Sparkassen und Volksbanken: Es droht das große Bankensterben

Sparkassen und Volksbanken: Es droht das große Bankensterben

von Elisabeth AtzlerQuelle:Handelsblatt Online

Topmanager rechnen mit mehr Fusionen bei Sparkassen und Volksbanken. Der Grund: Die Margen im Kreditgeschäft sinken, den regionalen Kreditmanagern drohen bald verlustreiche Jahre. Eine Studie zeigt die Probleme auf.

Topmanager rechnen mit einem Bankensterben in Deutschland. Sie gehen davon aus, dass die Zahl der Institute bis zum Jahr 2025 um 20 Prozent schrumpft. Für die Sparkassen würde das bedeuten, dass dann noch knapp 320 Sparkassen aktiv sind – statt derzeit 396. Das ist das Ergebnis einer Umfrage der Frankfurter Beratungsfirma Investors Marketing.

Übertragen auf den Sektor der Volks- und Raiffeisenbanken würde die Prognose heißen, dass es in acht Jahren noch 780 Banken gäbe. Die Zahl der Genossenschaftsbanken war 2016 erstmals unter 1000 gerutscht, auf zuletzt 972. Für dieses Jahr geht der Bundesverband BVR von 60 bis 80 Fusionen aus. Auch bei Sparkassen nahm das Fusionstempo zuletzt zu.

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Befragt hat Investors Marketing 106 Topmanager vor allem aus Sparkassen, genossenschaftlichen und privaten Banken, die Hälfte davon ist Mitglied im Vorstand oder der Geschäftsführung. Die Berater selbst meinen, dass die Zahl der Banken bis 2025 sogar um 26 Prozent sinkt – also auf rund 300 Sparkassen und etwa 700 Genossenschaftsbanken. Die Beratungsgesellschaft Moonroc erwartet, dass sie mittelfristig auf 800 Häuser fällt, langfristig sieht Moonroc ein Potenzial für nur 250 Institute.

Sparkasse in Zeiten von Minizins und Digitalisierung

  • Ist die Filiale tot?

    Immer mehr Kunden wickeln immer mehr Bankgeschäfte digital ab: Vom heimischen Computer aus, mit der App auf dem Smartphone, online per Videoberatung. Flächendeckende Filialnetze, wie sie Sparkassen und Volksbanken unterhalten, werden zum Kostenfaktor. „Der Kunde geht nicht mehr in die Geschäftsstelle“, konstatierte vor einigen Wochen der bayerische Sparkassenpräsident Ulrich Netzer. Inzwischen komme ein Kunde im Schnitt nur einmal pro Jahr in eine Filiale, nehme aber 108 Mal jährlich online Kontakt auf. Bundesweit leisten sich die aktuell 409 Sparkassen laut nach Angaben des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV) 14 451 (Vorjahr: knapp 14 900) Filialen – inklusive Selbstbedienungspunkten. Der Verband rechnet mit einer weiteren Ausdünnung des engmaschigen Netzes. Die Sparkassen in Bayern beispielsweise haben bereits angekündigt, in diesem Jahr bis zu 220 ihrer 2200 Geschäftsstellen zu schließen.

  • Ist der Sparkassenberater ein Auslaufmodell?

    Ganz aufgeben wollen die Institute ihre Präsenz in der Fläche nicht. „Wir werden die Filialen am Ende immer unter zwei Überschriften prüfen: Der Kunde erwartet noch mehr Beratung, Beratungs-Know-how. Die reine Abwicklung gehört immer stärker der Vergangenheit an“, sagte DSGV-Präsident Georg Fahrenschon im März. „Wir sehen einen klaren Trend unsere Filialen in Sachen Beratung noch stärker aufzuladen und zugleich den digitalen Kanal auszubauen.“

  • Welche Rolle spielt die Niedrigzinsphase?

    Sparkassen verdienten lange gut daran, für Kredite mehr Geld zu kassieren als sie ihren Kunden an Zinsen fürs Sparen zahlten. Doch die Differenz aus den beiden Positionen, der Zinsüberschuss, wird tendenziell kleiner, weil die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins auf Null gesenkt hat. Sorge bereitet vielen Instituten zudem, dass immer mehr Kunden Gelder kurzfristig parken - während bei Krediten möglichst lange Laufzeiten gefragt sind. Steigen die Zinsen wieder, könnten Kunden ihre Einlagen rasch abziehen.

