Smart Fortwo Cabrio im Test: Seitensprung nicht ausgeschlossen

Smart Fortwo Cabrio im Test: Seitensprung nicht ausgeschlossen

, aktualisiert 04. August 2016, 07:44 Uhr
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Über dieses Schild können Smart-Fahrer natürlich nur lachen. Generation 3 hat einen Wendekreis von sensationellen 6,9 Metern. Und im Stadtverkehr ist jedes Einlenken das pure Vergnügen, weil es fast schon übertrieben leicht und effektiv funktioniert.

von Frank G. HeideQuelle:Handelsblatt Online

Es hätte eine Sommerliebe werden können, der Flirt mit dem neuen, offenen Smart Fortwo. Doch es sollte nicht sein. Wie eine Kurzzeitbeziehung durch schlechte Vibrationen von unten zerstört wurde.

DüsseldorfEs war Liebe auf den ersten Blick: Die Metallic-Lackierung des kleinen, knuffigen Testwagens mit dem schwarzen Stoff-Klappdach zog mich ebenso in ihren Bann wie die meisten Passanten. Dieses Smart Fortwo Cabrio musste man einfach anstarren. Der dank seiner nur zwei Meter siebzig Länge extrem breit wirkende Wagen sieht von der Seite aus wie ein goldiger Kinderturnschuh. Und in die modern-wertige Ausstattung des „Prime“-Modells haben sich auch sofort alle Mitfahrer und Kollegen verguckt. Beste Voraussetzungen also für eine Sommerliebe.

Doch es soll nicht sein. Erste Erschütterungen muss die junge Beziehung bereits verkraften, als sich der Zündschlüssel im Schloss dreht. Das kalte Aggregat mit nur 0,9 Liter Hubraum und Turbo-Zwangsbeatmung erwacht rüttelnd und ruckelnd im Heck, man glaubt kurzzeitig auf einem Traktor zu sitzen. Schlechte Vibrationen, die da aus dem Heck kommen, wobei sich die klassische Unterteilung in Vorne-Mitte-Hinten beim Smart fast verbietet, hier ist alles eins.

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Nach den Sitz-erschütternden ersten Kilometern und auf Betriebstemperatur gebracht, scheint der erste Beziehungsstress überwunden. Neben dem fitten Aussehen faszinieren die Charaktereigenschaften der neuen Bekanntschaft: Die City ist die ideale Spielwiese, um sich intensiver abzutasten.

Und der Smart-Testwagen macht beim Anfassen Spaß: Vor allem das schwarze, mit grobem Wabenmuster-Stoff belegte, Armaturenbrett wirkt sehr wertig, ein toller Kontrast zu dem tristen hellgrauen Kunststoff, der den Kleinstwagen innen pflegeleicht macht. Das Gestühl ist mit fein aussehendem (Kunst-)Leder bezogen und viel weiter zu verstellen, als erwartet.

Das gilt auch für das griffige Lenkrad, das viele sinnvoll gruppierte Bedienknöpfe zeigt. Überhaupt ist der Kleine ausgestattet wie ein Großer: Sprachsteuerung, Tempomat, Spurverlassenswarner, Abstandswarner, Sitzheizung, superschnelle Smartphone-Anbindung und einwandfreie Navigation über einen modernen, großen Touchscreen sind an Bord. Mit allen Extras kostet ein Smart Cabrio mit Proxy-Ausstattung aber auch etwas mehr als 20.000 Euro.

Richtig sexy und ein bisschen spektakulär wird es weiter oben: Das Stoffdach lässt sich per Drei-Tasten-Fahrzeugschlüssel sogar schon von außen öffnen, es fährt in zwölf Sekunden zurück. In zwei Etappen funktioniert die Befreiung von der sommerlichen Textilie: Erst öffnet die gerade Dachfläche, kurze Erregungspause, nach erneutem Tastendruck klappt dann der Heckteil mit der heizbaren Glas-Heckscheibe herunter.

Allerdings nicht weit genug, um vom Fahrersitz aus den rückwärtigen Verkehr sehen zu können. Der Blick nach hinten bleibt am schwarzen Wulst aus Polyester und Baumwolle hängen. Das wirkt so ernüchternd, als sähe man(n) nach dem ersten Striptease der neuen Gefährtin zum ersten mal ihren Feinrippschlüpfer. Die Rückfahrkamera ist also obligatorisch, sie liefert aber auch scharfe Bilder mit gut erkennbaren Fahrlinien.

