Supercomputer: Bei Problemen Watson fragen

Supercomputer: Bei Problemen Watson fragen

, aktualisiert 27. April 2016, 17:15 Uhr
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Auf dem Mobile World Congress in Barcelona zeigt IBM den Watson-Roboter. Im Herzen steckt ein Supercomputer.

von Martin WocherQuelle:Handelsblatt Online

Der neue Supercomputer von IBM heißt wie der berühmte Gehilfe von Sherlock Holmes: Watson. Nun soll er für den Landmaschinenhersteller John Deere die ganz schwierigen Fälle lösen.

HannoverDer Werk in Mannheim gehört ohnehin schon zu den produktivsten Fertigungsstätten des weltgrößten Landtechnikherstellers John Deere. Jeden Monat verlassen gut 2000 Traktoren die Bänder, weitaus mehr Getriebe werden für andere Agrarmaschinen des Konzerns hergestellt. Die Produktion des größten Werks von John Deere in Europa ist weitgehend automatisiert und in Teilen digital vernetzt, wie vielfach in deutschen Fabrikhallen. Und doch wird das Mannheimer Werk für den nächsten großen Produktivitätssprung vorbereitet - und soll damit Vorbild auch für die anderen Werke des weltweit agierenden US-Konzerns werden. Dabei helfen soll IBM und sein Supercomputer Watson.

„Die Analyse von großen Datenmengen ist komplex und nur schwer beherrschbar“, sagte Plamen Kiradjiev, der Chefarchitekt 4.0 bei IBM in Deutschland am Dienstag auf der Hannover Messe. „Watson ist dagegen ein selbstlernendes System  und gibt einfache Antworten auf durchaus schwierige Fragen.“ Das intelligente System wird bereits in anderen Bereichen wie der Krebsforschung eingesetzt und punktet dort mit der präzisen Analyse unfassbar großer Datenmengen. Nun soll Watson für IBM auch die Welt der Industrie erobern. Zunächst als Vision, was alles schon möglich ist, aber durchaus konkret, wenn derzeit sein Einsatz in der Getriebefertigung bei John Deere in Mannheim getestet wird. Ab kommendem Jahr soll das intelligente System in der Produktion und Endmontage einsatzbereit sein.

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Auf der Hannover Messe zeigt IBM schon, was die John-Deere-Beschäftigten in Mannheim erwarten wird. An einem Montageplatz tritt plötzlich ein Problem auf, blinkende Lampen signalisieren, dass irgendwas nicht in Ordnung ist. Der Mitarbeiter hat spontan keine Idee, was es sein könnte und schickt Watson im 6000 Kilometer entfernt liegenden New York ein Foto seines Arbeitsplatzes.

Binnen Sekunden meldet sich der Supercomputer, hat die Maschinerie identifiziert, mit ihr Kontakt aufgenommen, die Daten ausgetauscht  und schlägt dem menschlichen Kollegen nach Analyse und Fehlerwahrscheinlichkeit vor, doch einfach mal eine bestimmte Schraube zu lösen, den Schwenkarm mit einer speziellen Flüssigkeit zu säubern und die Metallspäne zu entfernen. Das alles über ein angeschlossenes Tablet und in direkter Kommunikation über Sprache.

Denn Watson kann reden und erklären und nicht nur Mails mit Anordnungen verschicken. Auf die Frage des Mitarbeiters, wann er denn nun eingreifen soll, schlägt Watson ihm noch vor, dies doch um drei Uhr zu tun: Zu diesem Zeitpunkt gebe es etwas Luft in der Produktion. Außerdem könne er doch gleich die ohnehin anstehende Wartung des Schwenkarms gleich mit übernehmen, da es zeitlich gut passen würde.  


Watson erkennt genervte Kunden

„Für Watson brauche ich keine Computersprache zu lernen“, sagt Ralf Bucksch, Leiter der technischen Teams bei IBM Deutschland. „Dahinter steckt zwar Big Data, geht aber weit darüber hinaus.“ Damit Watson  präzise Antworten geben kann, muss er zunächst mit Daten gefüttert werden. Er muss die Fertigung kennen, braucht  Produktionsinformationen, Reparaturanweisungen und die Erfahrungswerte der Mitarbeiter, wie bislang mit Fehlern umgegangen wurde. Danach lernt er aus jedem neu entstehenden Problem, das gespeichert und sorgsam analysiert wird. Bei seinen Lösungsvorschlägen gibt er auch gleich einen Prozentsatz an, wie hoch er die Trefferquote selbst einschätzt. „95 Prozent ist da schon eine Messlatte“, sagt Bucksch.

Danach wird's leichter: Denn je länger Watson in einem solchen Umfeld arbeitet, umso genauer werden seine Vorschläge. Auch eine Erweiterung seines Aufgabenbereichs  auf andere Bereiche der Produktionskette ist nur eine geringe Herausforderung: Watson weiß dann im Prinzip schon, worum es geht und braucht nur noch gewisse Detailinformationen.

Seine Fähigkeiten gehen dabei über das reine Fachwissen hinaus: „Watson erkennt selbst Sarkasmus und Zynismus“, sagt Bucksch. Wenn sich ein Kunde also angesäuert beim Vertrieb per Mail über eine verspätete  Lieferung beklagt, ist Watson fähig, den schrägen Ton zwischen den Zeilen zu erkennen und dem Sachbearbeiter eine schnelle Antwort zu empfehlen - plus Formulierungshilfe.

Doch Watson ist in Mannheim nicht allein, sondern steht nur an der Spitze der vernetzten Produktion. Sie soll es ermöglichen, dass John Deere die Produktivität erheblich steigern und die Fertigung weiter individualisieren kann, so dass jeder Kunde zum Preis einer Massenfertigung genau den Traktor erhält, den er sich aus Hunderten Varianten bestellt hat.  Zudem steigt die vertikale und horizontale Digitalisierung die Flexibilität der Fertigung, wenn es darum geht, schnell mal einen Auftrag dazwischenzuschieben, der schnell abgewickelt werden muss.

Der Einsatz von Watson soll vor allem eine reibungslose Produktion gewährleisten. „Das Ziel ist es, keine Fehler mehr zu machen“, sagt Kiradjiev.  Dazu gehört, dass die Mitarbeiter den allwissenden großen Bruder auch nicht alles fragen können, um sich nicht abzulenken: Seine Konzentration gilt der reibungslosen Produktion - bei Themen wie Fußball, dem Wetter oder neuen  Kochrezepten verweigert Watson dem Dialog und klinkt sich einfach aus.

Quelle:  Handelsblatt Online
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