Social Dining mit Eatwith: Das Airbnb der Gastronomie

Social Dining mit Eatwith: Das Airbnb der Gastronomie

, aktualisiert 10. Februar 2016, 19:42 Uhr
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Neue Portale bringen wildfremde Menschen zum Essen zusammen.

von Carsten HerzQuelle:Handelsblatt Online

Die Idee des Teilens wirbelt das Restaurantgewerbe durcheinander: Auf Online-Portalen verabreden sich immer mehr Menschen zum gemeinsamen Essen. „Social Dining“ könnte zum nächsten großen Ding der Sharing Economy werden.

LondonDie roten Servietten sind sauber gefaltet, das Besteck akkurat ausgerichtet. Seit Stunden steht John in seiner beigefarbenen Küche mit den weinroten Wänden im angesagten Londoner Stadtteil Clapham Common und bereitet sich akribisch auf das bevorstehende Essen vor. Im schwarzen Hemd steht der Brite, der in Singapur aufgewachsen und von Beruf Sprachenlehrer ist, vor seinem Herd und prüft mit strenger Miene, ob er noch einmal nachwürzen muss.

Von dem mehrgängigen Menü, das der grauhaarige Hobbykoch an diesem Abend kredenzen will, hat er dabei sehr genaue Vorstellungen – im Gegensatz zu den Charakteren der Gäste, die in seiner Wohnküche Platz nehmen werden. Kaum einen der Eingeladenen hat John zuvor bereits einmal gesehen. Denn die Gäste kommen nicht aus Johns Bekanntenkreis, sondern haben sich über das Online-Portal Eatwith mit dem Briten zum Essen verabredet.

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Der Fremde am Tisch. Social Dining nennt sich der Trend, bei dem sich völlig unbekannte Menschen bei lokalen Hobby-Köchen zum gemeinsamen Essen treffen – und der nun nach Europa auch immer mehr in den USA populär wird. So bringen Online-Dienste wie Eatwith, Let's Lunch oder Traveling Spoon in immer mehr Ländern wildfremde Menschen zusammen, um miteinander zu essen.

Rate mal, wer zum Essen kommt? Für die Nutzer der Online-Portale ist diese Frage durchaus ernst gemeint. Mehr als 500 Köche in 150 Städten bieten allein auf der Online-Plattform Eatwith ihre Dienste an. Die Ökonomie des Teilens mischt damit immer mehr etablierte Branchen auf. Denn nach dem Taxigewerbe, das durch den Mitfahrtdienst Uber attackiert wird, und den Herbergen, die sich mit der Privatzimmervermittlung Airbnb konfrontiert sehen, wirbeln nun virtuelle Mitess-Zentralen das Restaurantgewerbe durcheinander.

Esse lieber ungewöhnlich. Apps wie Eatwith haben sich zu so etwas wie einem Mahlzeit-Airbnb entwickelt. Wer daheim vorzeigbar kochen kann, bietet hier für Fremde die Möglichkeit, gut und privat zu essen. In vielen Metropolen gelten diese sogenannten „Supperclubs“ als kulinarische Geheimtipps. Zwischen fünf und 16 Gäste kommen und zahlen in der Regel 30 bis 80 Euro für ein Menü – was die Kosten für die Zutaten und den Arbeitsaufwand der Köche abdecken soll. Jeder Gastgeber beschreibt sich und seine Küche auf der Website und gibt praktische Zusatzinfos wie Lage der Wohnung, die maximale oder minimale Anzahl der Gäste, die bekocht werden, sowie die erwartete Dauer des Essens.

Entscheidet sich ein Gast für ein Menü, stellt er über die App eine Buchungsanfrage. Bestätigt der Gastgeber, bekommt der Gast die genaue Adresse und der zuvor ausgewiesene Teilnahmebeitrag wird per Paypal oder Kreditkarte eingezogen.

Tapas in Spanien? Ein koscheres Menü in Israel? Britische Cuisine in London-Clapham? Das Prinzip der Mitess-Apps ähnelt der erfolgreichen Privatzimmervermittlung Airbnb.


