Sparkassen-Präsident Fahrenschon: „Das billige Geld trägt den Geruch der Krise”

Sparkassen-Präsident Fahrenschon: „Das billige Geld trägt den Geruch der Krise”

, aktualisiert 08. Januar 2016, 14:04 Uhr
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„Dieses ganze billige Geld trägt den Geruch der Krise.”

von Oliver StockQuelle:Handelsblatt Online

Der Präsident des Sparkassen- und Giroverbandes hält eine Anhebung der Leitzinsen in der Eurozone schon 2017 für möglich. Optimismus schöpft er aus der US-Zinswende. Einer vermiest ihm jedoch den positiven Ausblick.

DüsseldorfDie Bundesbank hatte schon im Herbst Alarm geschlagen: Wenn die Zinsen im Euroland in den nächsten vier Jahren nicht steigen, wird es eng für Sparkassen und Genossenschaftsbanken. In einer umfangreichen Studie hatten die deutschen Bankaufseher ausgerechnet, dass diesen Banken, die zum großen Teil vom Zinsgeschäft leben, rund die Hälfte ihres derzeitigen Gewinns wegbricht, wenn die Zinsen nicht steigen. Also ist Hoffnung angesagt, dass sich die Sache aus Bankensicht zum Besseren wendet.

Erster Verbreiter von Zuversicht ist schon von Berufs wegen Georg Fahrenschon, Präsident des deutschen Sparkassen- und Giroverbandes. Er wettert seit Jahren gegen die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank. Natürlich nicht aus Eigennutz und mit Blick auf die eigenen Institute, wie er stets betont und wie ihm jeder selbstverständlich glaubt, sondern weil, „dieses ganze billige Geld den Geruch der Krise trägt”. Mit diesen Worten hat Fahrenschon ordnungspolitisch sezierend den ersten Ludwig-Erhard Gipfel eröffnet, bei dem sich Politik und Wirtschaft am Tegernsee bei München trifft.

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Fahrenschon glaubt deswegen, dass trotz Ölpreis, China-Desaster und Flüchtlingskrise die Zinswende auch in Europa in Sicht ist. „Wenn wir die Zeit nutzen, werden wir die Zinswende im nächsten Jahr oder 2018 hinbekommen”, sagt Fahrenschon. Unter Zeit nutzen, versteht der Sparkassenpräsident „Strukturreformen” in den Euroländern. Sie müssten Vorrang vor neuen Schulden haben. Doch wenn Politiker wie der Italiener Mario Renzi erst neulich wieder neue Schulden im Staatshaushalt ankündigen, klingt Fahrenschons Einschätzung doch ein bisschen nach Zweckoptimismus.


„Eigentlich sind wir auf der Titanic”

„Wir sind mittendrin in einem geopolitischen Experiment unvorstellbaren Ausmaßes”, sagt er. Gemeint ist die Gelddruckerei der Zentralbanken mit der Konsequenz, dass die Zinsen da sind, wo sie sind, im Keller. Die Belastungen der Sparer seien nur eine Folge davon, klagt Fahrenschon und wird ordnungspolitisch grundsätzlich. „Es ist der wirtschaftliche Preis für das Gut Ersparnis abhanden gekommen.” Das dürfe nicht die neue Normalität werden. Dazu komme: Trotz extrem niedriger Zinsen hat die EZB die Konjunktur im Euroraum nicht wesentlich beeinflussen können. Das Vertrauen der Investoren werde, im Gegenteil, grundsätzlich beschädigt.

Was Fahrenschon nun doch Hoffnung macht, ist die US-Notenbank Fed. Sie hat den Anfang gemacht, die Zinsen im Dezember zum ersten Mal seit Jahren leicht erhöht und sucht nun den Weg aus dem Tal. Vielleicht zu spät, aber immerhin. „Es ist wichtig”, fügte Fahrenschon hinzu, „dass diese Trendwende gefestigt wird.”

Die Gipfelteilnehmer wären nach Fahrenschons Rede beschwingt in die Pause gegangen, wenn nicht Andreas Schmitz gekommen wäre, Aufsichtsratsvorsitzender der Großbank HSBC Trinkaus und Burkhardt. „In Wahrheit haben wir doch alle keine Ahnung, wie wir die Zahnpasta wieder in die Tube bekommen”, sagte er mit Blick auf die Geldvermehrung der Zentralbanken. „Eigentlich”, so fügte er hinzu und zitierte seine hauseigene Ökonomen, „sind wir alle auf der Titanic. Das Problem ist nur, wir haben alle Rettungsbote schon zu Wasser gelassen.” Das Jahr geht damit los, wie das alte aufhörte: Es gibt fröhliche und nicht zu überhörende Optimisten, Es gibt Realisten, die Wasser in den Wein gießen, und es gibt Pessimisten, die einem nicht so richtig Lust machen auf die nächsten zwölf Monate.

Quelle:  Handelsblatt Online
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