Starköchin Wiener zu Glyphosat im Bier: „Das führt das Reinheitsgebot ad absurdum“

Starköchin Wiener zu Glyphosat im Bier: „Das führt das Reinheitsgebot ad absurdum“

, aktualisiert 25. Februar 2016, 16:05 Uhr
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„Es tritt in den Hintergrund, dass Lebensmittel vor allem gesund sein sollen.“

von Georg WeishauptQuelle:Handelsblatt Online

Erst Plastik in Schokoriegeln, jetzt ein Pestizid im Bier: Wie sicher sind unsere Lebensmittel? Sarah Wiener hat eine klare Meinung: Die Fernsehköchin kritisiert das Reinheitsgebot – und rechnet mit der Industrie ab.

DüsseldorfFrau Wiener, heute sorgen Meldungen über das umstrittene Pestizid Glyphosat im Bier für Schlagzeilen, am Mittwoch waren es Kunststoffteile in Schokoriegeln von Mars. Können wir der Lebensmittelindustrie noch trauen?
Nein. Ich mache mir aber weniger Sorgen um ein kleines Plastikteil, das versehentlich in einem Schokoriegel landet. Das ist zwar schlecht, wird aber durch die schnelle Rückrufaktion des Mars-Konzerns wieder behoben.

Was ist denn schlimmer?
Dass die Nahrungsmittel-Industrie oft nicht mehr weiß, was sie genau verarbeitet. Das haben Sie 2013 beim Pferdefleischskandal gesehen. Tiefkühlkost-Hersteller zeigten sich total überrascht, wie denn das als Rindfleisch deklarierte Pferdefleisch wohl in ihre Produkte gekommen sei.

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Sie werfen der Lebensmittelindustrie also vor, dass sie nicht genau weiß, woher ihre Zutaten stammen?
Ja, wenn sie große Unternehmen fragen, wo denn die Grundnahrungsmittel herkommen, die sie verarbeiten, können sie Ihnen das oft nicht genau sagen: Also von welchem Feld bei welchem Bauern zum Beispiel die Tomaten stammen und wie sie genau aufgezogen, gedüngt und behandelt wurden.

Aber in Lebensmitteln sind ja nicht nur natürliche Zutaten.
Es ist ein Unding, dass es 360 offiziell zugelassene Zusatzstoffe gibt. Die benutzt die Industrie vor allem, um die Lebensmittel haltbarer zu machen und die Produktionskosten zu senken.

Das ist doch nicht grundsätzlich verwerflich oder?
Dabei tritt leider in den Hintergrund, dass Lebensmittel vor allem gesund sein sollen. Es sollte doch der oberste Maßstab sein, dass Lebensmittel eine hohe natürliche Qualität haben und nicht vollgepackt sind mit zum Teil belastenden oder womöglich krebserregenden Stoffen.

Zeigt die Belastung des Biers mit dem Pestizid Glyphosat, dass wir strengere Lebensmittelgesetze brauchen?
Auf jeden Fall. Die Gesetze müssen viel stärker die Gesundheit und die natürliche Ernährung des Menschen im Blick haben. Alles, was in irgendeiner Form giftig ist oder in dem Verdacht steht, giftig zu sein, gehört verboten.


„Ich trinke sowieso kein Bier“

Reicht denn die Kennzeichnung der Lebensmittel heute?
Wir brauchen unbedingt mehr Transparenz und Aufklärung über Lebensmittel. Auf den Packungen im Supermarkt müssen genauere Informationen über den Ort und die Art der Produktion stehen. Etwa wie die Zahlen über die genaue Herkunft- und das Legedatum bei Bio-Eiern.

Welche Lebensmittel können wir denn heute noch bedenkenlos kaufen?
Essen Sie möglichst wenig verarbeitete Lebensmittel! Kochen Sie mehr selbst aus frischen Produkten. Das ist nicht nur gesund, sondern trägt auch zu einem glücklichen und genussvollen Leben bei.

Sind denn Bio-Lebensmittel gesünder?
Auf jeden Fall gesünder als vieles aus der klassischen Nahrungsmittelindustrie. Aber es gibt auch in dieser Branche schwarze Schafe. Bio ist nicht gleich Bio. So haben Produkte von Bioland oder von Demeter-Betrieben eine ganz andere Qualität als Bio-Waren, die aus China importiert werden.

Frau Wiener, trinken Sie nach den Erkenntnissen über Glyphosat noch Bier?
Ich trinke sowieso kein Bier. Aber eines ist doch klar: Der Nachweis einer hohen Dosis von Pestizid im Bier führt doch das deutsche Reinheitsgebot ad absurdum. Die Belastungen des als sauber geltenden Nationalgetränks liegen doch deutlich über dem von Trinkwasser. Das kann doch nicht sein.
Frau Wiener, vielen Dank für das Gespräch.

Quelle:  Handelsblatt Online
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