  • Wie reagieren Banken und Sparkassen auf das Zinstief?

    In der gesamten Branche wird an der Gebührenschraube gedreht. „Die Zeit von weiten Angeboten kostenloser Kontoführung ist aus meiner Sicht vorbei“, sagte Fahrenschon im März. „Wir werden Leistungen bepreisen müssen - und zwar verursachergerecht.“ Auch die genossenschaftlichen Sparda-Banken stimmten auf Preissteigerungen „auf breiter Front“ ein - etwa Gebühren für Überweisungen in Papierform oder die Girocard. Die Noch-Deutsche-Bank-Tochter Postbank arbeitet derzeit an einem neuen Preismodell. Postbank-Chef Frank Strauß sagte der „Welt am Sonntag“, ob das Girokonto kostenlos bleibe, könne er noch nicht sagen. Die Commerzbank will ab 1. Juni von Kunden des bislang kostenlosen Girokontos, die Papierbelege einreichen, eine Gebühr von 1,50 Euro pro Überweisung verlangen.

  • Müssen Privatkunden auf breiter Front auch mit Strafzinsen rechnen?

    Noch scheut sich die Branche davor, die Parkgebühr, die ihnen die EZB aufgebrummt hat, an Privatkunden weiterzureichen. Sparkassen-Präsident Fahrenschon mag nicht einmal den Begriff „Strafzins“ in den Mund nehmen. Der ehemalige bayerische Finanzminister betont: „Entscheidend ist, dass wir alles in unserer Macht stehende tun werden, um diesen verheerenden Effekt der Niedrigzinspolitik nicht beim privaten Sparer ankommen zu lassen.“ Auch die Volks- und Raiffeisen zeigen sich bislang eisern: „Wir werden versuchen, das Thema Negativzinsen unseren Privatkunden nicht zuzumuten“, sagt der Präsident des Dachverbandes BVR, Uwe Fröhlich.

  • Wie sieht die Praxis aus?

    Die Sparkasse Oberhausen - ein mittelgroßes Institut - schreckte Mitte März mit der Ankündigung auf, sie schließe Strafzinsen für reiche Privatkunden nicht mehr grundsätzlich aus. Betroffen wären aber nur Kunden, die Geldbeträge im siebenstelligen Bereich anlegen wollen, erklärte ein Sprecher. Denkbar seien in solchen Fällen künftig Verträge, die Strafzinsen erlaubten. Der Sprecher betonte: „Da wird kein privater Sparkunde in absehbarer Zeit betroffen.“ Bereits im Herbst 2014 hatte die Deutsche Skatbank in Thüringen für Aufsehen gesorgt, weil sie EZB-Strafzinsen an ihre Kunden weitergibt - allerdings bis heute nur dann, wenn die Einlagen eines Kunden bei dem genossenschaftlichen Institut drei Millionen Euro überschreiten.

  • Zahlen Bankkunden die Zeche für das Zinstief?

    Ein Trost: Völlig freie Hand haben die Institute beim Thema Gebühren nicht - gerade in einem so umkämpften Markt wie Deutschland. „Wer zu stark an der Gebührenschraube dreht, wird angesichts des starken Wettbewerbs allerdings Kunden verlieren“, erklärt Frank-Christian Pauli vom Verbraucherzentrale Bundesverband. Für zusätzliche Konkurrenz sorgen junge FinTechs, die online auf Kundenfang gehen. Die niedrigen Zinsen haben auf der anderen Seite auch Vorteile für Verbraucher: Kredite, etwa für die Baufinanzierung oder den Autokauf, sind aktuell extrem günstig zu haben.

Auch der Bankenprofessor Hans-Peter Burghof rechnet mit mehr Fusionen und damit, „dass möglicherweise zehn Prozent der Volks- und Raiffeisenbanken binnen etwa eines Jahres verschwinden werden“. Seiner Einschätzung nach werden die Banken durch die Fusionen aber nicht effizienter im operativen Geschäft. „Es geht vor allem darum, dass größere Häuser besser mit den Regulierungskosten zurechtkommen.“

Dass Manager und Berater mehr Zusammenschlüsse erwarten, ist kein Wunder. Fast die Hälfte von ihnen hält es für notwendig, das Geschäftsmodell grundsätzlich zu überdenken. Nur rund ein Drittel sieht das eigene Haus im Privatkundengeschäft als „bestens aufgestellt“. Vor zwei Jahren lag der Anteil von bei 40 Prozent. Vor allem die Sparkassenmanager sehen Probleme. Von ihnen sehen sich nur 24 Prozent wirklich gut gewappnet.
Gut 60 Prozent der Befragten rechnen mit sinkenden oder stagnierenden Erträgen im Geschäft mit Privatkunden bis zum Jahr 2025.

