S&K-Prozess: „98 Prozent der Behauptungen sind Schwachsinn“

S&K-Prozess: „98 Prozent der Behauptungen sind Schwachsinn“

, aktualisiert 25. März 2016, 10:38 Uhr
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Der S&K-Betrugsprozess läuft bereits seit mehr als einem Jahr.

von Katharina SchneiderQuelle:Handelsblatt Online

Nach einem halben Jahr Hauptverhandlung sind die Richter im S&K-Verfahren noch weit von einem Urteil entfernt. Gerade gibt ein S&K-Gründer den Dozenten für Immobilienwirtschaft - und verfolgt damit ein hehres Ziel.

FrankfurtSeit genau einem halben Jahr läuft vor dem Frankfurter Landgericht der Prozess um die Unternehmensgruppe S&K. Die Vorwürfe wiegen schwer. Die Firmengründer, Stephan Schäfer und Jonas Köller, sowie vier Mitarbeiter und Geschäftspartner sind wegen schweren gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs und ebensolcher Untreue angeklagt. Mit einem verschachtelten Firmen- und Beteiligungssystem sollen sie mehr als 11.000 Anleger um mindestens 240 Millionen Euro gebracht haben.

Die Thematik ist ernst, doch aus Sicht der Besucher im Gerichtssaal hat die Verhandlung gelegentlich auch einen großen Unterhaltungswert. Dafür sorgten anfangs vor allem heftige Wortgefechte zwischen Staatsanwaltschaft und Verteidigern, die sich zunächst vorrangig um die Frage drehten, ob der 1774-seitige Anklagesatz überhaupt in der eingereichten Fassung verlesen werden darf. „Das ist besser als Theater – und der Eintritt ist sogar kostenlos“, hatte damals etwa ein Rentnerpaar auf den Besucherplätzen kommentiert.

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Als die Mammutanklage dann tatsächlich wochenlang verlesen wurde, lichteten sich die Reihen der Besucher schnell. Vielen Zuhörern dürfte das zu dröge gewesen sein. Inzwischen haben jedoch die Angeklagten das Wort. Eine ausführliche Einlassung hat zuerst Hauke B. vorgetragen, ehemals Geschäftsführer des Hamburger Fondshauses United Investors. „Meine Handlungen waren die eines bereits Betrogenen“, sagte er und gab an, immer das Wohl der Fondsanleger im Blick gehabt zu haben.

Insgesamt trug B. vor Gericht eine 230-seitige Einlassung vor. Gelegentlich wurde sein Vortrag emotional. Auch früher hatte er schon geschildert, dass der Transport von der Justizvollzugsanstalt Weiterstadt zum Landgericht Frankfurt eine enorme Belastung sei. Noch dazu hat er mehrere kleine Kinder, die er seit der Inhaftierung nicht mehr gesehen habe. Sein Vortrag wirkte kämpferisch, er will sich mit aller Macht gegen die Vorwürfe wehren.


Auch Jonas Köller wehrt sich. Seit drei Verhandlungstagen trägt er seine Einlassung vor, meist in sachlichem Tonfall. Mehr als 300 Seiten umfasst nach Angabe seines Verteidigers das Schriftstück. Doch immer wieder gibt er ergänzende Erklärungen.


Alles sollte „100 Prozent safe“ sein

Manchmal wirkt es gar als befände man sich in einem Seminar für Immobilienwirtschaft. Da wird der Ablauf von Zwangsversteigerungen geschildert, die „Hebelwirkung einer Bankfinanzierung“ erklärt und der Aufbau eines Immobilienportfolios diskutiert. Dozent Köller fragt nach, „ist das jetzt klar geworden?“, er gibt Rechenbeispiele und er zeigt Auszüge seiner Quellen über einen Wandprojektor.

„98 Prozent der Behauptungen in der Anklage sind Schwachsinn“, sagte er am Mittwoch, dem letzten Verhandlungstag vor den zweiwöchigen Osterferien. Das will er beweisen und zitiert ausführlich aus Verträgen, Prospekten und E-Mails. Die Strafprozessordnung sieht das Vorbringen von Beweisen eigentlich erst später vor. Und der Vorsitzende Richter mahnt zur Beschleunigung: Er wolle ihm nicht das Wort abschneiden, aber genau wie Köller säßen auch die anderen Angeklagten bereits seit mehr als drei Jahren in Untersuchungshaft. Doch Köller lässt sich nicht beirren. Er könnte nur auf die Aktenstellen verweisen, aber er zitiert lieber, „sonst liest das keiner“, so Köllers Sorge.


Damit stellt er sich als jemand dar, der es ganz genau nimmt. Das zumindest könnte die beabsichtigte Wirkung sein. Unterstützt wird dies durch Beteuerungen wie: „Ich habe ganz akribisch darauf geachtet, dass das Konzept 100 Prozent safe ist. Hätten die Anwälte gesagt, dass das illegal ist, hätten wir das nicht gemacht.“ Das sagte er über das Geschäftsmodell „Safe Home“, bei dem S&K Immobilien aufgekauft hatte, die kurz vor der Zwangsversteigerung standen. Den Eigentümern zahlten sie weniger als 60 Prozent des Verkehrswertes, räumten ihnen aber eine einjährige Rückkaufoption ein.

Ausführlich erklärt Köller, warum das Modell entgegen der Meinung der Staatsanwälte nicht „sittenwidrig“ sei. Als Beleg zeigt er ein Gerichtsurteil und liest munter vor. Die Richter müssen das über sich ergehen lassen, es herrscht Anwesenheitspflicht – anders als in manch echtem Seminar.

Der gesamte S&K-Prozess könnte sich noch Jahre hinziehen. Nach Köller kann sich auch noch Schäfer ausführlich zu den Vorwürfen einlassen. Danach erst beginnt die Phase der Beweisaufnahme, dann können auch Zeugen geladen werden. Gerade haben Richter und Verteidigeranwälte weitere Sitzungstermine vereinbart, sie reichen inzwischen bis Januar 2017. Man hat sich schon mal gewappnet. Egal, ob mit oder ohne Unterhaltungswert, das Verfahren geht weiter.

Quelle:  Handelsblatt Online
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