Streit im US-Wahlkampf: Klimawandel polarisiert mehr als Abtreibung

Streit im US-Wahlkampf: Klimawandel polarisiert mehr als Abtreibung

, aktualisiert 21. August 2016, 08:35 Uhr
Bild vergrößern

Klimawandel polarisiert in USA mehr als Abtreibung

Quelle:Handelsblatt Online

Für Trump ist es ein großer Schwindel, für Clinton ein ernstes Problem: Zum Klimawandel entsteht in den USA eine politische Kluft. Statt sich gegen die Erderwärmung zusammenzuschließen, driften die Lager auseinander.

WashingtonNichts spaltet die politischen Lager in den USA so sehr wie das Thema Klimawandel. Vereinfacht gesagt: Die Liberalen glauben an die Erderwärmung, die Konservativen nicht. Die Kluft verläuft heute tiefer als vor zwei Jahrzehnten, als der damalige US-Vizepräsident Al Gore das Kyoto-Protokoll zum Klimaschutz mit ausgehandelt hatte.

„Das war der Moment, in dem sich die beiden Lager zu teilen begannen“, sagt Anthony Leiserowitz, der sich an der Universität Yale mit der öffentlichen Meinung zum Klimawandel befasst. Das Thema polarisiere mehr als Schwangerschaftsabbruch oder Homo-Ehe. Der republikanische Präsidentschaftsbewerber Donald Trump hat wiederholt erklärt, er halte Berichte über die vom Menschen verschuldete globale Erwärmung für Schwindel.

Anzeige

Der Wettlauf zum Mond, die Fortschritte in der Medizin, der Siegeszug der Informationstechnologie - all diese Dinge trugen im 20. Jahrhundert zu einem „unglaublichen Vertrauen in die Versprechen der Wissenschaft“ bei, wie es der Kommunikationsprofessor Matthew Nisbet formuliert. Heute dagegen seien die Amerikaner in dieser Hinsicht gespalten, wobei eine Seite die Wissenschaft als bedrohlich wahrnehme.

Besonders deutlich, so Nisbet, werde dies beim Thema Klimawandel, und zwar, weil das globale Problem ein gemeinsames Handeln erfordere. „Das ist für die Konservativen schwer zu akzeptieren“, sagt der Kommunikationswissenschaftler.

Bob Inglis hat das am eigenen Leib erfahren. Der Politiker aus South Carolina saß von 1993 bis 1999 und noch einmal von 2005 bis 2011 für die Republikaner im Repräsentantenhaus. Lange schlug er Warnungen vor der Erderwärmung in den Wind. „Ich hielt den Klimawandel für Unsinn, für eine Einbildung Al Gores“, sagt er. Doch als Inglis in der Antarktis und am Great Barrier Reef mit eigenen Augen sah, welche Folgen ein Anstieg der Temperaturen haben kann, änderte er seine Meinung. Seine politische Karriere bei den Republikanern war damit zu Ende: 2010 kassierte er in einer Vorwahl eine haushohe Niederlage. „Ich galt als Überläufer, als Helfer fürs Al-Gore-Lager“, sagt er, „und das konnte man mir nicht verzeihen.“

Einer Studie der Universitäten Yale und George Mason zufolge ist der Anteil der Amerikaner, die den Klimawandel völlig leugnen, mit zehn Prozent eher gering - aber es ist eine lautstarke Gruppe. Immerhin 45 Prozent sind der Erhebung zufolge im Hinblick auf den Klimawandel zumindest beunruhigt oder gar „alarmiert“.

Der Psychologe und Politikwissenschaftler Jon Krosnick, Professor an der Universität Stanford, stimmt seinem Yale-Kollegen Leiserowitz zu, dass mit dem 1997 beschlossenen und von Al Gore symbolisch unterzeichneten Kyoto-Protokoll die Polarisierung in Sachen Klimaschutz begann. Allerdings seien sich die Amerikaner einiger als ihnen bewusst sei, meint Krosnick.

Seinen Untersuchungen zufolge glauben 90 Prozent der Demokraten, 70 Prozent der Republikaner und 80 Prozent der Parteiunabhängigen, dass der Mensch den Temperaturanstieg der vergangenen Jahrzehnte überwiegend oder teilweise verursacht hat. Diese Umfragewerte sind seit Jahren weitgehend konstant. Ein anderes Bild zeigt sich bei der Frage, ob die Erderwärmung für die USA zu einem ernsten Problem werden könnte: 90 Prozent der Demokraten, aber nur rund die Hälfte der Republikaner sagen ja.

Die Mahnungen der Wissenschaftler vor den Folgen des Klimawandels werden zwar gehört, aber offenbar von vielen nicht verstanden, wie der Meteorologie-Professor Marshall Shepherd immer wieder feststellen muss. An einem kalten, schneereichen Wintertag bekomme er schon mal Kommentare zu hören wie: „In meinem Garten liegen 50 Zentimeter Klimawandel.“ Wer so etwas sage, klagt Shepherd, habe noch immer nicht kapiert, dass es einen Unterschied zwischen Wetter und Klima gibt.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%