Wen jetzt beim Cabrio-Feeling noch die beiden seitlichen Dachholme stören, der muss kurz anhalten und Hand anlegen: Die grauen Streben lassen sich in Sekundenschnelle ausbauen und in perfekt geformten Ablagen in der winzigen Kofferraumklappe verstauen. Das ist im Detail genau so überzeugend gelungen wie die Geräuschdämmung des 1,8-Quadratmeter-Dachs: Premium in kleinsten Abmessungen.


Alltag als Buckelpiste

Meine noch frische Beziehung zum Smart bekommt einen echten Schlag als ich zu forsch über Altstadtpflaster und dann noch einen vorwitzig aus dem Asphalt hervorguckenden Gullideckel erwische. Hoppla, das sind aber keine Freudenhüpfer, die der Smart da auf schlechtem Asphalt vollführt. Das auf ebenem Belag untadelige Fahrwerk rumpelt und poltert nicht nur hörbar, es reicht Erschütterungen nicht zuletzt aufgrund des kurzen Radstands (1,87 Meter bei 2,7 Meter Länge) direkt an Popometer und Rücken der Insassen weiter.

Es findet außerdem ausgewaschene Fahrspuren und Straßenbahnschienen so attraktiv, dass es direkt hineinmuss. Will man wieder heraus, ist das Cabrio so bockig wie ein Schäferhund an der Leine, der gerade Witterung aufgenommen hat: Eine feste Hand ist gefragt. Und gelegentlich auch eine gutes Reaktionsvermögen. Die Situation: Regen, Kurve, Straßenbahnschiene mit Weiche. Beim Einlenken ist noch alles gut, doch dank selbstbewusster Kurvengeschwindigkeit schieben erst die 165er Vorderreifen gerade aus über die glatte Weiche, prompt gefolgt von den 185er Pneus auf der Hinterachse.

Kurz geht es geradewegs zu auf eine Verkehrsinsel ehe die weiterhin einlenkenden Vorderräder die Weiche überwunden und schlagartig wieder Tritt gefasst haben. Gefühlt versetzt das ganze kleine Auto in der Kurve einmal um gut 15 Zentimeter, was real nicht viel ist, sich aber unsicher anfühlt.

Eine direkte Folge dieser Erlebnisse: Man sieht schlechten Straßenbelag oder Straßenbahnschienen und wird sehr, sehr langsam. Und das ist dank der im Testwagen verbauten Automatik mit Doppelkupplungsgetriebe überhaupt kein Problem. Die Twinmatic-Schaltung in den bisherigen Smart-Modellen unterscheidet grundsätzlich zwischen Eco- und Sport-Modus sowie vollautomatischer oder manueller Wahl von sechs Fahrstufen, wobei manuelles Schalten von der Elektronik immer gleichzeitig als Sport interpretiert wird.

Um es gleich zu sagen: Beide Begriffe sind leichter Etikettenschwindel, denn der Fortwo lässt sich auch im Eco-Modus nicht wirklich sparsam bewegen. Statt des offiziellen Prüfstandverbrauchs von 4,2 Liter Super auf 100 km sind es im Alltag mindestens 5,5 Liter, oft aber auch deutlich mehr als sieben. Und zum so genannten Sportmodus muss man eigentlich nur die technischen Daten zitieren: 90 PS, 0,9 Liter Hubraum, 135 Newtonmeter maximales Drehmoment, von Null auf 100 km/h in 11,7 Sekunden und (abgeregelte) Spitze bei Tempo 155.

Den Smart ruckfrei zu beschleunigen und sanfte Gangwechsel hinzubekommen, die Beifahrer nicht zwangsläufig nicken lassen, ist auch in Generation drei noch immer eine Kunst. Wer mit der 1.075 Euro Aufpreis teuren Sechsgangautomatik flott unterwegs sein will, lernt zunächst eine gewisse Anfahrschwäche kennen, obwohl das Triebwerk mit 90 PS auf jeden Fall stark genug ist, um im Alltag flott mitzuschwimmen. Rollt der Zweisitzer erst einmal, geht es in der Regel auch zügig und agil – zumindest in der Stadt bis ungefähr 80 km/h.

Überholmanöver wollen allerdings gut geplant sein, denn die Automatik schwankt häufig zwischen Übertreibung und Überforderung. Von Geruckel und Gezockel genervt, habe ich den Fortwo tagelang nur von Hand geschaltet, da hatte sich die anfangs heiße Leidenschaft für den Smart schon stark abgekühlt. Nur wenig getröstet hat mich die Aussage von Kollegen, in den früheren beiden Smart-Genenrationen sei alles ja noch viel schlimmer gewesen.

