Designerhandys Telefon mit Seele

Die neue Generation von Designerhandys vereint dank einer intelligenten Fingersteuerung endlich Funktionsvielfalt mit Bedienungsfreundlichkeit.

Das iPhone hat in punkto Bild vergrößern Das iPhone hat in punkto Bedienbarkeit Maßstäbe gesetzt dpa

Das flinke Spiel der Finger von John Wang erinnert auf den ersten Blick an Tischfußball. Mit schnellen Handbewegungen fährt der Strategiechef des taiwanischen Handyproduzenten HTC über die gläserne Oberfläche seines „Touch“ genannten Taschentelefons, tippt hier auf ein Foto, schnipst dort E-Mails mit einer Fingerbewegung in den elektronischen Papierkorb und blättert schließlich mit einer Daumenbewegung übers Display durchs digitale Musikarchiv seines Multimedia-Handys.

Die kommunikativen Flachmänner mit ihren Touchscreen genannten berührungsempfindlichen Bildschirmen sind ein heißer Technologietrend in der Mobilfunkwelt. Auslöser war der Computerriese Apple, der im vergangenen Jahr mit seinem Designer-Handy iPhone und dessen innovativem Bedienkonzept den Markt für High-End-Handys in Wallung brachte.

Samsung oder Sony Ericsson, Motorola, LG und HTC haben inzwischen reagiert. Vor wenigen Tagen erst präsentierte die Handybranche auf dem Mobile World Congress in Barcelona so viele Handys mit Feingefühl wie nie zuvor. Die eleganten Touch-screen-Telefone dürften auch in der kommenden Woche als Blickfang dienen, wenn sich die Branche in Hannover zur Elektronikmesse Cebit trifft. Selbst RIM-Gründer Jim Balsillie, dessen Blackberry-Telefone ohne Tastatur bisher undenkbar waren, scheint sich mit dem Gedanken an eine Art Touch-Berry anzufreunden: „Ich halte nichts von Denkverboten“, sagte er in Barcelona mehrdeutig im WirtschaftsWoche-Gespräch.

„Touch-Displays sind ein starker Trend, vor allem bei hochwertigen Geräten“, sagt Lutz Schüler, Vertriebschef beim Netzbetreiber O2. „Ein Trend, der auch ohne das iPhone eingetreten wäre, aber sicher nicht in der Breite und Schnelligkeit.“ 70.000 iPhones hat Apples deutscher Exklusivpartner, T-Mobile, seit vergangenem November unters Volk gebracht.

Magic Lab heißt das Expertenteam, das bei HTC, dem größten Hersteller von Smartphones mit Windows-Mobile-Betriebssystem, seit zwei Jahren an neuen Bedienkonzepten für Telefone arbeitet. „Wie bei Apple ist es auch unser Ziel, dass die Nutzer die wichtigsten Aktionen, etwa das Blättern im Telefonbuch, die Auswahl von E-Mails oder den Aufruf der Handybasisfunktionen, ohne Lernaufwand mit selbst erklärenden Gesten steuern können“, lautet die Vorgabe von Strategiechef Wang für seine 50 Designer.

Lange buhlten Telefone mit Finger- oder Stiftsteuerung primär um Käufer mit großem Portemonnaie und Technikfaible. „Gemessen am Gesamtmarkt ist das Segment zwar derzeit noch ein Nischengeschäft, aber es wächst deutlich“, sagt Albert Raab, Telekommunikationsexperte beim Nürnberger Marktforscher GfK. Rund zwei Drittel der bei Geschäftsleuten beliebten Smartphones würden in Deutschland bereits mit Berührungsbildschirm ausgeliefert, so der GfK-Experte. „Und künftige, günstigere Modelle werden neue Kundengruppen für die Technik begeistern.“

Zumal moderne berührungsempfindliche Telefon-Touchscreens nicht nur deutlich feinfühliger reagieren als frühere Systeme, sondern auch ein viel klareres Bild liefern. Vor allem die jüngste Generation sticht durch seine Härte hervor, die für den Alltagseinsatz nötig ist. Möglich macht das eine spezielle Sensortechnologie, sogenannte kapazitive Displays. Sie kommen ohne die in der Vergangenheit üblichen drucksensiblen Kunststofffolien aus. Statt der vergleichsweise preiswerten, aber empfindlichen Folien sorgen nun speziell beschichtete und robuste Sensorscheiben aus Glas dafür, dass die Fingerzeige von den Smartphones korrekt erkannt werden.

