Special: In Singapur teilt man einen Traum

Special: In Singapur teilt man einen Traum

, aktualisiert 07. November 2011, 14:09 Uhr
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Singapur gehört globalen Spitzenreiter in Sachen Geschäftsklima. Das sieht man auch an dem Betrieb im Containerhafen.

von Urs WälterlinQuelle:Handelsblatt Online

Wirtschaftliche Freiheit, Rechtssicherheit – gekoppelt mit einer fürsorglichen und gleichzeitig restriktiven Gesellschaftspolitik – das ist der moderne Stadtstaat Singapur. Der Auftakt zu einem Online-Special.

SingapurDie Eröffnung des 12. Parlaments in Singapur vorletzte Woche war wie ein Mikrokosmos dieses Stadtstaates, eine Reflektion seiner ethnischen Vielfalt, der kollektiven Philosophie, seiner Ziele und der Herausforderungen, denen sich das Land gegenüber sieht. So hielten die 90 Abgeordneten, die im Mai gewählt worden waren, ihre Ansprachen nicht nur in Englisch, der Hauptsprache Singapurs, sondern in Chinesisch-Mandarin, in Malaiisch und – zum ersten mal in der Geschichte des Landes – in Tamilisch.

Singapur ist einer der multikulturellsten Staaten auf dem Globus: die 5,17 Millionen Einwohner stammen aus so ziemlich jeder Ecke der Welt. Trotz oder vielleicht gerade wegen dieser Vielfalt haben sie einen gemeinsamen Traum: eine Nation zu schaffen, in der jeder und jede prosperieren kann, in der die Gesellschaft in Harmonie lebt. Während der Parlamentseröffnung war die Botschaft von Präsident Tony Tan Keng Yam ebenso versöhnlich wie bestimmt. Ziel der Regierung, des Parlaments, müsse sein, „dass alle Bürger vom Wachstum profitieren, nicht nur ein paar Auserwählte“. Singapur brauche eine „faire und gerechte Gesellschaft, die den Wohlstand jedes Bürgers sichert; eine gütige und mitfühlende Gemeinde, deren Mitglieder zu einander schauen und – in typischem Singapur-Stil – wo unsere Kinder das beste aus sich machen können“.

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„Benevolent dictatorship“

Diese fürsorgliche, auf den ersten Blick fast paternalistisch anmutende Haltung der Landesväter ist einer der wesentlichen Gründe, weshalb Singapur innerhalb einer Generation von einer britischen Kronkolonie auf einer Gruppe von 63 Inseln ohne wesentliche natürliche Rohstoffe zu einem der wirtschaftlich erfolgreichsten Staaten geworden ist - nicht nur Asiens, sondern der Welt. Die Politik der „benevolent dictatorship“ - der „wohlwollenden Diktatur“ - sie wurde vom früheren Premierminister Lee Kuan Yew perfektioniert.

Es ist das Prinzip von Zuckerbrot und Peitsche: weitgehende wirtschaftliche Freiheit und soziale Sicherheit auf der einen, gnadenlose Härte gegenüber jenen, die ausscheren, auf der anderen Seite. Harmonie als oberstes Ziel des Staates, auch wenn es an die persönlichen Rechte der Bürger geht. Diese im Westen kaum vorstellbare Politik hat im Volk aber überwältigende Unterstützung. Es findet sich in Singapur kaum jemand, der klagt, dass der Import von Kaugummi strikt verboten ist – das spart nämlich der Öffentlichkeit Reinigungskosten -, dass die Prügelstrafe regelmäßig angewendet wird – das spart an Erziehungsheimen - und dass Drogenhändler am Galgen enden – das spart Gefängniskosten und schreckt ab.

Kratzer

Doch in den letzten Jahren hat das Bild der kompletten Harmonie einen Kratzer erhalten: eine Welle von billigen Arbeitskräften aus dem Ausland hat zu einer Verknappung der Wohnräme geführt, und wohl auch zu einer Erhöhung der sonstigen Lebenshaltungskosten. In der Bevölkerung zeigen sich erste Symptome der Abneigung, ja sogar des Rassismus‘ gegenüber den aus anderen asiatischen Ländern stammenden, tausenden von ungelernten Arbeitern. “Es ist deshalb erklärtes Ziel der Regierung, diese Entwicklung zu stoppen“, sagt Wu Kun Lung, Volkswirt bei Credit Suisse in Singapur gegenüber Handelsblatt Online. Das Land wird in den kommenden Jahren die Bedingungen für die Einwanderung von schlecht oder gar nicht ausgebildeten Gastarbeitern drastisch verschärfen. „Und das ist gut so“.


"Beeindruckender Entwicklungspfad"

Nicht, dass die Singapurer Wirtschaft oder die Gesellschaft wegen dieses demografischen Problemes wirklich unter Druck kommen würden. Das Land bewege sich weiterhin „auf einem beeindruckenden Entwicklungspfad“, sagt Tomas Hundt, Singapur-Spezialist von Germany Trade and Invest (gti). Nach einem Rekordwirtschaftswachstum von 14,5 Prozent im letzten Jahr sagen Experten für beide kommende Jahre Raten von 6 Prozent voraus. Die Regierung baue den Stadtstaat zum „internationalen Zentrum für Innovationen und Hochtechnologien“ aus, so der Analyst.

