Stendal, Bitterfeld, Ulm: Sparkassen ketten sich von Sparverträgen los

Stendal, Bitterfeld, Ulm: Sparkassen ketten sich von Sparverträgen los

, aktualisiert 21. Dezember 2016, 09:17 Uhr
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Mit den Werbeslogan „gut” für Deutschland oder für die Region werden die Sparkassen für sich. Nicht so gut dürften viele Kunden es finden, wenn Sparkassen und andere Geldhäuser attraktive Sparverträge kündigen.

von Elisabeth AtzlerQuelle:Handelsblatt Online

Die Kreissparkasse Stendal kündigt attraktive Sparverträge. Es geht um Verträge namens „S-Prämiensparen flexibel“, bei denen Kunden einen steigenden Bonus erhalten. Auch andere Institute kündigen.

Frankfurt Nach der Sparkasse Ulm, der Kreissparkasse Bitterfeld und der VR Bank Nürnberg kündigt auch die Kreissparkasse Stendal attraktiv verzinste Sparverträge. Das Geldhaus hat rund 2.200 solcher Verträge gekündigt. Der Clou an den Sparprodukten: Kunden erhalten einen Bonus von bis zu 50 Prozent der pro Jahr eingezahlten Summe.

Dieser Bonus wächst im Laufe der Zeit. Das heißt, dass die Verträge erst wirklich attraktiv sind, wenn die Sparer mehrere Jahre lang Geld beiseitegelegt haben. Die „Volksstimme“ und der Mitteldeutsche Rundfunk berichteten darüber.

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Die Kreissparkasse bestätigte die Kündigung von Verträgen namens „S-Prämiensparen flexibel“ und verteidigt ihr Vorgehen. „Wir haben nur die Verträge gekündigt, bei denen die Sparer mindestens einmal die höchste Prämie von 50 Prozent bekommen haben. Die Verträge müssen dafür mindestens 15 Jahre lang laufen“, sagt Sparkassenchef Jörg Achereiner dem Handelsblatt. Seiner Einschätzung nach geht es um Sparverträge, die einem so genannten Dauerschuldverhältnis entsprechen. Das könne unter bestimmten Bedingungen gekündigt werden. Bei einem Teil der 2.200 betroffenen Sparverträge soll die Kündigung erst in einigen Jahren greifen – wenn der Bonus von 50 Prozent erreicht ist.

Andere, ebenfalls attraktiv verzinste Sparverträge lässt die Kreissparkasse Stendal dagegen weiterlaufen. „Sparverträge mit einer Prämienstaffel und mit einer festen Laufzeit von beispielsweise 25 Jahren haben wir nicht angefasst“, so Achereiner. „Diese Verträge bestehen weiter fort – auch wenn die Sparkasse damit Verlust macht.“

Damit unterscheidet sich das Vorgehen des Stendaler Geldhauses zumindest ein Stück weit von dem der Sparkasse Ulm. Die Ulmer Sparkasse war bundesweit in die Schlagzeilen geraten, weil sie Tausende Kunden aus teils noch langlaufenden, attraktiv verzinsten Sparverträgen gedrängt hatte. Zur Begründung für ihren Schritt verwies die Sparkasse auf die niedrigen Zinsen, durch die sie Verluste mit den „Scala“-Sparverträge mache. Vor Gericht allerdings kassierte die Sparkasse eine Niederlage. Die einigte sich später per Vergleich mit Sparern, die geklagt hatten.


Geldhäuser begründen Vorgehen mit Minizinsen

Mit den Niedrigzinsen begründet auch Achereiner den Schritt der Kreissparkasse. Das sei das zentrale Argument, sagt er. Alle Banken, vor allem aber Sparkassen und Volksbanken müssen damit rechnen, dass ihre Gewinne in den kommenden Jahren einbrechen. Die verdienen sowohl mit Krediten als auch mit Eigenanlagen immer weniger.

Andere Geldhäuser, die Sparverträge gekündigt hatten, verweisen ebenfalls auf die Minizinsen. Allerdings unterscheiden sich die bekannten Fälle, weil es jeweils um ähnliche, aber doch nicht um gleiche Typen von Sparverträgen geht. So wurde Ende 2015 bekannt, dass die Kreissparkasse Anhalt-Bitterfeld hunderte langlaufende Bonussparverträge gekündigt hat. Sie geht davon aus, dass es die Verträge mit einer Frist von drei Monaten beenden darf. Kunden erhielten Alternativangebote.

