Stress, Hektik und keine Ruhe: Der Kampf gegen die Zeitknappheit

Stress, Hektik und keine Ruhe: Der Kampf gegen die Zeitknappheit

, aktualisiert 29. August 2015, 18:14 Uhr
von Thorsten GierschQuelle:Handelsblatt Online

Noch nie haben die Menschen mehr Freizeit gehabt. Und noch nie hatten sie gefühlt weniger Zeit für sich. Warten, Muße, Ruhe – Fehlanzeige! Wer aus der Mühle herauskommen will, muss Ungewöhnliches wagen. Ein Plädoyer.

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Der Metapher vom „Menschen als Uhrwerk“ gelang ein Siegeszug. Charlie Chaplin parodierte es 1936 in seinem Film „Modern Times“.

DüsseldorfSchon beim ersten Mord der Geschichte ging es darum, wie ein Mensch seine Zeit verbringt: Der vom mühseligen Ackerbau geplagte Kain erschlägt seinen Bruder Abel, den müßiggängerischen Hirten. Der zornige Gott schickt Kain in die Diaspora: „Rastlos und ruhelos wirst du auf der Erde sein“, heißt es in der Bibel bei Genesis 4, 12. So kam die Unruhe in das Leben der Menschen.

Doch es dauerte noch ein paar Jahrhunderte, bis der Mensch sich dem Diktat der Zeit vollends unterordnete: Mit der Erfindung der Uhr begann eine Epoche, die den Namen „Moderne“ bekommen hat. War der Lebensrhythmus bisher bestimmt von der Natur, nahm der Mensch die zeitlichen Abläufe nun selbst in die Hand und erschuf sich die Illusion grenzenloser Planbarkeit. Dem Dichter Friedrich Hölderlin gelang es, den Menschen dieser Ära im Schwellenjahr 1800 mit vier kurzen Worten ein allzu passendes Motto entgegenzurufen: „So eile denn zufrieden.“ Das Leben wird sich dramatisch beschleunigen, ahnte Hölderlin hellseherisch voraus. Und der Mensch wird dies sogar bejahen, obwohl es sein Leben nicht angenehmer macht.

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Heute kaum vorstellbar, dass gerade die effiziente Exportnation Japan erst deutlich später die Uhr „geschenkt“ bekam. Wie so vieles in dieser Ära importierten sie von den Europäern auch das Zeitsystem. Bis 1871 gab es im Japanischen nicht mal ein Wort für „Zeit“. Dort wie auch in Europa und anderswo hat die Erfindung der Uhr etwas grundlegend anderes aus dem Menschen gemacht. So ätzte der Schriftsteller Kurt Tucholsky 1919: „Dieses Tempo, diese irrsinnige preußische Art, sich das Leben kaputtzumachen. Anderswo wird auch gearbeitet, und sicherlich so intensiv wie bei uns – aber man macht nicht solchen Salat daraus.“  

Seit Tucholsky hat sich die Lebenserwartung beinahe verdoppelt und von einer 38-Stunden-Woche konnten Arbeiter damals nur träumen. Dennoch erleben wir heute Zeitknappheit mehr denn je, fühlen uns gehetzt und gestresst. Zur Schau gestellte Zeitnot suggeriert, dass man zu den Leistungsträgern der Gesellschaft gehört. Wer immer Zeit hat, gilt schnell als Loser. Die Sucht nach Effizienz wirkt pathologisch. Und viele von uns wissen gar nicht, wie wir da reingeraten sind.

Wer da rauskommen und wieder Herr über seine Zeit werden will, muss mehr tun, als auf Ratschläge von selbst ernannten Zeitmanagern zu hören. Es gehört reichlich Selbstdisziplin dazu, das Warten wieder zu lernen, sich reizfreie Momente zu schaffen und sich Mußestunden zu erlauben. Denn auch die Freizeit gestalten wir mit Kalender und Uhr. Freie Zeit ist selten und vielleicht ist es vielen Menschen sogar unangenehm, sich in Mußestunden mit sich selbst und dem eigenen Leben zu beschäftigen: „In dem vergeblichen Bemühen, diese Leere mit Amüsement und Zerstreuung zu füllen, wird das Leben kurz“, schreibt der Philosoph Ralf Konersmann in seinem aktuellen, höchst beachtenswerten Buch „Die Unruhe der Welt“. Hier erklärt der erfolgreiche Publizist, wie der Drang zum ständigen Wandel in die Menschheit kam und warum vor allem die Europäer die Unruhe als ihr Schicksal erkannt und sogar bejaht haben.