Destination der Wahl

Trotz dieses erwarteten, etwas schwächeren Wachstums ist Singapur nach wie vor die Destination der Wahl für viele ausländische Investoren und Unternehmen. Einer Umfrage der Wirtschaftsförderstelle Economic Development Board zufolge bleiben Unternehmen optimistisch gestimmt. Die Investitionen legten 2010 gegenüber dem Vorjahr real um 5,1 Prozent zu. Vor allem die Sektoren Maschinen, Software und sonstige Ausrüstungen verbuchten signifikante Zuwüchse. Dieser Trend werde sich im laufenden und dem nächsten Jahr fortsetzen. Aus dem Ausland fließen die Mittel derzeit vor allem in die Elektronikindustrie. Auch der geplante Ausbau des Gesundheitswesens und Engagements im Chemie-Cluster böten gerade auch deutschen Ausrüstungslieferanten gute Geschäftsmöglichkeiten, meint Hundt.

Hohe Geschäftskosten

Sorgen bereiten einzig die Geschäftskosten. Citigroup prognostiziert für 2011 und 2012 Lohnsteigerungen von jeweils 5,0 Prozent. Denn mit einer Arbeitslosenrate von nur 1,9 Prozent herrscht Vollbeschäftigung. Nicht zuletzt deshalb wurden auch die nun kritisierten Gastarbeiter in Land geholt. In Südostasien verfügt Singapur mit 34 Prozent über den höchsten Anteil von Ausländern an den Erwerbstätigen. Zudem steigen die Mieten für Wohnungen und Büroräumlichkeiten.

Die Inflation ist ein weiterer Faktor, der Kommentatoren beschäftigt. Für 2011 rechnet die Zentralbank mit einer durchschnittlichen Zunahme der Konsumentenpreise um rund 4 Prozent. Da Konsum- und Investitonsgüter aber überwiegend eingeführt werden müssen, wollten die Währungshüter über eine Aufwertung des Singapur-Dollar (S$) Kaufkraftverluste der Bürger und Unternehmen ausgleichen, erklärt Analyst Hundt. 2010 büsste der Euro rund 14 Prozent gegenüber dem S$ ein.


Attraktiver Standort

Doch das sind Nebensächlichkeiten. Denn die Fundamentaldaten des Landes sind ausgezeichnet. Die Währungsreserven wachsen aufgrund der Leistungsbilanzüberschüsse laufend weiter und erreichten im März 2011 mehr als 233 Mrd. US$. Teile dieses Kapitals würden über Auslandsinvestitionen des Staatsfonds GIC wieder exportiert, meint Hundt. Laut dem Finanzministerium wird der Staatshaushalt 2011 ausgeglichen sein. Kein Wunder also, dass Ratingagenturen für die Kreditwürdigkeit des Landes regelmäßig Höchstnoten verteilen. Auch bei internationalen Vergleichsstudien steht Singapur ganz oben – etwa beim „Ease of Doing Business“ der Weltbank, der Bewertung der Korruptionsfreiheit von Transparency International, und der Wettbewerbsfähigkeit gemessen von World Economic Forum.

Diese Faktoren, gekoppelt mit Rechtssicherheit, niedriger Kriminalität, einer hohen Lebensqualität und einem zuverlässigen, modernen Gesundheitssystem machen Singapur auch für deutsche Unternehmen attraktiv. 1200 Firmen sind im Stadtstaat niedergelassen – viele davon Mittelständler - rund 7000 Deutsche leben in Singapur, sagt Dr.Tim Philippi, seit acht Jahren Direktor der Deutsch-Singapurischen Industrie- und Handelskammer. Unternehmen und Anleger engagieren sich aus mehreren Gründen in diesem Land. Zum einen ist Singapur eine ideale Basis für Geschäfte in Südostasien.

Die kleine Nation lebt vom Export. Das Außenhandelsvolumen Singapurs von 902 Mrd. S$ übertraf 2010 das BIP um das Dreifache. Der Wert der Importe stieg um 19 Prozent auf 423 Mrd. S$, die Exporte wuchsen um 22 Prozent auf 79 Mrd. S$. Kaum ein anderes Land hat mehr Freihandelsverträge als Singapur. Auch mit der Europäischen Union wird derzeit über ein Abkommen verhandelt. Singapurs Einfuhren aus Deutschland beliefen sich 2010 auf 12,1 Mrd. S$ - sechs Prozent mehr als im Vorjahr. Deutschland ist der wichtigste Handelspartner in Europa und belegte unter allen Einfuhrländern Platz 11.

Starker Binnenmarkt

Der zweite Grund für ein Engagement ist der starke Binnenmarkt. „Singapurer sind die wohlhabendsten Konsumenten in Südostasien“, erklärt Tomas Hundt von gti. Gewichtet um die jeweilige Kaufkraft liegt Singapurs Volkseinkommen pro Kopf weltweit sogar an dritter Stelle, so die Weltbank. Das Land hat pro Kopf der Bevölkerung mehr US Dollar-Millionäre als jede andere Nation. Singapurer sind fanatische „Shopper“. Konsum ist fast eine Sucht im Stadtstaat. Aber auch der Einkaufstourismus spielt eine immer wichtigere Rolle in der Gesamtwirtschaft. Singapur ist zunehmend eine Wunschddestination für Chinesen – hunderten von Millionen kauffreudiger Konsumenten. Es erstaunt somit nicht, dass der Einzelhandel laufend expandiert. Obwohl es schon heute auf keinem Ort der Welt auf so kleinem Raum so viele Einkaufszentren gibt wie in Singapur.

Quelle:  Handelsblatt Online
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