Um es abzukürzen: 180-Grad-Wenden auf weniger als sieben Meter, querparken hinter einem Tiguan, rasant vorwärtseinparken, und endlich wieder angstfrei im Parkhaus Gas geben, das sind schon sexy Highlights, die ich mit so gut wie keinem anderen Testwagen bisher erlebt hatte. Doch dann holte uns die Routine und der Alltag ein: Hornbach & Obi, Trinkgut, Aldi, Tierarztbesuch, und eine Autobahnfahrt nach Aschaffenburg. Der Todesstoß für die Sommerliebe.


Eine Nummer zu klein

Ich habe kein Problem damit, im ruhig oder zäh fließenden Berufsverkehr auf der rechten Spur kilometerlang hinter einem LKW herzugondeln, wenn es auf 33 Kilometer täglicher Pendlerstrecke sowieso nur um den „Gewinn“ oder Verlust von wenigen Minuten Fahrzeit geht. Der Stress im „rat race“ auf der linken Spur, zwischen all den tieffliegenden und finster dreinblickenden Audi- und BMW-Dienstkombis ist Richtung Düsseldorf einfach zu groß.

Anders sieht es aus, wenn die Bahn Richtung Süden frei ist, dann würde man ja schon gerne mal Gas geben. Im Smart führt das nur sehr bedingt zu Erfolgserlebnissen. Unabhängig vom gewählten Fahrmodus wird die Beschleunigungsphase ab etwa 100 km/h bis zur elektronisch abgeregelten Spitzengeschwindigkeit von 155 zur gefühlten Ewigkeit.

Und wer von Natur aus ängstlich ist, rüstet das vorhandene ESP noch mit dem von Smart angebotenen Seitenwind-Assistenten aus, denn der kurze und (1,56 m) hohe Fortwo tendiert auf der Autobahn dazu, gelungene Überholmanöver mit kleinen seitlichen Freudensprüngen zu feiern. Es ist ungefährlich, aber nicht jeder mag das.

Gleiches gilt auch für den Abstandswarner, der bei starkem Regen auf der Autobahn kurzerhand ausfiel: „Abstandswarnfunktion ohne Funktion“ stand lapidar auf dem Display unterm Tacho. Wenn sich selbst die Technik keine Prognose mehr zutraut, was vor dem Auto geschieht, macht es das für den Fahrer nicht unbedingt angenehmer.

Wir haben dann schließlich quasi zeitgleich Schluss gemacht, es blieb eine kurze Affäre. Der Smart mochte nicht ständig Getränkekästen herumkutschieren und sperrige Baumarkt-Einkäufe aus dem offenen Dach herausgucken lassen. Die Raserei auf der Piste war ihm sowieso zu viel. Und ich wollte nicht ständig in die City ruckeln und einparken, nur weil er das immer so toll macht.

Fazit: Ein übersichtliches, agiles Cabrio, das könnte ein richtiges Spaßauto sein. Vor allem, wenn man viel in der City unterwegs ist. Doch beim offenen Smart Fortwo sitzt die Spaßbremse im Heck: Der ruckelige, vibrierende Dreizylinder, und die phlegmatische Automatik mit Anfahrschwäche vernichten viel Fahrvergnügen.

Das superleichte Handling und der sensationelle Wendekreis sprechen für den Parklückenkünstler, dessen Benzindurst aber zu groß ist. So bleibt der Smart teure Basismotorisierung im Kleinstformat, dank des tollen Stoffdachs aber mit Spaßfaktor im Sommer.

Technische Daten: Länge: 2.695 mm, Breite: 1.663 mm (mit Außenspiegeln: 1,87 Meter), Höhe: 1.555 mm, Radstand: 1.873 mm, Spurweite: (v/h): 1.469/1.430 mm, Wendekreis: 6,95 m, Leergewicht: 995 kg, Zuladung: 230 kg, Kofferraumvolumen: 260 – 340 Liter, Tankinhalt: 28 Liter. Motor: 0,9-Liter-Dreizylinder-Turbo, Hinterradantrieb, Sechsgang-DSG, Hubraum: 898 ccm, Leistung: 66 kW/90 PS bei 5.500 U/min, maximales Drehmoment: 135 Newtonmeter bei 2.500 U/min, Beschleunigung: 0 - 100 km/h: 11,7 Sek., Vmax: 155 km/h (abgeregelt), Normverbrauch: 4,2 Liter/100 Kilometer, CO2-Ausstoß: 97 g/km, Abgasnorm: Euro 6, Effizienzklasse: B, Testverbrauch: 6 - 7 Liter. Preis: ab 16.550 Euro.

Quelle:  Handelsblatt Online
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