Solarenergie Der Sahara-Pakt: Strom aus der Wüste
23.06.2009 36 Kommentare 2,3 (88) Legende- Druckversion
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Gestützt auf ihre Vorreiterrolle in der Umwelttechnik versuchen deutsche Konzerne den Jahrhundertsprung. Sonnenkraftwerke für 400 Milliarden Euro sollen in Nordafrika Strom für Europa produzieren. Wer von dem Geschäft profitieren würde, wer die treibenden Kräfte sind – und was dem Erfolg des Megaprojekts möglicherweise im Weg steht.
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Sahara-Forest-Projekt des britischen Architekturbüros Exploration Architecture
The Sahara Forest Project by Exploration Architecture, Max Fordham LLP and Seawater Greenhouse LTD
Die Szenerie am Rande des Neubaugebiets Königskamp von Jülich bei Aachen wirkt gespenstisch. Mehr als 2000 Spiegel, jeder von ihnen acht Quadratmeter groß, stehen im Winkel von rund 45 Grad dicht gedrängt auf einem Feld dreimal so groß wie ein Fußballplatz. Vor einem Waldstück, einen guten Steinwurf entfernt, reckt sich ein schlanker, 60 Meter hoher weißer Turm in den blauen Himmel. Nichts scheint zu passieren, niemand ist zu sehen, lediglich ein leises undefinierbares Brummen lässt vermuten, dass die sonderbare Anordnung mehr ist als die Installation eines Aktionskünstlers.
Und tatsächlich, wer längere Zeit ganz genau hinsieht, merkt, dass offenbar irgendwo in der Nähe ein Elektromotor läuft, der die 2000 Spiegel Millimeter für Millimeter immer wieder neu nach der Sonne ausrichtet. Dabei ereignet sich Unheimliches: Als gehörten sie zu einem Raumschiff, das in die Erdatmosphäre eintritt, beginnen die schneeweißen Keramikkacheln an der Spitze des Turmes zu glühen.
Es wird hell, „hell wie eine zweite Sonne“, begeistert sich Bernhard Hoffschmidt, der die Konstruktion mit ersonnen hat. Dafür sorgen die Spiegel, die die Sonnenstrahlen bündeln und tausendfach konzentriert auf den Turm lenken. Der wiederum nutzt die Gluthitze von annähernd 1000 Grad, um Strom zu erzeugen. Die 1,5 Megawatt Spitzenleistung, die auf diese Weise erreicht wird, kann 400 Privathaushalte mit Strom versorgen.
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400 Milliarden Euro für das Projekt Desertec
Die rund 23 Millionen Euro teure Pilotanlage, betrieben von der Fachhochschule Aachen, ist mehr als eine technische Spielerei. Sie könnte zu einem der zentralen Bausteine in einem Projekt werden, das ähnlich kühn wie die erste Mondlandung 1969 anmutet. Geht es nach den Chefs führender deutscher Konzerne, sollen Unternehmen in den kommenden zwei Jahrzehnten die ungeheure Summe von 400 Milliarden Euro aufbringen – mehr als der Bundeshalt 2009 umfasst – um damit in der Sahara Solarkraftwerke wie in Jülich oder ähnliche Stromfabriken zu errichten. Die dort erzeugte Elektrizität, so die Idee, würde dann per Kabel nach Europa geleitet und den dortigen Energiehunger mindestens zu einem Viertel stillen helfen – sauber, klima-unschädlich und für immer. Eine Art ökologisches Super-Perpetuum-Mobile vor der Haustür.
Die Dimensionen des Vorhabens sind gigantisch, die Vorbereitungen hinter den Kulissen laufen auf Hochtouren. Das Projekt trägt den Namen Desertec, ein Kunstwort aus den englischen Wörtern für Wüste und Technik. Am Montag, den 13. Juli, wollen sich die 15 wichtigsten Protagonisten in der Zentrale des Versicherungsriesen Münchener Rück treffen, um sich zu einem Konsortium zusammenschließen.
Aufgabenverteilung mit gigantischen Ausmaßen
Dabei wird es möglicherweise sogar schon um die grobe Rollenverteilung gehen, die sich nach gegenwärtigem Stand abzeichnet. Die Deutsche Bank als größtes deutsches Geldinstitut wird sich voraussichtlich um die Finanzierung kümmern. Die Koordinierung, Risikoprüfung und Versicherung des Megavorhabens übernimmt die Münchener Rück, der weltgrößte Rückversicherer. Die Fernleitungen von Nordafrika nach Europa sollen der hiesige Branchenführer Siemens und ABB Deutschland installieren, die Solaranlagen von Schott Solar und den Anlagenbauern Ferrostaal und M+W Zander kommen. Als Projektentwickler ist Solar Millenium vorgesehen. Vermarkten könnten den Ökostrom der Düsseldorfer Energiekonzern E.On und sein Essener Wettbewerber RWE.
Werden die Träume der Konzernlenker wahr, wäre Desertec das mit Abstand größte friedliche Gemeinschaftsprojekt, das deutsche Unternehmen jemals in Angriff genommen haben – vergleichbar allenfalls mit der Bagdad-Bahn, der von 1903 bis 1940 errichteten Eisenbahnverbindung von der Türkei bis zum Persischen Golf. An deren Bau und Finanzierung waren ebenfalls Siemens und die Deutsche Bank beteiligt.
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