Unser heutiger Sprachgebrauch spiegelt unser Denken wider: Wir sparen Zeit, managen sie, verlieren sie, investieren sie oder schlagen sie gleich tot. Und wir beschleunigen die Zeit: Wir verbrauchen Energievorräte, die über Jahrmillionen gebildet wurden, in wenigen Jahrzehnten. Wir reduzieren die Artenvielfalt, für die die Evolution gewaltige Zeit brauchte, ebenfalls mit Rekordtempo. Staaten bauen in Monaten Schuldenstände auf, die in Jahrzehnten nicht abzuzahlen sind. Es gilt der Begriff des Schriftstellers Alexander Kluge vom „Angriff der Gegenwart auf den Rest der Zeit“.


Wir haben mehr Zeit, doch was machen wir damit?

Da dies nicht einfach so weitergehen kann, erwarten Fachleute intensive Auseinandersetzungen: „Die Frontlinien der künftigen Kulturkämpfe in den westlichen Industriestaaten werden zwischen den Beschleunigern des digitalen Kapitalismus und den Entschleunigern verlaufen“, schreibt der Bestsellerautor Rüdiger Safranski in seinem aktuellen Buch „Zeit“. Und der einzelne? Auch der leidet unter dem massiven Konflikt von Eigenzeit und Gesellschaftszeit.

Um nur ein Beispiel zu nennen: Forscher publizierten jüngst Studienergebnisse über die „Leasure Disease“, also die Freizeitkrankheit. Darin heißt es: 60 Prozent von uns werden in den ersten Urlaubtagen krank, weil wir aus dem Dauer-Adrenalindruck herausfallen. Dabei ist das Hormon mal für den seltenen Fall gedacht gewesen, dass wir vom Säbelzahntiger verfolgt werden. Der Kult-Psychiater Viktor E. Frankl beschrieb es so: „Das Gefühl der Inhaltsleere und der Sinnlosigkeit des Daseins, wie es gerade beim Stillstand wochentäglicher Betriebsamkeit ausbricht und zutage tritt.“

All dies begann im Zuge der industriellen Revolution unterstützt durch die Erfindung des elektrischen Lichts und durch die Entwicklung des Transportwesens, allen voran der Eisenbahn im 19. Jahrhundert. Dies war der Durchbruch der synchronisierten Zeit, der Koordination der Uhren. Und so konnte sich das „wunderliche Phänomen“ der Pünktlichkeit herausbilden. Ohne Pünktlichkeit hätten die Fabrikhallen nicht funktionieren können und was das aus den Menschen machte, kann man allein daran erkennen, dass bei Revolten in der Regel nicht die Maschinen zerschlagen wurden, sondern als Erstes die Uhren.

Sie waren die Symbole einer tiefgreifenden Kontrolle. Und sind es noch heute – nur dass die Mehrheit der Arbeitenden mittlerweile nicht mehr in Fabriken stehen, sondern überstundengeschwängerte Bürojobs haben. Dass auch hier jedes Potenzial genutzt wird, um versteckte Pausen zu minimieren, also Zeitreserven zu heben, ist offensichtlich. So wuchs die Kluft zwischen der „Zeit der Uhr“ und der am eigenen Leib erfahrenen Zeit, der sogenannten „Eigenzeit“.

Der Philosoph Rüdiger Safranski schreibt: „Es wächst der Zeit-Anteil, der eigenzeitlich genutzt werden kann. Doch wird er hauptsächlich vor dem Fernseher und dem Internet verbraucht und von den dortigen Zeit-Takten beherrscht.“ So vergeht auch die Eigenzeit fremdbestimmt. Verlief die Front über gut zwei Jahrhunderte lang zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber, so verschiebt sie sich immer mehr in Richtung der Trennung zwischen der Technik als Beschleuniger und dem entschleunigtem Leben.

Safranski betont die paradoxe Wirkung, die die allgemeine Beschleunigung hat: „Die Steigerung der Verbrauchsgeschwindigkeit und die damit verbundene Auslagerung von Risiken in die Zukunft müsste eigentlich kompensiert werden durch eine Entschleunigung.“ Doch dazu kommt es offenkundig nicht. Safranski sieht einen Grund dafür in der Endverbraucher-Mentalität: „Die wollen nichts auf die lange Bank schieben, da sie alles von der Gegenwart erwarten, und auf Nachkommen brauchen sie keine Rücksicht zu nehmen.“ Wo Goethe mit seinem Doktor Faust also eine überzeichnete Figur schuf, ist sie heute zum Common Sense geworden: „Und was der ganzen Menschheit zugeteilt ist, will ich in meinem innern Selbst genießen.“


Wie viel Flexibilität verträgt die Gesellschaft?

