Solarenergie Der Sahara-Pakt: Strom aus der Wüste

Gestützt auf ihre Vorreiterrolle in der Umwelttechnik versuchen deutsche Konzerne den Jahrhundertsprung. Sonnenkraftwerke für 400 Milliarden Euro sollen in Nordafrika Strom für Europa produzieren. Wer von dem Geschäft profitieren würde, wer die treibenden Kräfte sind – und was dem Erfolg des Megaprojekts möglicherweise im Weg steht.

Sahara-Forest-Projekt des britischen Architekturbüros Exploration Architecture Bild vergrößern Sahara-Forest-Projekt des britischen Architekturbüros Exploration Architecture The Sahara Forest Project by Exploration Architecture, Max Fordham LLP and Seawater Greenhouse LTD

Die Szenerie am Rande des Neubaugebiets Königskamp von Jülich bei Aachen wirkt gespenstisch. Mehr als 2000 Spiegel, jeder von ihnen acht Quadratmeter groß, stehen im Winkel von rund 45 Grad dicht gedrängt auf einem Feld dreimal so groß wie ein Fußballplatz. Vor einem Waldstück, einen guten Steinwurf entfernt, reckt sich ein schlanker, 60 Meter hoher weißer Turm in den blauen Himmel. Nichts scheint zu passieren, niemand ist zu sehen, lediglich ein leises undefinierbares Brummen lässt vermuten, dass die sonderbare Anordnung mehr ist als die Installation eines Aktionskünstlers.

Und tatsächlich, wer längere Zeit ganz genau hinsieht, merkt, dass offenbar irgendwo in der Nähe ein Elektromotor läuft, der die 2000 Spiegel Millimeter für Millimeter immer wieder neu nach der Sonne ausrichtet. Dabei ereignet sich Unheimliches: Als gehörten sie zu einem Raumschiff, das in die Erdatmosphäre eintritt, beginnen die schneeweißen Keramikkacheln an der Spitze des Turmes zu glühen.

Es wird hell, „hell wie eine zweite Sonne“, begeistert sich Bernhard Hoffschmidt, der die Konstruktion mit ersonnen hat. Dafür sorgen die Spiegel, die die Sonnenstrahlen bündeln und tausendfach konzentriert auf den Turm lenken. Der wiederum nutzt die Gluthitze von annähernd 1000 Grad, um Strom zu erzeugen. Die 1,5 Megawatt Spitzenleistung, die auf diese Weise erreicht wird, kann 400 Privathaushalte mit Strom versorgen.

400 Milliarden Euro für das Projekt Desertec

Die rund 23 Millionen Euro teure Pilotanlage, betrieben von der Fachhochschule Aachen, ist mehr als eine technische Spielerei. Sie könnte zu einem der zentralen Bausteine in einem Projekt werden, das ähnlich kühn wie die erste Mondlandung 1969 anmutet. Geht es nach den Chefs führender deutscher Konzerne, sollen Unternehmen in den kommenden zwei Jahrzehnten die ungeheure Summe von 400 Milliarden Euro aufbringen – mehr als der Bundeshalt 2009 umfasst – um damit in der Sahara Solarkraftwerke wie in Jülich oder ähnliche Stromfabriken zu errichten. Die dort erzeugte Elektrizität, so die Idee, würde dann per Kabel nach Europa geleitet und den dortigen Energiehunger mindestens zu einem Viertel stillen helfen – sauber, klima-unschädlich und für immer. Eine Art ökologisches Super-Perpetuum-Mobile vor der Haustür.

Die Dimensionen des Vorhabens sind gigantisch, die Vorbereitungen hinter den Kulissen laufen auf Hochtouren. Das Projekt trägt den Namen Desertec, ein Kunstwort aus den englischen Wörtern für Wüste und Technik. Am Montag, den 13. Juli, wollen sich die 15 wichtigsten Protagonisten in der Zentrale des Versicherungsriesen Münchener Rück treffen, um sich zu einem Konsortium zusammenschließen.

Aufgabenverteilung mit gigantischen Ausmaßen

Dabei wird es möglicherweise sogar schon um die grobe Rollenverteilung gehen, die sich nach gegenwärtigem Stand abzeichnet. Die Deutsche Bank als größtes deutsches Geldinstitut wird sich voraussichtlich um die Finanzierung kümmern. Die Koordinierung, Risikoprüfung und Versicherung des Megavorhabens übernimmt die Münchener Rück, der weltgrößte Rückversicherer. Die Fernleitungen von Nordafrika nach Europa sollen der hiesige Branchenführer Siemens und ABB Deutschland installieren, die Solaranlagen von Schott Solar und den Anlagenbauern Ferrostaal und M+W Zander kommen. Als Projektentwickler ist Solar Millenium vorgesehen. Vermarkten könnten den Ökostrom der Düsseldorfer Energiekonzern E.On und sein Essener Wettbewerber RWE.

