Talkshows am Wahlabend: „NPD light“ gegen „Arroganz der Macht“

Talkshows am Wahlabend: „NPD light“ gegen „Arroganz der Macht“

, aktualisiert 14. März 2016, 06:51 Uhr
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Im ARD-Studio diskutierten unter anderem (von rechts) Ursula von der Leyen, Beatrix von Storch und Ralf Stegner.

von Christian BartelsQuelle:Handelsblatt Online

Am Ende eine historischen Fernseh-Wahlabends wurde bei Anne Will und Maybrit Illner zur selben Zeit über das Gleiche diskutiert. Die aufgespaltene Parteienlandschaft spiegelte sich auch in den Studios wider.

Drei Landtagswahlen, noch mehr Gewinner und Verlierer sowie eine vorläufig kaum überschaubare Zahl zumindest theoretisch möglicher, aber zum Regieren auch unbedingt nötiger Koalitionen: In so einer Situation sind zwei Talkshows, die zum selben Thema gleichzeitig im Ersten und im ZDF laufen, nicht zu viel.

Nahezu gleichzeitig gingen am Sonntagabend Anne Will auf ihrem regulären ARD-Sendeplatz („Abrechnung mit Merkels Flüchtlingspolitik?“) und zusätzlich Maybrit Illner im ZDF („Quittung für Berlin?“) auf Sendung. Nicht überraschend wollten beide Talkerinnnen erst mal wissen, wer denn gewonnen und verloren hat. Ebenso erwartungsgemäß fanden Vertreter aller Parteien sogleich Drehs, jeweils sich selbst als Sieger darzustellen.

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„Unterm Stimmenstrich“, sagte Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen als Will-Gast, hätten schließlich „80 bis 90 Prozent“ der Wähler für die Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin gestimmt. Später gab die CDU-Politikerin zu, dass ihre und der Kanzlerin Partei „daraus keinen Honig saugen“ konnten.

Ungefähr zu dem Zeitpunkt im ZDF bekundete ihr Parteifreund, Generalsekretär Peter Tauber, Freude, dass 75 Prozent der Wähler in Sachsen-Anhalt nicht die AfD gewählt hatten. Es sei doch „erst mal was Schönes“, dass im letzten halben Jahr so viel über Politik gestritten wie schon lange nicht mehr in Deutschland

Thomas Oppermann, der SPD-Bundestagsfraktionsvorsitzende, freute sich anhand der rheinland-pfälzischen Regierungschefin Malu Dreyer, dass seine Partei „auch Wahlen gewinnen“ könne. Eigentlich habe, seitdem Sigmar Gabriel Parteivorsitzender ist, die SPD von „regionalen Unwuchten“ abgesehen ohnehin fast alle Landtagswahlen gewonnen. Klar, dass seine grüne Kollegin Katrin Göring-Eckardt sich über Winfried Kretschmanns „riesigen Sieg“ in Baden-Württemberg freute, und Tauber über Ministerpräsident Reiner Haseloffs relativen in Sachsen-Anhalt.

Wer dieses durchschaubaren Spiel stoppte, war „Die Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo – unter anderem mit der Ansicht, dass die AfD sogar noch höhere Stimmenanteile hätte bekommen können, wenn nicht so viele ihrer Politiker in letzter Zeit „so grauenhafte Sachen von sich von sich gegeben hätten“, etwa zum Stichwort Schießbefehl. Später sprach di Lorenzo vom „Kartell der Parteien, die alle die gleiche Meinung haben“.

Und in Illners Studio entspann sich tatsächlich eine aufschlussreiche flüchtlingspolitische Diskussion zwischen der AfD-Vorsitzenden Frauke Petry und Vertretern gegnerischer Parteien. In deren Verlauf forderte Göring-Eckardt etwa Visafreiheit für alle Türken, damit die in Europa sehen könnten, wie Demokratie funktioniert, was Petry sogleich „skandalös“ und „irrsinnig“ nannte. CDU-Mann Tauber nannte das ebenfalls von vielen Seiten kritisierte Kooperieren der Bundeskanzlerin mit der türkischen Erdogan-Regierung „Realpolitik“.

Göring-Eckardts Frage, ob die AfD Kurden, wenn sie in der Türkei weiterhin verfolgt würden, in Deutschland trotz ihres muslimischen Glaubens das Asyl gewähren würde, das die AfD Verfolgten programmgemäß gewähren will, blieb offen. Die Frage, ob die CDU nicht zu weit nach links gerückt sei, beantwortete wiederum Tauber mit: „Wenn man CDU wählt, wählt man immer ein Gesamtpaket.“


Das Frauke-Petry-Lächeln greift um sich

Thomas Oppermann plädierte dafür, dass die Bundesregierung „jetzt so etwas wie ein Solidaritätsprojekt“ machen solle. Und begrüßte die in der „aufgewühlten Situation“ erhöhte Wahlbeteiligung: „Darüber kann ich mich als Demokrat nur freuen.“ Worüber er sich offenbar nicht freute, war, dass die Unionsparteien „sich immer weiter in Richtung linke Mitte bewegt“ hätten und daher „am rechten Rand der Gesellschaft ein politisches Vakuum“ entstanden sei, das nun die AfD fülle.

Ungefähr zur selben Zeit wurde bei Anne Will wieder das Gleiche diskutiert. Der Grüne Robert Habeck, Umweltminister und stellvertretender Ministerpräsident in Schleswig-Holstein, nannte die AfD eine „NPD für Besserverdienende“, was die stellvertretende AfD-Sprecherin Beatrix von Storch als „Arroganz der Macht“ bezeichnete, die ihrer Partei jedoch geholfen habe. Ihrer Ansicht nach sei die CDU „durch Frau Merkel vollständig entkernt worden“, weshalb nicht etwa NPD-nahe, sondern vor allem konservative Wähler für die AfD gestimmt hätten.

So führten die beiden gleichzeitigen Talkshows zwei unterschiedliche Formen kontroversen Diskutierens vor. Bei Will verlief es schneidender. Die Bildregie zeigte gerne und oft, wie Stegner, von Storch und von der Leyen gestaffelt in ihren schräg nebeneinander positionierten Studiosesseln saßen und wie erstarrt nach vorne, jedoch einander nicht ins Gesicht schauten. Bei Illner saßen alle an einem Tisch, und Tauber und Göring-Eckardt setzten, während sie in gereizter Lebhaftigkeit diskutierten, das stets gut sichtbare, freilich selten freundlich wirkende Frauke-Petry-Lächeln ebenfalls auf.

Es wurde zeitweise wie im Schnelldurchlauf durch die einander meist zum Verwechseln ähnlichen Talkshows des letzten halben Jahres diskutiert. Und die dabei oft unterrepräsentierte Idee, dass ein breites Meinungsspektrum für die politische Landschaft und erst recht für Fernsehdiskussionen nicht das schlechteste sein muss, kam zum Tragen. Insofern spiegelten die Talkshows den durchaus historischen Wahlabend, der die Parteienlandschaft ein ganzes Stück weiter aufgespalten hat, am Ende des Tages gut wider.

Quelle:  Handelsblatt Online
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