Für den verblüffenden Effekt, dass das Berühren von Glas die Wahl einer Rufnummer, den Aufruf einer Web-Seite oder die Wiedergabe eines MP3-Hits auslöst, sorgt die physikalische Eigenschaft des menschlichen Körpers, Strom leiten zu können. Sie nutzen Touchscreen-Hersteller wie der deutsche Handyzulieferer Balda aus Bad Oeynhausen oder die US-Unternehmen 3M und Synaptics, indem sie eine durchsichtige, nur wenige Nanometer dicke und elektrisch leitende Beschichtung auf das Spezialglas auftragen. Wird das Handy eingeschaltet, liegt auf dem Glas eine minimale elektrische Spannung an. Sobald der Anwender das Glas berührt, fließt zwischen der Fingerkuppe und dem Handy ein schwacher Strom. Im Gehäuse verborgene Sensoren an den Ecken des Displays ermöglichen dem Controller-Chip im Telefon, die Position des Fingers zu berechnen.

Andere Touchscreen-Technologien, etwa die sogenannten Projected Capacitive Displays, reagieren über Distanzen von bis zu 20 Millimetern auf Annäherung des Fingers an die Bildschirmoberfläche. Noch sind sie wegen ihrer komplexeren Bauweise für den Einsatz in Telefonen ungeeignet.

Den Siegeszug der feinfühligen Oberflächen wird das kaum aufhalten. So kalkuliert das US-Beratungshaus iSuppli mit einem Wachstum des Touchscreen-Gesamtmarktes von weltweit 2,4 Milliarden Dollar im Jahr 2006 auf rund 4,4 Milliarden Dollar bis 2012. Während kapazitive Displays bisher gerade einmal fünf Prozent aller produzierten Module ausmachen, liefern sie bereits 20 Prozent des gesamten Branchenumsatzes. „Das Segment wird weiter deutlich schneller wachsen als der Markt“, prognostiziert Balda-Vorstandschef Joachim Gut.

Für den zunehmenden Einsatz der Touchscreens auch bei Handys spricht vor allem, dass sie ein immer größeres Dilemma der Telefonkonstrukteure beheben helfen: Die müssen immer mehr Funktionen in die Geräte packen, „gleichzeitig aber macht die Flut der zur Bedienung erforderlichen Steuerknöpfe die Telefone immer komplizierter“, sagt Tim Bosenick, Chef des auf Benutzbarkeitstest spezialisierten Beratungshauses SirValUse. „Übersichtlicher wird es, wenn auf dem Bildschirm immer nur die jeweils relevanten Funktionen eingeblendet werden. Ob Handy, Foto oder Mediaplayer – was nicht benötigt wird, erscheint einfach nicht auf dem Display.“

Eine Nummer kleiner funktioniert das auch. Das beweisen Motorola und Samsung mit zwei brandneuen Telefonen. Statt die komplette Geräteoberfläche durch einen entsprechen teuren Touch-screen zu ersetzen, modifizierten die Entwickler bei diesen Handys nur die Tastenfelder. So erscheinen etwa bei Motorolas neuem Modell Rokr E8 beispielsweise im Musikmodus an Stelle der üblichen Zifferntasten kleine Steuersymbole für die Titelauswahl oder die Lautstärke.

Ähnlich, wenn auch nicht ganz so weit gehend, arbeitet die Steuerung von Samsungs künftigen Nobelmodell SGH-U900 Soul. Dem wollen die Koreaner nach eigenem Bekunden sogar „eine Seele eingehaucht“ haben, weil sein Bedienfeld – wiederum je nach gewählter Funktion – die passenden (und per Fingerzeig aktivierbaren) Steuersymbole darstellt.

Ob „Seele“ oder Sensor: Schon jetzt ist absehbar, dass Handys mit Gefühl in Zukunft immer stärker vom elitären Luxus- zum Allgemeingut werden. „Bis zum Jahresende“, so die Prognose von iPhone-Pionier T-Mobile, „kommen die ersten Touchscreen-Telefone, die preislich massenmarktfähig sind.“

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