Solar-Impulse-Pilot Borschberg: „Der VW-Skandal ist eine große Chance“

Solar-Impulse-Pilot Borschberg: „Der VW-Skandal ist eine große Chance“

, aktualisiert 27. Juli 2016, 19:03 Uhr
Bild vergrößern

Der Schweizer hat im Wechsel mit Bertrand Piccard die Erde in einem Solarflugzeug umrundet.

von Ozan DemircanQuelle:Handelsblatt Online

Er umrundete gemeinsam mit Bertrand Piccard die Welt in einem Solarflugzeug. Im Interview berichtet André Borschberg, wie das Projekt mehrmals zu scheitern drohte – und welche Kraft er und sein Team daraus entwickelten.

Zürich„We made it, we made it!” Bertrand Piccard und André Borschberg müssen völlig übermüdet sein. Aber das einzige, was sie empfinden, als ihr Flugzeug am Dienstag um vier Uhr nachts auf dem Flughafen von Abu Dhabi aufsetzt, ist Freude. Sie sind innerhalb von 16 Monaten mit einem Flugzeug um die Welt geflogen, das alleine von Sonnenlicht angetrieben wird.

Im März 2015 war der Solarflieger „Solar Impulse“ in Abu Dhabi aufgebrochen und über Indien, China und den Pazifik Richtung Hawaii geflogen. Dort musste das Team im vergangenen Jahr wegen eines Defektes der Batterien eine neunmonatige Pause einlegen. Das Projekt stand kurz vor dem Scheitern. Nach der Reparatur ging es über die USA und den Atlantik Richtung Europa und anschließend über Nordafrika und Saudi-Arabien zum Ausgangspunkt der Reise nach Abu Dhabi. Insgesamt legte der Solarflieger nach Angaben des Projektteams 43.041 Kilometer auf seiner Reise um die Welt zurück und war 558 Stunden und sechs Minuten in der Luft.

Anzeige

Ihr Pioniergeist ist gleichermaßen bemerkenswert wie außergewöhnlich in der heutigen Geschäftswelt. Zu Beginn des Projekts hatte das Team um die beiden Piloten Bertrand Piccard und André Borschberg weder eine ausgereifte Technologie noch die kompletten finanziellen Mittel vorzuweisen – und legten trotzdem los. Hätten sie mit dem Start der Solar Impulse gewartet, bis sie das ganze Geld beisammen gehabt hätten, wäre der Solarflieger vermutlich nie abgehoben. Doch mit der Zeit und jeder einzelnen Flugstunde gewann das Unternehmen mehr und mehr Interessenten. Selbst Firmen, die mit Technologie wenig am Hut haben, fanden Gefallen an einem Werbebanner auf den rund 70 Meter langen Flügeln – etwa der Champagnerhersteller Moët Hennessy.

Herr Borschberg, wie fühlt es sich an, mit gerade einmal 70 Stundenkilometern und 1600 Kilogramm Material über dem Pazifik durch die Wolken zu fliegen?
Es war ein Privileg, ich bin sehr stolz. Ich habe bei den Etappen, in denen ich geflogen bin, ständig aus dem Fenster geblickt und mir die aufgehende Sonne und die Flügel an unserem Flugzeug angeschaut. Und dann habe ich immer wieder gedacht: Nur die Sonne gibt die Energie, die mich in der Luft hält. Ich kann Ihnen sagen, das ist ein außergewöhnliches Gefühl.

Sie haben auf der Etappe von Japan nach Hawaii sogar einen Rekord gebrochen, mit über vier Tagen, die Sie in der Luft verbracht haben und über 7200 Kilometer zurückgelegter Entfernung…
…es waren sogar über 8200 Kilometer, wenn man die Warteschleifen hinzurechnet. Ich wollte einfach nicht runter!


„Ein Elektroantrieb hat einen viel höheren Wirkungsgrad“

Danach war allerdings erst einmal für neun Monate Pause angesagt. Sie und ihr Team mussten die Batterietechnik quasi von neu auf entwickeln, weil die Energiespeicher zu warm wurden.
Das war eine bittere Erfahrung. Aber nur am Anfang, denn es geht hier doch nur um die Motivation.

Wie meinen Sie das?
Es gibt immer Probleme und Widerstände, auf die man trifft und nicht gleich eine Antwort hat. Aber wenn man diesen Widerständen begegnet, erscheinen auch völlig neue Situationen. Dadurch erkennt man neue Möglichkeiten, das Problem anzugehen. So sollte auch Volkswagen vorgehen…

…wegen des Diesel-Skandals?
Ja. Die Schwierigkeit, mit den Manipulationsvorwürfen umzugehen, sollte das Management nutzen. Nun ist der perfekte Zeitpunkt gekommen, um ein Umdenken in die gesamte Organisation zu bringen. Der VW-Skandal ist, was das angeht, eine riesige Chance.

Glauben Sie, ein Auto könnte irgendwann auch alleine mit Sonnenenergie betrieben werden?
Wichtig ist, dass alle Motorenhersteller erkennen, dass ein Elektroantrieb einen viel höheren Wirkungsgrad hat. Auch deswegen war unser Flugzeug derart effizient. Im zweiten Schritt kann man dann darüber nachdenken, woher die Energie für diesen Elektroantrieb kommt.

Der Großvater ihres Co-Piloten Bertrand Piccard sagte bereits 1943, dass Solarenergie so schnell wie möglich den Antrieb mit fossilen Brennstoffen ersetzen müsse. Wann wird es soweit sein?
Wer weiß. Airbus hat aber bereits ein Hybrid-Flugzeug getestet, und US-Start-ups lassen sogar Solar-Drohnen fliegen. Es ist schön zu sehen, dass die Industrie immerhin in die richtige Richtung denkt.

Vielen Dank für das Interview, Herr Borschberg.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%