Start-ups der Finanzszene: Die Hochhaus-Etage mit Zukunftscharme

Start-ups der Finanzszene: Die Hochhaus-Etage mit Zukunftscharme

, aktualisiert 18. November 2016, 14:03 Uhr
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Die Geldhäuser in Frankfurt wollen näher an junge Finanztechnologiefirmen heranrücken

von Elisabeth Atzler, Eike Hagen Hoppmann und Katharina SchneiderQuelle:Handelsblatt Online

Berlin ist der wichtigste Standort für junge Finanz-Start-ups. Frankfurt will aufholen und hat daher ein „Tech Quartier“ eröffnet. Um die Gunst der neuen Firmen balgen aber viele – und kommen sich in die Quere.

Frankfurt Eigentlich wollen die Frankfurter Banken, das Land Hessen und junge Finanz-Start-ups ("Fintechs") an diesem Donnerstagabend Einigkeit zeigen – und den Standort künftig auch für eben jene Fintechs attraktiver machen, die bislang vor allem Berlin als Standort bevorzugen. Doch die Premiere eines neuen „Tech Quartiers“ spaltet die Branchenvertreter eher, denn sie zu vereinen.

Auf einigen Etagen des Wolkenkratzers Pollux (ausgerechnet am „Platz der Einheit“ gelegen) sollen Firmen aus der Fintech-Szene nebeneinander, gegeneinander und miteinander arbeiten und Finanzdienstleistungen revolutionieren. An das so genannte "Tech Quartier" knüpft vor allem Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir große Hoffnungen. Allerdings: Zur selben Zeit findet gleich um die Ecke eine Konkurrenzveranstaltung, beim "Fintech Headquarter", einem Netzwerk der Szene. Und: Sowohl im Pollux als beim Tech Quartier als auch beim Fintech Headquarter werden an diesem Abend Preise für Fintechs vergeben. "Bescheuert", findet das manch einer in Fintech Headquarter.

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Al-Wazir spricht auf der Eröffnung des „Tech Quartiers“ und sagt selbstsicher: „Frankfurts Fintech-Traum ist nicht gescheitert, er wird heute wahr.“ Der Grünen-Politiker kann zumindest auf einige prominente Unterstützer aus der Firmenwelt verweisen. Elf Partnerunternehmen sind in dem Hochhaus vertreten, dazu zählen Commerzbank, Deutsche Bank, Deutsche Börse, ING Diba, die Landesbank Hessen-Thüringen und DZ-Bank. Sie steuern mehrere Jahre lang jeweils 100.000 Euro zum „Tech Quartier“ bei. Entsprechend viele Banker waren bei der Eröffnung, während sich viele aus der umgarnten Tech-Szene eher beim Fintech Headquarter zeigen. Dort klagen Teilnehmer: „Die Leute, die wichtig sind und Geld haben sind auf der anderen Veranstaltung.“

Zu sehen ist im „Pollux“ noch nicht viel vom künftigen „Tech Quartier“. Die Fahnen sind zwar gehisst, doch noch ist dort kein Start-up eingezogen. Auf der Etage für die Fintechs laufen die Bauarbeiten. Erst Anfang oder Mitte Dezember werden sich die Büros langsam füllen. Zum Start sollen 120 Arbeitsplätze eingerichtet sein. Etwa ein Drittel davon sollen von „Accelator“-Programmen – einer Art Geburtshelfer für ganz junge Firmen – besetzt werden. Zudem sollen bald etwas mehr als ein Dutzend Fintechs vor Ort sein – darunter Debitos, United Signals, creditshelf, myPension, Easyfolio und WebID Solutions. Hinzu kommen einzelne Gründer, die sich noch in einer frühen Unternehmensphase befinden.

Das „Tech Quartier“ solle so einen wesentlichen Beitrag zu einem „Fintech-Ökosystem“ in der Region leisten, hofft Minister Al-Wazir. Der Gedanke hinter dem Fintech-Zentrum: Es soll jungen Finanztechnologieunternehmen die Chance geben, Ideen auszuprobieren, aber auch den Austausch zwischen Fintechs und Banken fördern.


Vorname genügt

Al-Wazir, der die Gründung des Fintech-Zentrums angestoßen hatte, setzt darauf, dass eine Plattform entsteht, um die Vielzahl von Fintech-Aktivitäten am Finanzplatz „zu bündeln, zu ergänzen und international zu vernetzen“. Denn einiges hat sich schon getan in der Stadt. Die Commerzbank hat längst den „Main Incubator“ ins Leben zu rufen, eine Einheit, die mit Finanz-Startups zusammenarbeitet und dabei neue Ideen aufschnappen soll. Und die Deutsche Bank hat eine „Digitalfabrik“ mit rund 400 IT-, Finanz- und Rechtsexperten gestartet.

Bei der konkurrierenden Preisverleihung im Fintech Headquarter gibt es weniger Banker und lockere Hausregeln: Vorname genügt, wahrhaftig sein – und glücklich. Hier gibt es fast keine Anzugträger, Sakko und weißes Hemd dominieren. Im Tech Quartier dagegen dominieren Anzug und Krawatte. Wie unterschiedlich Banker und Fintechs sind, wird auch kulinarisch deutlich. Während in Pollux Häppchen gereicht werden, gibt es im Fintech Headquarter Pizza.

Auch wenn die Initiativen teilweise nebeneinander her um Firmen werben: Die Begeisterung bei jungen Unternehmen für die Stadt am Main scheint bereits geweckt worden zu sein. Aktuell zählt die Beratungsfirma EY in ganz Deutschland 305 Fintechs. Mit 87 befindet sich die Mehrzahl in Berlin, 81 sind in der Region Rhein-Main-Neckar angesiedelt, 36 in München, dahinter folgt Hamburg mit 25. Eine allgemeingültige Definition, was eigentlich ein Fintech ist, gibt es allerdings nicht und so ist so ist es auch zu erklären, dass andere Beobachter auf höhere Zahlen kommen.

Laut EY zumindest war das quantitative Wachstum in der Region Rhein-Main-Neckar zuletzt am größten. Zwischen März und Oktober sei die Zahl der Fintechs dort um 45 Prozent gestiegen. Bundesweit gab es nur ein Plus von 22 Prozent. Ob Frankfurt eine Chance hat, Berlin einzuholen, gilt aber als fraglich. „Berlin ist der Standort für die Start-up-Szene. In Berlin gibt es gute Entwickler, Designer, Grafiker. Die Firmen finden hoch qualifizierte Mitarbeiter, auch aus dem Ausland“, sagt Maik Klotz, Berater für Zahlungsverkehr. Das Frankfurter Tech Quartier hält er dennoch für eine gute Idee. „Es kann dem Standort Frankfurt helfen.“

Nach Berlin zu schauen, ist für Politiker Al-Wazir sogar schon zu kurz gesprungen. „Es geht nicht um Frankfurt oder Berlin“, sagt er. Es gehe um die Frage, ob Frankfurt mit anderen internationalen Standorten mithalten könne.

Quelle:  Handelsblatt Online
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