Slowaken in England: Heimatliebe im Brexit-Land

Slowaken in England: Heimatliebe im Brexit-Land

, aktualisiert 21. Juni 2016, 11:04 Uhr
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Keine gemeinsame Feier beider Fanlager.

von Martin WocherQuelle:Handelsblatt Online

Die Zuwanderung aus Osteuropa bestimmt den Brexit-Wahlkampf. In keiner britischen Stadt leben mehr Slowaken als in Warrington. Das Fußballmatch zwischen beiden Nationen erlebten die Fanlager getrennt. Ein Ortsbesuch.

WarringtonEs ist ein Stück Heimat auf 50 Quadratmetern. Hier gibt es alles, was an das weit entfernte Zuhause erinnert, fein säuberlich in einfachen Regalen gestapelt: Ein unüberschaubare Menge von Süßigkeiten, aber auch Dutzende Biersorten, Schnaps vom Slibovic bis Fernet und natürlich die Würste: „Geräuchert“, sagt Ivana Czeto, „und nach den alten Rezepten.“

Die junge blonde Frau steht hinter der Ladentheke mit ihrem Mann Boris in der Slovakian Grocery in einer Seitenstraße außerhalb der wichtigsten Einkaufsmeile von Warrington. Ein kleines Städtchen mit 230 000 Einwohnern genau in der Mitte zwischen Manchester und Liverpool im Norden Englands. Direkt gegenüber dem Treffpunkt der Slowaken lockt der „Polish-Shop Krakow, der mit einem ähnlichen Sortiment an Lebensmitteln nicht nur Essbefürfnisse sondern auch Heimatgefühle abdeckt.

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Doch hier in Warrington sind die Polen, die ansonsten im Großbritannien die größte Zahl von Einwanderern stellen, ausnahmsweise mal in der Minderheit. In der Stadt direkt am Ufer des Mersey wird Slowakisch gesprochen, in den Cafés, im Supermarkt, auf der Straße. Rund zehntausend Slowaken leben hier und stellen damit die größte osteuropäische Bevölkerungsgruppe. Warum das so ist? Boris lebt schon seit elf Jahren hier: „Irgendwann kam einer zum anderen dazu.“ Es hätte sich nach dem Beitritt des Landes zur EU schnell herumgesprochen, dass die Löhne die Großbritannien deutlich höher sind und das Leben angenehmer zu bewältigen ist als in der Heimat.

Im Schaufenster des kleinen Ladens hängen die Jobs, die derzeit gesucht werden und die für Einwanderer auch wegen ihrer unvollständigen Sprachkenntnisse gedacht sind: Bulettenbrater bei McDonald's, Aushilfskräfte für Lagerarbeiten, Erntehelfer für die Farmen in der Umgebung. „Alles Jobs, die die Briten nicht so gerne machen“, sagt Boris.

Er hilft inzwischen Neuankömmlingen aus seinem Land bei der Integration. Springt als Übersetzer ein und kümmert sich um die Formalitäten, auch wenn es wie in der vergangenen Woche zu einem gemeinsamen Abstecher nach Lille zur Europameisterschaft geht, wenn die slowakische Mannschaft spielt.

Die Brexit-Debatte verfolgt der 33-Jährige mit großem Interesse. „Ich möchte, dass Großbritannien in der EU bleibt“, sagt er. Zum alles überlagernden Thema der Debatte hat er eine klare Haltung: „Das Land hat keine Erfahrung mit der Einwanderung. Alle beklagen sich zwar immer über die Osteuropäer, die Polen, die Letten oder auch die Slowaken. Aber es sind doch viel weniger Immigranten hier als in Ländern wie Deutschland oder Frankreich.“


Am Bier scheiden sich die beiden Fanlager

Das politische Klima habe sich schon verschärft, sagt er. Die Konsequenz: „Es kommen inzwischen weniger Menschen aus der Slowakei als noch vor sieben, acht Jahren.“ Es sind vor allem junge Leute, die sich nach der Schule oder nach dem Uniabschluss nach Großbritannien aufmachen, um dort schnelles Geld zu verdienen - um aber dann auch wieder in die Heimat zurückzukehren. „Es sind die Familien mit Kindern, die gerne bleiben – das Leben ist einfacher hier“, sagt seine Frau Ivana. Das junge Paar hat selbst zwei Kinder, die in hier zur Schule und in die Vorschule gehen.

In Warrington selbst ist die Haltung zur Einwanderung gespalten. Niemand will so richtig Stellung nehmen, keiner möchte seinen Namen nennen. Aber viele Briten lassen durchblicken, dass ihnen die Zuwanderung zu viel ist. Die Stadt selbst hat vielleicht ihre besseren Tage noch vor sich: Auch hier sind wie überall im Norden Englands in den vergangenen Jahrzehnten Zehntausende Industriejobs verloren gegangen. Erst langsam erholt sich die Region davon. Doch im unteren Teil der größten Einkaufsstraße Warringtons steht jedes zweite Ladenlokal leer.

Eigentlich wäre der Montagabend ein idealer Zeitpunkt für beide Bevölkerungsgruppen gewesen, aufeinander zuzugehen. Bei der Europameisterschaft in Frankreich trafen die Teams beider Länder aufeinander und es hätte ein großes Fest werden können – obwohl für beide Seiten viel auf dem Spiel stand. Doch Slowaken und Briten zogen es vor, getrennt das Spiel am Fernseher zu verfolgen und sich aus dem Wege zu gehen: „Wir Slowaken schauen das Spiel lieber daheim mit Freunden an“, kündigte Boris schon am Nachmittag an.

Und in der Tat: Kein slowakischen Fans zeigten sich auf den Straßen, die Pubs mit so illustren Namen wie „Blue Bell“ oder „Quarter Bar“ waren fest in englischer Hand. Die weißen Fahnen mit dem roten Kreuz hingen schon den ganzen Tag einladend aus den Fenstern. Mit dem 0:0 zeigten sich die englischen Fans einigermaßen zufrieden.

Folgen für die Brexit-Abstimmung am Donnerstag möchte keiner ziehen. Anders wäre es wohl gewesen, wenn die Three Lions das Spiel verloren und damit aus der Euro 2016 ausgeschieden wären. „Das hätte der Stimmung hier einen herben Schlag versetzt“, sagte ein englischer Fan halbwegs erleichtert nach dem Einzug seines Teams ins Achtelfinale.

Boris hatte schon vorher eine andere Erklärung für den Rückzug der slowakischen Fußball-Fans ins Private parat: „Wir mögen das englische Bier nicht“, sagt er mit einem Augenzwinkern, „unseres ist eindeutig besser.“ Damit werden sie sich jetzt trösten müssen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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