Was vordergründig Egoismus ähnelt, schadet uns selbst – oft ohne dass wir es rechtzeitig merken. Denn die natürliche Taktung des Lebens, auch die des Körpers, wird durch die Uhr ausgehöhlt: Leben ist auf Dauer nur mit gewissen Rhythmen vereinbar. Zeitkrankheiten breiten sich aus, vor allem bei denen, die mal nachts und mal tagsüber arbeiten. Die Pausen- und Erholungskultur geht danieder und der freie Abend wird zersägt durch Mobiltelefone. Die Kultur des Westens war jahrhundertelang geprägt von der Präferenz der Ruhe – doch inzwischen wird längst die Unruhe präferiert.

Dabei vergeht Zeit nicht immer gleich schnell: Ob beim Sex, beim Reden, beim Fernsehgucken, Lesen oder Tanzen. Beim Schauen der letzten Minuten des WM-Finals, wenn Deutschland 1:0 führt? Da braucht man nicht mal Einsteins Relativitätstheorie um zu merken, dass die Zeit keine absolute Größe ist. Doch in unserem Bewusstsein wird Zeit mit dem Instrument verwechselt, das sie misst.

Entscheidend ist die Erkenntnis, dass sich beides nicht verträgt: ständige Erreichbarkeit und die Herrschaft der Uhr. Der produktive Mensch ist nicht zwingend der pünktliche. Und der glückliche ist er allemal nicht. Typische Ratgeber bringen wunderbare Hinweise, wie man Zeit managen kann. Das durchkalkulierte Leben mag effizienter sein, doch „Zeitmanager lieben die Zeit nicht“, wie Karlheinz Geißler in seinem Buch „Time is honey“ schreibt. Wir waren noch nie so frei, über unsere Zeit zu entscheiden, wie heute: „Und nie waren wir so wenig in der Lage, diese Freiheiten zu unseren Gunsten zu nutzen“, meint Geissler.

Es ist ein Kampf gegen die Gewohnheit, gegen all das, was wir von Eltern, Lehrern, Chefs und auch Freunden mitbekommen haben: Effizienzdenken statt dessen, was die Römer mit „Carpe diem“ meinten. Ablenkung statt Reflexion. Und: künstlicher Lebensstil statt natürlichem. Der Mensch muss wieder seinem inneren Rhythmus folgen dürfen. Jahrtausendelang war die menschliche Innenwelt mit der natürlichen Außenwelt verbunden. Mit dem Mittelalter ging das verloren.


Warten muss nicht die Hölle sein

Heute laufen wir Gefahr, zwischen Zeitfetzen zu vagabundieren. Die Gretchenfrage lautet: Wie viel Flexibilität verträgt jeder Einzelne? Wie viel die Gesellschaft? Wer kann den gesundheitlich gesehen höchst sinnvollen Mittagsschlaf wirklich machen? Oder lachen wir Deutschen in Wahrheit nicht, wenn wir Fotos von Japanern sehen, die mittags mit dem Kopf auf dem Schreibtisch eingedöst sind für eine Viertelstunde?!

Der Mensch braucht Lücken in seinen Abläufen: „Ohne Intervalle, ohne Pausen ist die Musik nichts als Lärm. Ohne Dehnungsfuge ist kein Haus stabil“, schreibt Geißler. Er betont, wie wichtig Pausen sind, ein „Dazwischen“. Doch durch die Verdichtung von Abläufen werden die für den Menschen so wichtigen Intervalle zusammengeschoben. Raucherpausen haben Vor- und Nachteile. Doch gönnt uns der Arbeitgeber wirklich Nichtraucherpausen?