Neue Konkurrenz für etablierte Restaurantszene

Nur geht es hier nicht um Übernachtungsplätze, sondern um einen Platz am Esstisch. Wer sich als Koch bewirbt, muss ein Demo-Abendessen kochen und mitunter per Skype ein Bewerbungsgespräch führen. Zu manchen Gastgebern kommen Eatwith-Mitarbeiter auch nach Hause, um die Qualität selbst zu überprüfen. Wer ausgewählt wird, erhält eine professionale Betreuung: Die meisten Bilder auf der Website sehen Hochglanz poliert aus. Eatwith lässt die Fotos meist von einem professionellen Fotografen machen. Ob das mit Venture-Kapital gegründete Unternehmen diesen Service mit anhaltendem Wachstum aufrechterhalten kann, muss sich allerdings noch zeigen.

Die etablierte deutsche Restaurantszene blickt auf die neue Konkurrenz zumindest mit Skepsis. Wenn dort „gastronomisch mit Gewinnerzielungsabsicht“ agiert werde, „hätten wir definitiv ein Problem“ mit dem Konzept, warnt Christopher Lück, Sprecher des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes. „Während unsere konzessionierten Betriebe permanent mit neuen Auflagen und Abgaben konfrontiert werden, stellen sich bei diesen Alternativen auch weitere Fragen: Wer garantiert dort die Hygiene? Wer haftet im Ernstfall?“, weist Lück auf Risiken hin.

Immerhin: Wer über Eatwith ein Essen bucht, ist nach Angaben des Unternehmens mit bis zu einer Million Dollar für eventuelle Folgeschäden per Haftpflicht abgesichert. Gegen Klagen seitens der etablierten Gastronomen wird das den Gastgeber jedoch nicht schützen. Denn auch, wenn der Gemeinschaftsgedanke im Vordergrund steht: Auch bei Eatwith geht es letztlich ums Geldverdienen.

Zusammen isst man weniger allein: Experten sagen voraus, dass Social Dining die nächste große Frontlinie der sogenannten Sharing Economy, der Ökonomie des Teilens, werden könnte. Denn die privaten Garküchen bieten etwas, das die wenigsten, häufig steril wirkenden Restaurants schaffen können: Einen privaten, gemütlichen Rahmen für ein Essen mit Einheimischen. Das Marktforschungsinstitut Euromonitor International in London nennt diese Art des gemeinsamen Essens einen der Megatrends im laufenden Jahr.

Vor allem junge Menschen in reicheren Städten überall auf der Welt suchten zunehmend nach modernen, mehr zwanglosen Formen des Essens, glaubt Euromonitor-Analystin Elizabeth Friend. So ist eine ganze Welle neuer Start-ups wie Bookalokal, Eatwith und Vizeat dabei, neue Wege zu bahnen, wie ambitionierte Hobbyköche sich ein zusätzliches Taschengeld mit ihrem Talent verdienen können, indem sie für Reisende und Einheimische ein neues authentisches Koch-Erlebnis schaffen – auch wenn der Großteil der Köche lediglich als Hobby zum Kochlöffel greift.

Dass die sogenannten „Supperclubs“ für ambitionierte Küchenkünstler jedoch durchaus ein Sprungbrett für mehr sein können, hat sich zumindest in der britischen Hauptstadt bereits herumgesprochen. So machte auch der portugiesische Koch Nuno Mendes, als er 2006 in die britische Hauptstadt kam, seine ersten Gehversuche als Gastronom zunächst mit einem Supperclub namens „The Loft Project“ in seinem Apartment im Londoner Hipster-Viertel Shoreditch. Dort testete er die Gerichte und Rezepturen, die er später in seinem Gastro-Pub verwenden wollte.

Heute gilt der Mann mit den sanften Augen und dem grauen Bart als Meisterkoch und leitet als Küchenchef das mit Michelin-Stern ausgezeichnete Restaurant im Londoner Chiltern Firehouse, dem Promi-Treff Nummer Eins der britischen Hauptstadt. Es ist eine unter Feinschmeckern gerne erzählte Geschichte, von deren Happy End die meisten Eatwith-Gastgeber allerdings wohl weiter nur träumen dürfen: den Aufstieg aus der heimischen Küche in den Olymp der Sterne-Köche.

Quellle:  Handelsblatt Online
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