Spurensuche in Holland: Das Zittern vor einem Beben

Spurensuche in Holland: Das Zittern vor einem Beben

, aktualisiert 15. März 2017, 11:08 Uhr
von Mathias BrüggmannQuelle:Handelsblatt Online

Heute wählen die Niederländer. Und wie vor schon vor dem Brexit-Votum und der Trump-Wahl werden die Menschen eingelullt: Der Rechtspopulist Wilders könne gar nicht an die Macht kommen, heißt es. Aber stimmt das auch?

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Geert Wilders vor der Wahl: Der niederländische Rechtspopulist gibt den Kämpfer gegen das Establishment.

AmsterdamNein, einen Nexit wolle sie auf keinen Fall, keinen Austritt der Niederlande aus der EU. „Bitte nicht Geert Wilders wählen“, sagt die Frau mit dem dunkelroten langen Haar, die sich Marija nennt. „Sonst müssen wir Polinnen wohl nach einem EU-Austritt der Niederlande auch aus Holland raus wie wahrscheinlich auch aus Großbritannien bald nach dem Brexit.“ Im berühmten Rotlichtbezirk in Amsterdam, am Grachtenufer, ausgerechnet im Schatten der Oude Kerk, Amsterdams ältester Kirche, wartet die Polin hinter rot angestrahlten Schaufenstern auf Freier.

Marija ist mit ihrer Ablehnung gegen den EU-Hasser Wilders hier nicht allein. Auch Henk, der in einem der zahlreichen Coffee Shops in Amsterdams Altstadt dafür sorgt, dass die Gäste aus ihren Pfeifchen und Zigarettenblättern nicht nur Tabak inhalieren, lehnt den Mann mit den wasserstoffperoxid-gefärbten, an Mozart erinnernden Haaren ab: „Zum Thema Haschisch und der weiteren Freigabe hat Wilders zwar noch nichts wirklich gesagt, doch er lehnt dies alles hier ab, nennt uns schon einmal Grachtengesindel in Abgrenzung zum ‚guten‘ holländischen Volk“, erzählt der bis zum Hals tätowierte Barkeeper.

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In den Niederlanden geht es um viel mehr als Hasch und Prostituierte, das beides seit Jahrzehnten für eine vermeintliche Liberalität und Offenheit des Polderstaats steht. An diesem Mittwoch steht mit der möglichen Wahl des Rechtspopulisten Wilders viel mehr auf dem Spiel: Europas Einheit, der Zusammenhalt der Kulturen, der Euro, Werte, für die die EU bisher stand und die schleichend erodieren.

Wilders Freiheitspartei PVV will die Niederlande aus EU und Euro führen, den Koran verbieten, alle Moscheen schließen und es „denen da oben“ heimzahlen. Dabei liefert er sich ein spektakuläres Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem amtierenden Premier Mark Rutte und seiner Regierungspartei VVD um den Rang der stärksten Fraktion im schlicht „Zweite Kammer“ heißenden Landesparlament in Den Haag.

Doch wer dort, in der Hauptstadt, die stärkste Fraktion wird, entscheidet in Wirklichkeit noch nichts. Denn Volksparteien sind in Holland längst tot, führende Parteien kommen auf kaum 20 Prozent und brauchen wohl mindestens drei Koalitionspartner, um regieren zu können. Nur mit Wilders - dem 53-jährigen früheren Abgeordneten von Ruttes VVD - will niemand zum Tandemlauf ins Kabinett.

Und Wilders selbst, der in Umfragen im Dezember noch klar führte, seine Zustimmungsraten aber inzwischen so sehr zerrinnen sieht, dass er am Dienstagabend erstmals noch schnell an einem TV- Duell fast aller Spitzenkandidaten teilnahm, könnte am Ende doch noch auf Rang eins landen. Auch wenn er im Fernsehen den Propheten Mohammed als Pädophilen und einige Türken als Abschaum bezeichnete.


„Nicht schlimm, wir sollten sowieso aus dem Euro raus“

Denn viele Sympathisanten des Anti-Islam-Kämpfers, dessen Mutter aus dem heutigen Indonesien stammt, dem größten muslimischen Land der Welt, geben sich nicht zu erkennen. Sie winken ab, wenn man im Südosten Amsterdams nach der Wahl fragt.

Doch einige reden in Bijlmermeer, einer einst sozialdemokratischen Hochburg. Wo früher Betonbauten in den Himmel wuchsen leben heute 150 Nationen, der Frust grassiert. Er habe immer bei der Partij van de Arbeid (PvdA), also den Sozialdemokraten sein Kreuzchen gemacht, sagt ein Mann im Blaumann hinter dem Steuer eines Müllsaugers. Seinen Namen will der 58-Jährige nicht nennen, das „gibt nur Ärger“ sagt er. Diesmal stimme er für Wilders - nicht, weil der den Islam aus Holland verdrängen will, sondern „weil an uns kleine Leute keiner mehr denkt, wir immer später in Rente sollen, und keiner mehr weiß, ob wir als Pflegefälle mehr bekommen als zweimal Duschen in der Woche.“

Tatsächlich könnte zwar Premier Ruttes VVD trotz gewaltiger Verluste und arg gerupft stärkste Partei bleiben, doch dem Koalitionspartner PvdA droht der Absturz um zwei Drittel der Mandate auf unter zehn Prozent. Denn beide haben die Niederlande zwar nach der weltweiten Finanzkrise aus der Rezession gezogen und nach den drei skandinavischen EU-Staaten und Tschechien zum Land mit der gerechtesten Einkommensverteilung innerhalb Europas gemacht.