Allein schon auf einen verspäteten Zug zu warten ist für viele Menschen schrecklich: uneffektiv, ungeplant, einfach die Hölle. Dabei könnte man Wartezeit auch positiv sehen: als Chance für einen kreativen Moment, als Mußeminute zum Reflektieren des Erlebten. „In der Welt des Zeit-ist-Geld-Diktats spielt es keine Rolle, dass das Warten von unterschiedlicher Qualität sein kann“, schreibt Geißler. Wartenkönnen bereichere das Leben. Oder um es mit Leo Tolstoi zu sagen: „Denn alles nimmt ein gutes Ende für den, der warten kann.“

Für den Philosophen Arthur Schopenhauer wurde Zeit nur im Warten erfahrbar. Aber niemand zeigt so schön, dass leeres Warten den Menschen verändern kann, wie Samuel Beckett in „Warten auf Godot“. Zwei Landstreicher warten auf Godot, ohne zu wissen, ob er kommt und wer er genau ist. Irgendwann kommen sie zu dem Schluss: „Komm, wir reden zusammen – wer redet, ist nicht tot.“ Ein Satz, als ob Becket die Generation Facebook und die gehetzten Manager mit ihren Smartphones als Gegenmittel zur Langeweile voraussah. Ablenkung, Kommunikation und das immer und überall: Der moderne Mensch hält es mit Sören Kirkegaard und seinem Ausspruch, dass die Langeweile die Wurzel allen Übels ist: „Der Mensch ist ein Wesen, das unterhalten werden muss.“

Die Angst vor der Langeweile ist heute ein Massenphänomen. Bis vor 200 Jahren gab es sie maximal bei einigen Adligen. Heute ist die Enttäuschung des Nichterlebens weit verbreitet durch alle Schichten: Die modernen Nomaden erleben sie beim Warten an Flughäfen und Bahnhöfen, viele andere vor den Fernsehern. Aufmerksamkeitsspannen werden immer kürzer: Schulstunden dürften eigentlich nur noch rund 23 Minuten dauern, denn Studien haben ergeben, dass die Aufmerksamkeit von jungen Menschen genau so lange voll da ist. Übrigens fast auf die Sekunde genauso lange, wie eine Folge der TV-Serie „Simpsons“ dauert.


Wie die Sorgen verschwinden

Neben der Langeweile ist ein weiterer wesentlicher Unterschied zwischen Mensch und Tier unsere Fähigkeit, dass wir uns über die Zukunft Gedanken machen. Martin Heidegger bezeichnete die Sorge als das „diensthabende Organ“ für die Erfahrung mit Zeit. Und tatsächlich sind die allermeisten Menschen ständig dabei, vorzugreifen. Wir gehen nun mal nicht gänzlich im Augenblick auf, sondern prüfen instinktiv, ob unsere Erwartungen an die Zukunft erfüllt werden können. Jean-Jacques Rousseau ging davon aus, dass die Sorgen verschwinden, wenn man nichts mehr besitzt. Ohne Eigentum keine Sorgen – das lässt sich durchaus durch Studien von indigenen Stämmen belegen.

Heutzutage prägt das Wort Risiko das Denken viel mehr als Sorge, wobei die beiden Begriffe eng verwandt sind. Wie sehr wir uns in einer „Risikogesellschaft“ bewegen – den Begriff prägte der renommierte Soziologe Ulrich Beck 1986 – merkte man spätestens in der Finanzkrise. Rüdiger Safranski schreibt: „Risiken sind die unbeabsichtigten Nebenfolgen des Handels. Des Einen Risiko ist des Anderen Gefahr.“

Nirgendwo wird das derzeit so deutlich wie beim Kreditsystem, also dem Wirtschaften mit der Zukunft: Nicht nur die Abfälle häufen sich, sondern auch die Rückzahlungstermine. Wer derzeit ab und zu mal Nachrichten guckt, weiß: Nicht nur bei Umweltverschmutzung, sondern auch bei Schulden gilt immer häufiger der Grundsatz „Mitgehangen, mitgefangen“. Wir lagern die Sorgen in die Zukunft aus.

Entsprechend wächst der menschengemachte Anteil an der Zukunft, auch wenn Terrorismus und Naturkatastrophen jede Berechenbarkeit fehlt. Die Medien vergrößern den daraus resultierenden Schrecken oftmals und werden zum Handlanger der Sorge. Wie damals befinden wir uns derzeit wieder an einem Wendepunkt der Epochen. Die Ära der digitalen Revolution hat bereits begonnen und wird unseren Alltag noch viel stärker verändern als ohnehin schon. Entschleunigen wird sich das Leben nicht von allein – da muss jeder Einzelne an sich arbeiten. Oder um auf Hölderlin zurückzukommen:„So eile denn zufrieden“ – und das gilt heute mehr denn je.

Quelle:  Handelsblatt Online
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