Werden die Träume der Konzernlenker wahr, wäre Desertec das mit Abstand größte friedliche Gemeinschaftsprojekt, das deutsche Unternehmen jemals in Angriff genommen haben – vergleichbar allenfalls mit der Bagdad-Bahn, der von 1903 bis 1940 errichteten Eisenbahnverbindung von der Türkei bis zum Persischen Golf. An deren Bau und Finanzierung waren ebenfalls Siemens und die Deutsche Bank beteiligt.

Seite 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8weiterlesen


Weitere Artikel aus Technik & Wissen


36 Kommentare zu “Der Sahara-Pakt: Strom aus der Wüste”

von grassus am 11.08.2009 21:37 Uhr

von Rene am 30.07.2009 10:02 Uhr

von nnn am 17.07.2009 19:15 Uhr

von Dr. Gerhard Dües am 11.07.2009 18:29 Uhr

Diesen Artikel kommentieren

Bitte geben Sie den Code aus dem Bild in das nebenstehende Feld ein.

captcha
Ideenwettbewerb für wiwo.de
Ideenwettbewerb

Ob Tchibo, Dell oder Starbucks: Quer durch alle Branchen zapfen Unternehmen die Weisheit der Masse an. Auch wiwo.de will von seinen Online-Lesern wissen, wie der Internet-Auftritt eines Magazins wie der WirtschaftsWoche aussehen sollte. Machen Sie mit!

Digitale Lebenshelfer
99 digitale Lebenshelfer

99 Internet-Programme die Ihnen helfen, produktiver zu werden, die Teamarbeit zu verbessern oder Marktforschung zu betreiben. 
hier klicken

Ihr Produkt des Jahres
Produkte des Jahres 2009

Ob Ventilator ohne Propeller, Autos ohne Benzin, Ladegeräte ohne Kabel oder Bücher ohne Seiten: In den vergangenen Wochen hatten die wiwo.de-Leser Gelegenheit, das spannendste Produkt des Jahres 2009 zu wählen. So haben Sie entschieden... mehr

HRS Hotelreservierung

 
Hotels von HRS in Kooperation mit wiwo.de
Energieerzeugung in Deutschland
Kraftwerke Teaser

Der Gasstreit mit Russland zeigt: Deutschlands Energieversorgung muss unabhängiger werden. In einer interaktiven Grafik haben wir die verschiedenen Arten der Energieerzeugung in Deutschland zusammengestellt.



Blogkommentare zu diesem Artikel


wiwo.de für unterwegs
Handy Teaser

Hintergründe, Kommentare, Börsendaten: Verpassen Sie auch unterwegs nichts. Geben Sie einfach www.wiwo.de in den Browser Ihres mobilen Gerätes ein. Mehr Information zu wiwo.de MOBIL

Das größte deutsche Autotest-Archiv
AMS Logo

Sie suchen ein neues Auto? auto motor und sport ist es sicher schon gefahren. Lesen Sie hier 3300 Tests, Fahrberichte und Kaufberatungen. Von Aston Martin bis Volkswagen. Mit mehr als 110.000 Fotos und hunderten Videos. Kostenlos! Hier geht's zu www.auto-motor-und-sport.de

CO2-Rechner
CO2-Rechner

Der interaktive Rechner verrät Ihnen, wie Sie Energie sparen und gleichzeitig Ihre Umwelt schonen können.

mehr

Wissenstest: Emissionen
Abgas kommt aus dem Auspuff

In Sachen Klimaschutz kann ihnen niemand was vormachen? Stellen Sie bei unserem Spiel ihr Wissen unter Beweis.

  • Ökojet

    Ökojet

    Wie die Flugzeugbauer den Treibstoffverbrauch senken wollen.

    mehr

  • grüner Wolkenkratzer

    Grüner Wolkenkratzer

    Wie mit umwelt­freundlicher Gebäudetechnik im 366 Meter hohen Bank of America Tower Ressourcen optimal genutzt werden sollen.

    mehr

Ratgeber Energie
Ratgeber

Konkrete Tipps zum Energie- und Kostensparen, passend für Ihre persönliche Situation.

  1. mehr
TopTarif: Gaskosten senken
TopTarif: Gasrechner

Senken Sie Ihre Gaskosten durch den Wechsel zu einem preiswerteren Anbieter. Schnell, einfach und völlig kostenlos !
Jetzt vergleichen