Studie zu alternativer Finanzierung: Hier werden Kredite am dringendsten gebraucht

Studie zu alternativer Finanzierung: Hier werden Kredite am dringendsten gebraucht

, aktualisiert 16. Mai 2017, 10:46 Uhr
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In Griechenland könnte das Potenzial für Kreditplattformen besonders hoch sein.

von Katharina SchneiderQuelle:Handelsblatt Online

Wer einen Kredit beantragen möchte, muss längst nicht mehr zur Bank gehen, sondern kann aus vielen Online-Kreditplattformen wählen. In welchen europäischen Ländern der Kreditbedarf am größten ist, zeigt eine Studie.

FrankfurtEs gibt kaum einen Geschäftsbereich der Banken, in den Finanztechnologie-Start-ups (Fintechs, Zusammenschluss der Wörter financial services und technology) noch nicht vorgedrungen sind. Zu den liebsten Spielfeldern gehören jedoch Finanzierungen. Unzählige Online-Kreditplattformen sind in den vergangenen Jahren und Monaten angetreten, um die Geldinstitute in diesem Bereich überflüssig zu machen.

Sie bringen Kreditnehmer und Investoren direkt zusammen – statt als Mittelsmann dem einen Geld zu leihen, das ein anderer anlegen möchte. Stellt sich nur die Frage: Werden all diese Kreditangebote überhaupt gebraucht? Einer der Anbieter, das lettische Fintech Twino, hat nun gemeinsam mit der Unternehmensberatung KPMG das Kreditvergabeklima sowie das Potential für Fintechs im Kreditmarkt in 23 europäischen Ländern verglichen. Die Ergebnisse wurden am Dienstag veröffentlicht und legen nahe, dass sich die jungen Angreifer über die deutschen Grenzen hinaus orientieren sollten.

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Eine Fintech-Studie der Comdirect, die sich auf Daten der Unternehmensberatung Barkow Consult stützt, kam vor einem halben Jahr zu dem Ergebnis, dass sich in Deutschland 130 von insgesamt 544 Fintechs dem Thema Finanzierung widmen – weitere große Bereiche waren Proptech, also Angebote rund um Immobilien, und Geldanlage. Viele Kreditplattformen sammeln das Geld bei Privatleuten ein, die dafür je nach Risikoklasse deutlich höhere Zinsen bekommen als aktuell mit klassischen Spareinlagen zu erzielen sind.

Teils kommt das Geld zusätzlich von institutionellen Investoren. So will etwa die niederländische Versicherung Aegon in den kommenden drei Jahren 1,5 Milliarden Euro über die Plattform Auxmoney investieren. Auch der Anbieter Creditshelf, der sich auf Unternehmenskredite spezialisiert hat, setzt beispielsweise auf professionelle Investoren.

Die Studie von Twino und KPMG zeigt nun, dass in den Ländern Polen, Griechenland und Irland ein besonders großes Potential für alternative Kreditanbieter besteht. Interessant seien außerdem Ungarn, Slowenien, Lettland und Rumänien. Dort gebe es große Finanzierungslücken und die Kreditkosten seinen hoch – die traditionellen Kreditmärkte funktionierten also nicht effizient.

Wenig Potenzial gebe es dagegen in Frankreich, Deutschland, den Niederlanden, Österreich und Finnland, denn hier würden sowohl Privatleute als auch Unternehmen zufriedenstellend mit klassischen Krediten versorgt. Dargestellt werden die Ergebnisse mit dem sogenannten Alternativen Kreditindex (ALI für Alternative Lending Index). Je höher der Index-Wert, desto größere die Finanzierungslücke und desto eher sollen dort Fintechs eine Chance haben erfolgreich zu sein.

Größere Abweichungen gibt es laut der Studie in einigen Ländern zwischen der Kreditversorgung von Konsumenten und Unternehmern. So ist der Index für den Geschäftsbereich in Estland, Ungarn, Italien und den Niederlanden mindestens zwei Indexpunkte niedriger als im Privatbereich – wobei die Skala von null bis zehn reicht. Das heißt: In diesen Ländern könnten Fintechs mit Privatkrediten erfolgreicher sein als mit Firmenkrediten. Das umgekehrte Bild zeigt sich Großbritannien, hier scheinen also Unternehmen eher Kreditbedarf zu haben.


Für die Berechnung des Index wurden im Wesentlichen das generelle Kreditumfeld – wie etwa die Höhe der nationalen Finanzierungslücken –, der Verschuldungsstand der Haushalte und Unternehmen sowie die Kosten für Kredite betrachtet. Dabei zeigte sich zudem, dass es in den 23 betrachteten Ländern insgesamt eine Kreditlücke in Höhe von 410 Milliarden Euro gibt – zwölf Prozent mehr als im Jahr 2010. Im gleichen Zeitraum seien die Kosten für Kredite gesunken.

Twino dürfte sich über die Studienergebnisse freuen, denn sie bestätigen sein Geschäftsmodell: Im Gegensatz zu vielen anderen Kreditplattformen ist das lettische Fintech nicht nur in mehr als 30 Ländern tätig, sondern ermöglicht auch eine grenzüberschreitende Kreditvergabe. So können beispielsweise deutsche Investoren Kredite an Personen oder Unternehmen in Spanien vergeben. Ähnlich agiert auch der Wettbewerber Bondora.

Aus Investorensicht ist aber zu bedenken, dass in jenen Ländern, wo ein besonderes hoher Kreditbedarf besteht auch die Ausfallrisiken höher sein dürften. Anleger sollten sich also nicht blind auf diese Länder stürzen. Wie immer gilt: Je höher die erhoffte Rendite, desto höher auch das Risiko. Das 2009 gegründete Twino hat nach eigenen Angaben bereits Kredite in Höhe von 420 Millionen Euro vermittelt.

Quelle:  Handelsblatt Online
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