Verbraucherschützer sehen das ganz anders: Sie meinen, dass die Verträge eine Mindestlaufzeit von 15 oder sogar 25 Jahren haben und deshalb nicht vorzeitig gekündigt werden können. Vor Gericht will die Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt der Sparkasse untersagen, sich weiterhin auf ein Kündigungsrecht mit Dreimonatsfrist zu berufen.

Vor dem Landgericht Dessau-Roßlau erlitt die Verbraucherzentrale allerdings eine Niederlage. Das Gericht wies die Klage ab. Inzwischen haben die Verbraucherschützer Berufung eingelegt. Zudem könnten einzelne Sparer klagen. Das Landgericht hatte auch argumentiert, für die Klärung des Streits seien Einzelfallprüfungen erforderlich.

Mehrere Sparkassenkunden haben auch gegen die Kündigung ihrer Sparverträge geklagt. Ein Sprecher der Sparkasse teilt mit, man habe „einvernehmliche Lösungen im Sinne von Vergleichen im Interesse der Kundenbeziehung gefunden“. Der überwiegende Teil der betroffenen Sparer habe zudem bereits Alternativangebote angenommen, dabei geht es um Festzinssparen für drei Jahre.

Auch in Nürnberg bahnt sich Zoff um die Kündigung lukrativer Sparverträge an, wie vergangene Woche bekannt wurde. Die Verbraucherzentrale Bundesverband hat die Volksbank Raiffeisenbank (VR Bank) Nürnberg abgemahnt, weil diese gut verzinste und ursprünglich langlaufende Sparpläne gekündigt hat.


In Ulm ging es um 20.000 gekündigte Sparverträge

Konkret geht es um zwei Typen von Sparverträgen, den „VR Sparplan 3+“ und den „VR Sparplan 4+“, die eine Verzinsung der Guthaben von mindestens drei sowie mindestens vier Prozent im Jahr vorsehen - eine attraktive Rendite angesichts der aktuellen Minizinsen. Beworben hatte die VR Bank die Verträge damit, dass Kunden die „garantierte Verzinsung bis zu 25 Jahre lang nutzen“ könnten.

Das Nürnberger Kreditinstitut beruft sich in seinem Kündigungsschreiben auf „Sonderbedingungen für den Sparverkehr“, die es 2012 einführte. Diese sehen für Spareinlagen eine Kündigungsfrist von drei Monaten vor. Die Verbraucherschützer meinen aber, dass das nicht greife.

Wie viele Kunden in Nürnberg genau betroffen sind, gab die VR Bank nicht an. Es könnte sich um einige hundert Verträge handeln. Rund 40 Kunden haben sich an die Verbraucherzentale Bayern gewandt. Das Geldhaus glaubt, dass die beiden Sparpläne keine Ähnlichkeit mit den Scala-Verträgen haben. Den Scala-Kunden habe nach einem niedrigen Zins in der Anfangszeit ein hoher Zins am Ende der Vertragslaufzeit gewinkt. In Nürnberg ist der Zins dagegen stabil.

Eine weitaus größere Dimension hatte der Streit in Ulm. In der Auseinandersetzung ging es um gut 20.000 Besitzer von Scala-Verträgen. Sie bieten Zinsen von teils mehr als drei Prozent und laufen noch bis maximal 2030. „Scala“ ist das italienische Wort für „Treppe“ – bei den Verträgen erhalten Sparer zusätzlich zum variablen Grundzins einen steigenden Bonus von teils 3,5 Prozent.

Rund zwei Jahre lang zoffte sich das Ulmer Institut mit einigen Kunden um die „Scala“-Sparverträge. Anfang dieses Jahres einigten sich beide Seiten auf einen Vergleich - aber erst, nachdem das Geldhaus vor dem Oberlandesgericht Stuttgart eine Niederlage kassiert hatte. Als der Vergleich geschlossen wurde, waren rund 14.000 Sparer auf Alternativangebote der Sparkasse eingegangen, die für etliche Kunden aber schlechter verzinst sind oder nicht so lange laufen wie die Scala-Verträge.

Auch andere Geldhäuser bieten ihren Kunden Alternativangebote. Die Kreissparkasse Stendal will mit jedem betroffenen Kunden direkt sprechen. Die VR Bank Nürnberg bietet Kunden an, das angesparte Guthaben auf ein Festgeldkonto zu übertragen, das für ein Jahr mit 1,5 Prozent sowie zwei Prozent verzinst wird – ein im Vergleich zu den beiden Sparplänen unattraktiver Ersatz.

Quelle:  Handelsblatt Online
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