Doch die Sozialdemokraten regieren seit Jahren im Agenda-2010-Modus mit allen Folgen des Absturzes bei Wahlen. Rutte wird zudem angekreidet, trotz markiger Sprüche immer wieder Griechenlands Rettungsmilliarden mitbewilligt zu haben.

Das dürfte aber vor allem das Schicksal seines Finanzministers Jeroen Dijsselbloem besiegeln: Der Sozialdemokrat dürfte wegen der Schwäche der PvdA nicht mehr ins neue Kabinett kommen und so seinen Posten als Chef der Euro-Gruppe verlieren.

„Nicht schlimm, wir sollten sowieso aus dem Euro raus“, sagt der Müllmann von Bijlmermeer. Er glaube an Wilders Spruch „Nederland weer van ons“ – die Niederlande wieder für uns. Das sieht auch ein Einwanderer aus der früheren niederländischen Kolonie Surinam so, der keinen Namen nennen will, während er Kroketten aus einem Automaten zieht. Er sei zwar gegen Wilders Nexit-Kurs, wolle aber wegen dessen Islam-Kritik für ihn stimmen.

„Denn viele junge Marokkaner wollen sich nicht integrieren“, sagt der lateinamerikanische Immigrant an die Adresse der Nordafrikaner, die vor den Türken mit 380.000 die größte Einwanderergruppe in den Niederlanden stellen. Wie in Deutschland die AfD durch russlanddeutsche Einwanderer bekommt Wilders inzwischen von Menschen aus ehemals holländischen Kolonien Zuspruch – und natürlich von sozial Abgehängten, Menschen mit Sorgen um die Sicherheit ihrer Renten und mit Angst vor wachsender Kriminalität. „Polderland ist abgebrannt“, pfeift der Müllwagenfahrer spöttisch.


Was Wilders für Wähler attraktiv macht

Kann aber Wilders, der nach fast 20 Jahren als Abgeordneter im Landes-Parlament nun den Kämpfer gegen das Establishment gibt, die Niederlande wirklich ändern? Das Land ist tief gespalten, so wie die USA vor der Wahl Donald Trumps oder Großbritannien beim Brexit-Votum. In der Heimat von Tulpen, Matjes und Gouda zeigt sich das etwa in der Trennung in den „Grachten-Gürtel“ – so nennt Wilders das von liberalen Intellektuellen bewohnte Zentrum Amsterdams – und Landstrichen wie dem erzkatholischen Limburg oder Absteiger-Vierteln der einstigen Links-Hochburg Rotterdam.

Hier will Wilders mit einem Wahlprogramm punkten, das Moscheen-Schließungen, Koran-Verbot, Migranten-Rauswurf, EU-Austritt und Euro-Abschaffung ebenso vorsieht wie die Rückkehr zur Rente mit 65, ein Ende der Krankenkassen-Selbstbeteiligung und den Stopp von Förderungen für Windparks und Kultur. André Krouwels, Amsterdamer Politologe, wirft den etablierten Parteien vor, „sich nicht um die Zukunftssorgen der Menschen zu kümmern“. Der Schriftsteller Geert Mak schreibt von der „Den Haager Welt der Illusionen“.

Wilders PVV habe laut Krouwels als „eine Partei, die in irgendeiner Form Schutz bieten will – selbst wenn sie nur Luftschlösser verspricht – Erfolg. Schutz ist in diesen Zeiten von Globalisierung für Wähler extrem attraktiv“, erklärt der Amsterdamer Wahlforscher die Siegeschancen des Rassisten mit ungarischer Ehefrau.

Gleichzeitig räumt er Wilders keine Chancen auf eine Koalitionsbildung nach der Wahl am Mittwoch ein, wegen des Wahlsystems ohne Fünf-Prozent-Hürde und dem offensichtlichen Wunsch sehr vieler Niederländer, immer ähnlichere Parteien zu gründen. Premier Rutte warf dem wie Trump dauer-twitternden Wilders live im Fernsehen schon vor: „Regieren ist eben schwieriger als von der Couch zu twittern.“

31 Parteien treten bei der Wahl am Mittwoch an, vier bis sechs hätten die Chance, über zehn oder 15 Prozent zu kommen. Und für eine Regierung werde eine Koalition aus vier Parteien nötig, sind Analysten der Barclays-Bank überzeugt. Allerdings ohne Wilders PVV. Mit ihr wolle niemand koalieren, sind sich Analysten einig.

„Sollte Wilders aber dennoch Regierungschef in Holland werden mit allen fatalen Folgen für Europa“, ist sich ein Deutscher in gehobener Position in den Niederlanden auf zynische Art sicher, „dann helfen immer noch Klimawandel und Erderwärmung, die Wilders und Trump negieren: Dann säuft der Großteil der Niederlande ab.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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