Start-up Konux: Die Defekt-Vorherseher

Start-up Konux: Die Defekt-Vorherseher

, aktualisiert 29. April 2016, 18:48 Uhr
Bild vergrößern

Im vergangenen Jahr hatte jeder vierte Zug des Staatskonzerns mindestens sechs Minuten Verspätung.

von Franz HubikQuelle:Handelsblatt Online

Smarte Sensoren und prominente Investoren: Ein Münchner Startup will die eingerostete deutsche Industrie revolutionieren indem es hilft, Störungen zu beheben bevor sie auftreten. Ein Dax-Konzern schwört bereits darauf.3

HannoverEs ist der Alptraum aller Reisenden: Mitten im Berufsverkehr tritt eine Störung auf. Der Bahnverkehr muss eingeschränkt werden, einige Züge fallen sogar ganz aus. Überfüllte Ersatzbusse kommen nur langsam ins Rollen. Für Pendler und Touristen ist solch eine beinahe alltägliche Situation ärgerlich – für die Deutsche Bahn ist es eine Katastrophe.

Im vergangenen Jahr hatte jeder vierte Zug des Staatskonzerns mindestens sechs Minuten Verspätung. Jeder zehnte Zug rollte mehr als 15 Minuten später im Zielort ein als vorgesehen. Die Unpünktlichkeit kostet Milliarden. Für 2015 weist die Deutsche Bahn hohe Verluste aus. In dieser Notlage schickt sich nun ein Münchner Start-up an, das Image des größten Mobilitätskonzerns des Landes aufzupolieren. Das ambitionierte Ziel: Verspätungen und Totalausfälle infolge von Weichenstörungen sollen der Vergangenheit angehören. „Mit unserer Technik lassen sich Defekte erkennen, bevor sie eintreten“, sagte Andreas Kunze dem Handelsblatt. Der Mitgründer und CEO von Konux stattet gerade einen Teil der 70.000 Weichen im Schienennetz der Deutschen Bahn mit smarten Sensoren aus. Dank der Messgeräte kann Konux auf tausende Daten zurückgreifen, die etwa darüber Auskunft geben, welchen Temperaturen, Vibrationen oder Druckverhältnissen die Weichen ausgesetzt sind.

Anzeige

Selbstlernende Algorithmen werten die Daten aus und sagen punktgenau voraus, wann eine Weiche so abgenutzt ist, dass sie ausgetauscht werden muss. Der Vorteil: Die Deutsche Bahn kann proaktiv reagieren. Statt das Verschleißteil erst dann zu ersetzen, wenn ein Defekt eintritt, lässt sich der nötige Weichenwechsel vorab planen und spätnachts bei geringem Zugverkehr durchführen. Konux verspricht, dass sich durch diese vorbeugende Wartung (Predicitive Maintenance) die Maschinenverfügbarkeit deutlich erhöht und die Instandhaltungskosten um mehr als 25 Prozent senken lassen.
Auf der weltgrößten Industriemesse in Hannover zählt Konux in diesem Jahr zu den fortschrittlichsten Gründern. Während andere Jungunternehmer noch nach Geldgebern suchen, um ihre Prototypen marktreif zu formen, können die Münchner bereits mit einer gut gefüllten Kriegskasse und maßgenschneiderten Lösungen aufwarten. Erst vor zwei Wochen sammelte Konux 6,6 Millionen Euro bei einem Konsortium aus Risikokapitalgebern (NEA, MIG Fonds, UnternehmerTUM-Fonds) ein. Schon länger überzeugt von den Fähigkeiten der insgesamt fünf Unternehmensgründer ist Andreas von Bechtolsheim, der legendäre erste Investor von Google.


Der Markt für smarte Sensoren boomt

„Wir haben 2014 mit 4000 Euro und null Mitarbeitern begonnen“, erzählt Konux-Chef Kunze. Der 25-Jährige baute die Firma zusammen mit vier Kollegen auf, die an der TU und LMU München studierten. Heute beschäftigt Konux 25 Angestellte und erwirtschaftete im abgelaufenen Geschäftsjahr einen knapp sechsstelligen Umsatz.

„Ich hatte den Drang, selbst unternehmerisch tätig zu werden“, sagt Kunze. Er wollte aber nicht einfach „nur eine App bauen“, sondern eine Anwendung aus Hardware und Software. Bei Deutschland denkt er sofort an Maschinenbau und Qualität. „Aber genau dort geht noch was“, sagt Kunze. Obwohl die Datenauswertung immer wichtiger werde, beruhe die Sensor-Technik, die viele Unternehmen einsetzen würden, noch auf Prinzipien aus den 1950er Jahren.

Für Sensoren gibt es viele Anbieter: Die Mittelständler ifm electronic Pepper+Fuchs und HBM beispielsweise. Weltkonzerne wie Microsoft stellen zudem Plattformen zur Verfügung. Doch das seien alles nur Komponenten-Anbieter; wirklich smarte und ganzheitliche Lösungen würden diese Firmen nicht bereitstellen. „Wir grenzen uns mit der Software-Intelligenz von den anderen ab“, sagt Kunze. Seine Kunden würden nicht einfach nur Sensoren geliefert bekommen, sondern obendrauf eine kontinuierliche Datenanalyse.

„Andere Anbieter können das auch“, relativiert Peter Frühauf vom Verband der deutschen Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA). Allerdings seien die etablierten Sensorik-Hersteller „sicher nicht so beweglich“, wie ein Startup, sagt Frühauf. Marktlücken gebe es immer. Zu einem harten Verdrängungswettbewerb dürfte es aber nicht kommen, denn der Markt boomt insgesamt. „Wir sehen seit Jahren eine stetig steigende Nachfrage nach Sensoren“, erklärt VDMA-Experte Frühauf. Die Digitalisierung von industriellen Prozessen sichere das Wachstum der Branche auch für die nächsten Jahre ab.

„Sensoren sind die Quelle der Datenerfassung, mit denen dann die Clouds gefüttert werden“, sagt Frühauf. Sehen, hören, fühlen – all das würden künftig Sensoren digital erfassen. Darauf aufbauend, könne man neue Geschäftsmodell entwickeln. Und da hat auch Konux noch viel vor.
„Wir wollen in drei bis fünf Jahren im Segment Schienennetz Marktführer sein“, sagt Mitgründer Kunze. Allein die Deutsche Bahn investiert jährlich 1,4 Milliarden Euro in die Instandhaltung der Infrastruktur des Konzerns. In ganz Europa, rechnet Kunze vor, gebe es etwa 350.000 Weichen, weltweit mehr als eine Million. Ein Milliardenmarkt. Konux denkt aber noch weiter: Industriepumpen, Maschinen- und Anlagenbau, Medizintechnik – die Anwendungsfelder für smarte Sensoren sind beinahe unbegrenzt.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%