Slowakei: Goldene Zeiten dank Auto-Boom

Slowakei: Goldene Zeiten dank Auto-Boom

, aktualisiert 28. September 2016, 15:45 Uhr
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Neben dem Fachkräftemangel machen die weit verbreitete Korruption, Rechtsunsicherheit und Bürokratie den Unternehmen zu schaffen.

von Hans-Peter SiebenhaarQuelle:Handelsblatt Online

Erfolgsfaktor Autobranche: Die Slowakei verzeichnet Wachstumsraten, die weit über dem EU-Durchschnitt liegen. Doch Arbeitskräftemangel und Korruption belasten ausländische Konzerne. Ein Boom mit Schattenseiten.

BratislavaDie beschauliche Provinzstadt Nitra, rund eine Autostunde von der slowakischen Hauptstadt Bratislava entfernt, hat die Goldgräberstimmung erfasst. Der Immobilienmarkt erlebt einen rasanten Boom. Auslöser dafür ist der britische Autokonzern Jaguar Land Rover. Denn die Tochter der indischen Tata Motors hat kürzlich den Grundstein für die neue Autofabrik in der sechstgrößten Stadt der Slowakei gelegt.

Der slowakische Premier Robert Fico ließ es sich nicht nehmen, persönlich bei der Zeremonie dabei zu sein. Denn schließlich werden in die neue Fabrik knapp 1,2 Milliarden Euro investiert, um ab Ende 2018 jährlich 150.000 Auto zu produzieren. „Der Baubeginn in der Slowakei steht für den Beginn einer neuen Phase in unserem Plan, aus Jaguar Land Rover einen wahrhaft globalen Autohersteller zu machen“, sagte Ralf Speth, CEO von Jaguar Land Rover, in Nitra. Ende nächsten Jahres soll nach Unternehmensangaben mit der Einstellung der 2.800 Mitarbeiter begonnen werden. In der gesamten Region Nitra werden inklusive der Zulieferer 10.000 neue Jobs geschaffen. Premier Robert Fico ist stolz auf sein Autoland. „Die Investitionen von diesem Ausmaß werden sich nicht nur für die Zukunft der Region Nitra positiv auswirken, sondern auch für die gesamte Slowakei“, sagte der Linkspopulist zuletzt.

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Tatsächlich ist der junge Staat, der erst 1993 durch die Abtrennung von Tschechien entstand und seit 2004 EU-Mitglied ist, zum boomenden Autostandort mutiert. Rund 40 Prozent der gesamten industriellen Exporte entfallen auf die Autobranche. Volkswagen ist mit einem Werk am Stadtrand von Bratislava einer der größten Arbeitgeber des kleinen Landes.

Die Wolfsburger haben in den letzten vier Jahren 1,5 Milliarden Euro in der Slowakei investiert. Allein im vergangenen Jahr wurden für die Produktion im Karosseriebau des Audi Q7 rund 600 Millionen Euro investiert. In Bratislava werden vor allem SUVs für Volkswagen, Audi und Porsche sowie Kleinwagen für VW, Skoda und Seat gefertigt. Ab Ende 2017 soll der Porsche Cayenne in Bratislava komplett vom Band laufen.

Der Boom des Autolandes Slowakei hat auch Schattenseiten. Facharbeiter werden überall zur Mangelware. „Der Fachkräftemangel wird jetzt natürlich noch zunehmen“, sagte Markus Halt, Vize-Geschäftsführer der Deutsch-Slowakischen Industrie- und Handelskammer in Bratislava dem Handelsblatt.


Komplizierte Situation auf dem Arbeitsmarkt

„Das wird den Wettbewerb um die besten Köpfe erhöhen und Druck auf das lokale Lohnniveau ausüben“, fürchtet Christian Krügerl, österreichischer Wirtschaftsdelegierter in der Slowakei. „Die Situation auf dem Arbeitsmarkt ist schon länger kompliziert, und viele Unternehmen haben Schwierigkeiten, neue Mitarbeiter zu finden“, bestätigt eine VW-Sprecherin in Bratislava. Auf die Situation hat VW bereits reagiert. Seit drei Jahren bilden die Wolfsburger in ihrem Ausbildungszentrum Mechatroniker, Elektroniker und Werkzeugmechaniker aus. 2016 startete die Duale Akademie, die hochqualifizierte Spezialisten ausbilden wird.

Die Slowakei verzeichnet Wachstumsraten, die weit über dem EU-Durchschnitt liegen. Gunter Deuber, Osteuropa-Analyst der Raffeisen Bank International, erwartet in diesem Jahr ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 3,5 Prozent. Auch Katarina Muchová, Makroökonomin bei der Ersten Group in Bratislava, prognostiziert einen BIP-Anstieg von über drei Prozent. „Nach dem zweiten Halbjahr haben die Exporte die Binnennachfrage als wichtigsten Wachstumstreiber abgelöst“, sagt Muchová. Die Verbesserungen auf dem Arbeitsmarkt würden sich fortsetzen und sich positiv auf das verfügbare Einkommen auswirken.

Neben dem Fachkräftemangel machen die weit verbreitete Korruption, Rechtsunsicherheit und Bürokratie den Unternehmen zu schaffen. Bei einer Umfrage der Deutsch-Slowakischen Handelskammer wurde in diesem Jahr der Standortfaktor „Bekämpfung der Korruption“ erneut am schlechtesten bewertet. „Die Korruption im öffentlichen Sektor wurde in den vergangenen 20 Jahren von keiner Regierung ambitioniert angegangen“, sagte Vizechef Markus Halt. Trotz Skandalen hätte es bislang keine nennenswerte Verurteilung wegen Korruption gegeben.

Längst empfinden Investoren auch die rechtsextremistische „Volkspartei Unsere Slowakei“ unter ihrem Führer Marian Kotleba als Problem. Die Partei sitzt seit März im slowakischen Parlament.

Quelle:  Handelsblatt Online
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