Rallyesport für Sekundenbruchteile. Persönlich gefällt mir die Lautstärke sehr gut, ich könnte aber niemandem die Fahrt zum Zubehörhändler übelnehmen.


Mühsamer Weg zur Tempo-Spitze

Nach vier Gangwechseln ist dann erst mal für eine ganze Weile Schluss mit dem schnellen Schalten. Ging es noch in knapp sieben Sekunden auf Landstraßentempo, gerät das Warten auf die Vmax in unserem Testwagen ab 200 km/h zum Geduldspiel. Bei 225 wird mir die Autobahn zu voll und der BMW M3-Fahrer im Rückspiegel zu ungeduldig.

Ich lasse ihn ziehen, schalte etwas enttäuscht in den Normalmodus zurück (und der wiederum in den sechsten Gang hoch) und beende das Projekt „Bis zum Bodenblech“. Für die angegebenen 250 Stundenkilometer braucht es offenbar mehr als nur ein paar Kilometer Auslauf. Bis hierher hatte es Spaß gemacht. Zurück bleibt das Gefühl, dass für Tempo 230 auch der günstigere und schwächere 180-PS-Benziner ausgereicht hätte.

Der RS230, der im Stammwerk in Mladá Boleslav gebaut wird, tröstet seine Passagiere über diese Erkenntnis mit anderen Qualitäten hinweg: Trotz Sportfahrwerk nicht unkomfortabel unterwegs sein, zum Beispiel. Die strafferen Dämpfer reichen spitze Schläge, etwa von hervorstehenden Gullideckeln oder Asphaltkanten an die Bandscheiben der Passagiere zwar durch, doch nicht so heftig, als dass die Fahrt in den Familienurlaub zur Rüttelpartie würde.

Die Leder-Sportsitze bieten passenderweise auch keinen übertriebenen, sondern vernünftigen Seitenhalt, der selbst auf längeren Strecken keine üblen Druckstellen hinterlassen dürfte. Die schmucken 19 Zoll-Felgen sorgen darüber hinaus für eine schicke Optik, je nach Asphaltkörnung aber auch für entsprechende Abrollgeräusche.

Ab ungefähr 150 km/h werden diese von den Windgeräuschen der Außenspiegel übertönt, die die ausgewogen klingende Canton-Musikanlage (Aufpreis: 470 Euro) wiederum schnell verschwinden lassen kann.

Positiv fällt bei höheren Geschwindigkeiten der Radstand des Octavia ins Gewicht. Mit 2,68 Metern überragt er seinen Konzernbruder Golf Variant um exakt vier Zentimeter, was vor allen den Passagieren in Sitzreihe Zwei zugutekommt. Die Lenkung, die sich in der Stadt handlich anfühlt, könnte auf der Landstraße trotz Sportmodus für meinen Geschmack etwas straffer sein – präzise ist sie in jedem Fall.

Insbesondere in engen Parkhäusern spielt der Octavia seinen kleinen Wendekreis von 10,5 Metern voll aus. Ein Golf-Kombi und selbst der kleinere Skoda Rapid Spaceback brauchen 40 Zentimeter mehr Platz zum Wenden. Manövrieren in enge Lücken funktioniert also gut, nicht zuletzt dank der Abstandssensoren im Front- und Heckbereich.

Bei der Rückfahrkamera wird der Unterschied zum aktuellen Superb deutlich: Die Auflösung des Kamerabildes ist etwas gröber und die eingespiegelten Peillinien schwenken im Bild nicht mit beziehungsweise passen sich nicht dem Lenkwinkel an, obwohl die Daten vorhanden und im Rund-um-Abstandssensor-Bildschirm auftauchen.

Ein weiterer Unterschied zum Superb: Unser Test-Octavia hat noch eine richtige Handbremse. In engen Kurven höre ich sie öfters flüstern: „Pssst,… zieh mich doch mal!“. Ihr Wunsch bleibt unerhört.

Schade, dass mein RS noch keinen Allradantrieb hat, der beim Rausbeschleunigen für mehr Schub und Spurstabilität sorgen würde. Dann zöge ich auch gerne mal am Hebel im Mitteltunnel. So bleibt mir nur übrig, den Familien-Express schnell in die Kurve zu werfen und mit kurz quietschenden Vorderreifen wieder aus ihr herauszuzirkeln.

Typisch Fronttriebler schiebt er dabei gerne über die Vorderachse. Ich sehe es als Teil der Sicherheitsausstattung: Nicht jeder Kombi-Käufer weiß ein ausbrechendes Heck einzufangen. Immerhin: Ab Herbst legt Skoda den Octavia RS230 4x4 nach, der für mehr Agilität in kurvigem Geläuf stehen dürfte.

Last but not least glänzt der Sport-Octavia ganz Skoda-typisch mit praktischen Details (Eiskratzer im Tankdeckel, Abfallbehälter in der Türablage, doppelter Ladeboden) und funktionalem Design. Nach rund 1.000 Testkilometern stehen bei uns zügig erfahrene, und von den Werksangaben weit entfernte, neun Liter Super im Bordcomputer.

Wer es ruhig angehen lässt, kann im Eco-Modus immerhin auf sieben Liter pro 100 Kilometer kommen. Alles in allem hat Leistung dennoch ihren Preis – und wenn der schon nicht beim Grundpreis von 35.950 Euro fällig wird, dann eben an der Zapfsäule.

Fazit: Mich hat die vollmundige Versprechung von 250 Stundenkilometern Höchstgeschwindigkeit beeindruckt. Der mühsame und in meinem Fall erfolglose Weg dahin schmälert allerdings den sportlichen Gesamteindruck.

Auf der Landstraße sorgt der Octavia RS230 DSG Combi definitiv für viel Fahrspaß ohne Nutzwert-Kompromisse im Alltag. In der Konfiguration ohne Reserverad schluckt er zwischen 610 und 1.740 Litern Gepäck (Golf Variant: 605 - 1.620 Liter) – genug Raum für ambitionierte Heimwerker mit Bleifuß, Außendienstler unter Termindruck sowie motorsportaffine Familienväter, die kein Problem mit einer „dicken Hose“ haben.

Quelle:  Handelsblatt Online
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