Studenten und das EU-Referendum: Der Brexit - eine Generationenfrage

Studenten und das EU-Referendum: Der Brexit - eine Generationenfrage

, aktualisiert 22. Juni 2016, 13:40 Uhr
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Die Jungen wollen in der EU bleiben, sie wollen profitieren von den Freiheiten und den Möglichkeiten, die ihnen die Union gibt.

von Diana Fröhlich und Kirsten LudowigQuelle:Handelsblatt Online

Das EU-Referendum ist auch eine Frage der Generationen. Die Jungen sind gegen einen Brexit. Sie wissen um die Vorteile, die ihnen die EU bietet. Die Vorbehalte der Alten verstehen sie häufig nicht. Ein Besuch an der Uni.

LondonEs sind Semesterferien an der University of London. Vor dem 64 Meter hohen Senate House, in dem die Verwaltung der Hochschule untergebracht ist, sitzen ein paar Studenten in der Sonne. Sie warten auf ihren Sommerkurs, auf die Ergebnisse von Klausuren, auf Freunde, mit denen sie gemeinsam lernen wollen. Auf der Wiese gegenüber erklärt eine Lehrerin gerade ein Spiel. Die Gruppe besteht aus jungen und alten Menschen, aus Teilnehmern, die sich mit Hilfe von Gebärdensprache verständigen. Die Atmosphäre ist entspannt. Die Ruhe auf dem Campus wird nur durch lautes Gelächter unterbrochen.

Doch wenn das anstehende EU-Referendum zur Sprache kommt, dann wird die Stimmung ernster. Die Entscheidung am Donnerstag, sie sei vor allem ein Generationenproblem, ist da oft zu hören. Die Jungen, die in London leben, die hier studieren, sie wollen in der EU bleiben, sie wollen profitieren von den Freiheiten und den Möglichkeiten, die ihnen die Union gibt. Dass sie kein Visum brauchen, wenn sie ein Wochenende in Paris, Madrid, Berlin verbringen möchten.

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Und: Sie wissen um die Bedenken, die die Alten haben, die, die nicht in der Metropole leben. Die Angst vor zu viel „Immigration“, also Zuwanderung, ist da so ein Wort, das immer wieder fällt. Und das wohl dafür sorgen wird, dass viele ältere Menschen für den Brexit stimmen werden.

Ein Dozent, der an der Uni das Fach Wirtschaft unterrichtet, verfolgt an diesem Vormittag interessiert die Gespräche der Studenten. Auch er sitzt in der Sonne und nippt an einem Kaffee. Um zu verstehen, was in der Welt so vor sich geht, liest er jetzt den Koran, erzählt er. Auch er weiß, dass das EU-Referendum eine Frage der Generationen werden wird – und der geographischen Lage. „Die Menschen im Norden des Landes, die wenig verdienen, die auf eine Behandlung im Krankenhaus zum Teil ein Jahr lang warten müssen, die wissen nicht, was die EU ihnen bringen soll“, sagt Gordon King, 57.

Weniger als zwei Kilometer entfernt, an der London School of Economics and Political Sciene (LSE), studiert Anton Jarrod neben seinem Job in Teilzeit. Der 37 Jährige fühlt sich mehr als Europäer denn als Brite und stimmt deshalb am Donnerstag für den EU-Verbleib. „Ich kann nicht glauben, dass es ein Referendum gibt. Es macht keinen Sinn für mich. Warum setzen wir uns dieser Herausforderung aus?"

Die meisten seiner Studienkollegen sind gegen einen Brexit. Sie glauben wie er, dass es verrückt ist, aus der EU auszutreten. An der LSE gibt es viele internationale Studenten, etwa auch aus China. Die Universität, die 1895 gegründet wurde, sieht sich als führend im Bereich Sozialwissenschaften - in einer Reihe mit Harvard und Stanford. Die Atmosphäre ist international und weltoffen. An der LSE studieren rund 9.600 Studenten aus 140 Ländern.


„Die Welt ist anders als noch vor 50, 80, 100 Jahren“

Doch ein Brexit, er würde sich auch auf die britische Hochschullandschaft auswirken. Ausländische EU-Studenten hätten es künftig schwerer, ein Visum zu erhalten, zudem könnten Studienabschlüsse bei einem Hochschulwechsel nicht anerkannt werden. Ein Austritt aus der EU bedeutet auch den Austritt auch aus dem Erasmus-Programm, befürchtet beispielsweise Universities UK, der Dachverband der britischen Universitäten.

„Großbritannien ist nur ein kleines Land, so groß wie eine Provinz in China. Großbritannien braucht die EU“, sagt Jarrod. „Die Welt ist anders als noch vor 50, 80, 100 Jahren. Wir müssen zusammenstehen, heute und in Zukunft. Teil einer größeren Gemeinschaft zu sein, das ist der größte Nutzen.“ Er findet, die EU hat viel Gutes gebracht: Frieden, Freiheit, Wohlstand.

Ein Argument der Brexit-Befürworter ist die Souveränität, dass Großbritannien nicht mehr die Kontrolle über seine eigenen Gesetze hat. Diese Leute verstehen nicht, wie Europa funktioniert und arbeitet, findet Jarrod – und sieht die Schuld bei der Regierung und der Europäischen Union. „Das ist mit ein Grund, warum wir hier stehen. Die Bürokratie der EU ist verrückt und ineffizient, das muss sich ändern – und kann sich ändern.“

Großbritannien habe Souveränität an Brüssel abgegeben, aber aus eigenem Interesse. „In einer globalisierten Welt nimmt unsere Souveränität so oder so ab. Man muss sich ja nur mal die Finanzkrise und ihre Folgen anschauen. Der EU-Austritt wird uns keine Souveränität zurückbringen. Die EU hat uns sogar geholfen, einen Teil der Souveränität zu bewahren, die ansonsten schon ganz weg wäre.“

Jarrod findet, dass noch in zu vielen Köpfen die veraltete Vorstellung von „Great Britain“ als Seemacht verankert sei. „Die Briten, die das denken, fühlen sich selbst gut dabei, aber es geht an der Realität vorbei.“

John Ryan, Ökonomie-Professor an der LSE, gibt ihm da durchaus Recht: „Die ältere Generation ist skeptischer gegenüber der Europäischen Union, die jüngere überzeugter“, sagte er gegenüber dem Handelsblatt. Und: „Es ist auch ein Generationenproblem."

Anton Jarrods Familie lebt im Herzen von England und ist stärker beeinflusst von der Leave-Kampagne. Der Student hat seine Mutter jüngst gefragt, was sie wählt. Sie sagte, sie sei sich noch nicht sicher, würde aber wahrscheinlich nicht für die Einführung des Euro stimmen. „Sie dachte, es geht um unsere Währung. Ich weiß also nicht, wie gut die Leave-Kampagne wirkt", sagt Jarrod und schmunzelt.

Er spricht viel über das Thema - mit Studienkollegen und Freunden, die politisch interessiert sind. Er will nicht in einem Land leben, das nicht Mitglied der EU ist. Vor ein paar Jahren, als klar wurde, das es ein EU-Referendum geben wird, dachte er: „Ok, dann verlasse ich eben Großbritannien und ziehe irgendwo anders hin in Europa. Jetzt denke ich: Es ist nicht das Ende der Welt, aber Großbritannien wird ein anderes Land werden außerhalb der EU. Und es wird sich anders anfühlen, weniger verbunden, abgeschnitten.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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