Das liegt vor allem daran, dass die Geldhäuser im klassischen Geschäft mit Einlagen und Krediten angesichts der Minizinsen immer weniger verdienen. Vor allem Volksbanken und Sparkassen leiden unter der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB).

Der Großteil der Gesamterträge regionaler Banken - rund 80 Prozent - stammt aus dem Geschäft mit Krediten und Einlagen. Doch die Marge im Kreditgeschäft schrumpft, zum anderen ist es für die Regionalbanken schwer, mit ihren eigenen Anlagen noch etwas zu verdienen. Wer sicher investieren will, bekommt dafür fast keine Rendite - zumal die EZB Anleihen im großen Stil aufkauft. „Im Jahr 2017 werden die Ergebnisse der Banken noch ganz gut aussehen, 2018 dann schon schlechter, und ab 2019 werden erste Regionalbanken keine schwarzen Zahlen mehr schreiben, wenn Sie keine Gegenmaßnahmen ergreifen“, meint Oliver Mihm, Chef von Investors Marketing.

Prognose: Zinsen bleiben noch mehrere Jahre niedrig

Schließlich dürften die Zinsen nach Einschätzung der Banker noch länger niedrig bleiben. Fast 70 Prozent gehen davon aus, dass die Zinsen erst ab dem Jahr 2021 langsam steigen. Mit einem Zinsschock, bei dem die Zinsen plötzlich hochschnellen, rechnen nur zwei Prozent.

Dabei glauben nur wenige an eine geringere oder pragmatischere Regulierung. 38 Prozent meinen, dass die Regulierung sogar noch massiv zunimmt. Und das, obwohl Bankenverbände wie deutsche Aufseher sich derzeit darum bemühen, dass für kleine Geldhäuser künftig in bestimmten Punkten weniger strenge Vorgaben gelten. Ob die so genannte Small Banking Box aber wirklich umgesetzt wird, dürfte sich erst nach zähen Verhandlungen innerhalb der EU zeigen.

Sparkassen Kampf der kommunalen Klüngel-Wirtschaft

Entschlossene Bürger und Politiker wollen das Gefälligkeitskartell zwischen Bürgermeistern und Sparkassenchefs aufbrechen. Das zwingt die Sparkassen zu Reformen.

Aktivist Gottwald will die Sparkassen zwingen, mehr an Kommunen auszuschütten Quelle: Wolf Heider-Sawall für WirtschaftsWoche

Mihm zufolge müssen sich vor allem kleine Banken überlegen, welche Dienstleistungen sie im eigenen Haus erstellen und welche sie von anderen Dienstleistern – aus der eigenen Gruppe oder von extern - übernehmen und ob sie neue Dienstleistungen zusätzlich anbieten. „Das könnten beispielsweise auch Verträge mit Stroman- und Mobilfunkanbietern sein.“ Der Großteil der befragten Bankmanager (75 Prozent) hält Einsparungen für sehr wichtig. Immerhin gut die Hälfte kann sich vorstellen, die Gebühren zu erhöhen oder Preismodelle zu ändern. „Die Branche könnte die Preise noch weiter erhöhen, aber nicht, indem sie stumpf Preise für einzelne Dienstleistungen oder für Konten anhebt.

Sie muss den Kunden vermitteln, dass Sie Dienstleister sind und Ihre Bankdienstleistung auch etwas wert ist“, meint Mihm. Zahlreiche Sparkassen, private und genossenschaftlichen Banken haben in den vergangenen Monaten die Preise für die Kontoführung angehoben und teils Preise für einzelne Dienstleistungen erstmals eingeführt – bis hin zu Gebühren für Barabhebungen am Geldautomaten. Deshalb hatten die betroffenen Geldhäuser viel Kritik eingesteckt.

Quelle:  Handelsblatt Online
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