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Ärgerliche Neuerungen: Wie ich Google zu hassen begann

von Stephan Dörner Quelle: Handelsblatt Online

Google, das stand einmal für die Eleganz, Überflüssiges wegzulassen und stets das beste Ergebnis zu liefern. In kleinen Schritten droht dieses Kapital verloren zu gehen. Warum ich immer häufiger über den Web-Riesen fluche.

Mann vor einem Google-Logo. Viele der Neuerungen des Web-Riesen nerven unseren Autoren Stephan Dörner. Quelle: dpa
Mann vor einem Google-Logo. Viele der Neuerungen des Web-Riesen nerven unseren Autoren Stephan Dörner. Quelle: dpa

DüsseldorfGoogle, das war einst die Revolution des Suchens im Internet. Schon um das Jahr 2000 herum, als der Name Google den allermeisten Deutschen noch völlig unbekannt war, habe ich auf die Suchmaschine geschworen.

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Ich mochte Google. Sehr sogar. Es war die erste Suchmaschine, die sich wirklich als solche nutzen ließ. Später bot Google auch das erste Webmail-Angebot, das mich auf mein E-Mail-Programm verzichten ließ und den ersten Online-Kalender, den ich wirklich nutzte – bis heute.

Neben dem damals schon allen Konkurrenten überlegenden Suchalgorithmus waren es vor allem Kleinigkeiten, die mich bei Google überzeugten: Statt eines damals üblichen überfrachteten und unübersichtliche Web-Portals bot Google eine einfache Suchmaske und ein Logo – mehr brauchte es nicht.

Es sind ebenfalls Kleinigkeiten, die mich Google heute regelmäßig fluchen lassen – aber sie häufen sich. Nach und nach hat der Branchenprimus seinen Dienst mit kleinen Nervigkeiten verschlechtert.

Jüngstes Beispiel: Die Videosuche der Statusleiste auf der Google-Homepage wurde durch den Suchreiter „Youtube“ ersetzt. Wie leidgeplagte deutsche Youtube-Nutzer wissen, ist Googles Branchenprimus unter den Videoportalen für Musikvideos aber unbrauchbar, weil sich Google und die Gema nicht auf gemeinsame Lizenzbedingungen einigen können. Da ich Video-Portale vor allem zum Suchen von Musik nutze, sah meine Standard-Abfrage bei der Videosuche bislang meist so aus: „Songtitel –youtube.com“. Damit habe ich alle die Youtube-Videos, die dann aufgrund der Gema-Sperre sowieso nicht funktionieren, von vorne herein aussortiert. Nun muss ich umständlich http://video.google.com aufrufen, um meine alte Videosuche zu erhalten.


Wie ein Suchoperator zum Marketing-Gag wurde

Mit dem Ersatz des eigenen Dienstes Youtube durch die neutrale Videosuche über alle Anbieter hinweg, rüttelt Google an einem ehernen Prinzip des Unternehmens: Das selbst auferlegte Neutralitätsgebot, nach dem Websites von Konkurrenten in der Suche grundsätzlich nicht schlechter behandelt werden als die eigenen Dienste. Das geht so weit, dass beispielsweise auch eigene Websites beim Ranking abgestraft werden, wenn sie sich nicht an die Regeln halten.

Schon vorher ließ sich beobachten, dass Google teilweise von diesem Prinzip abrückt. Das zeigt sich exemplarisch an der Umwidmung des Suchoperators „+“. Um dessen Bedeutung zu verstehen, muss man wissen, wie Google heute funktioniert: Die Suchmaschine geht standardmäßig davon aus, dass sich vor dem Bildschirm ein Nutzer befindet, der nicht weiß, was er sucht - oder es zumindest nicht richtig formulieren kann. Daher werden  auch Ergebnisse angezeigte, die der Suchanfrage nur ähnlich sind. Das alles ist im Prinzip in den meisten Fällen nützlich – denn Tipp- und Rechtschreibfehler sind kein seltenes Phänomen. Außerdem ist es sinnvoll, wenn Google auch solche Websites findet, die in einem anderen grammatischen Fall stehen als das, was der Nutzer sucht.

Doch manchmal lohnt es sich auch, wenn der Suchende Google klar sagen kann, dass sie ihn ausnahmsweise nicht bevormunden soll. Schon 2011 beschwerte sich der Journalist Torsten Kleinz bei Zeit Online: „Wenn ich ‚Kleinz’ eingebe, bekomme ich im Zweifel alles angezeigt, was das Wort ‚Klein’ enthält. Mein Name ist in den Augen von Google ein Rechtschreibfehler.“ Für solche Fälle war das Plus-Zeichen gut. Ein vorangestelltes „+“ vor den eigentlichen Suchbegriff zwang Google zur wortgetreuen Suche. Leider hat Google aus dem Suchoperator einen Marketingag gemacht: Mit einem vorangestellten „+“ wird seit einiger Zeit direkt ein Unternehmensprofil auf Googles sozialem Netzwerk aufgerufen. Das soll Unternehmen einen Auftritt bei Googles Facebook-Konkurrenz schmackhafter machen. Die Suche bevorzugt damit Googles eigenes soziales Netzwerk gegenüber anderen - und raubt den Nutzern eine sinnvolle Option. Immerhin gibt es allerdings eine Alternative, die ich kürzlich entdeckte: Suchbegriffe können auch in Anführungszeichen gesetzt werden.

Google+ nervt

Überhaupt Google+ – ein Kapital für sich. Ich habe Google+ kurz ausprobiert und für mich persönlich als überflüssig befunden. Doch seit dem nervt mich das Netzwerk auf allen Google-Kanälen. Egal ob ich meine Mails lese, im Kalender nachschaue oder die Websuche nutze – immer und überall stört ein kleines rotes Kästchen, das mir eine wichtige Nachricht signalisiert, die nur darauf wartet, von mir gelesen zu werden. Diese „wichtige Nachricht“ ist aber der immer gleiche Unsinn: Irgendwelche Leute haben mich mal wieder in ihre Google-Plus-Kreise aufgenommen. Die meisten davon kenne ich nicht, ich habe noch nie ein Wort mit ihnen gewechselt. Viele kommen aus dem Bereich PR oder Suchmaschinenoptimierung und fügen vor allem deshalb völlig wahllos andere Nutzer ihren Kreisen hinzu, um selbst bekannt zu werden. Das interessiert mich nicht – aber die Benachrichtigungen in Form des kleinen roten Kastens lassen sich nicht abstellen. Inzwischen hat Google sogar seinen alten Buzz-Fehler wiederholt und zwangsbeglückt jeden Nutzer, der sich bei irgendeinem Google-Dienst anmeldet auch mit Plus.


Googles große Zwangsvereinheitlichung

In einer idealen Google-Welt hat eben jeder Erdenbewohner genau einen Google-Account mit dem er alle Google-Dienste nutzt. Die Realität allerdings sieht anders aus. Nicht nur, dass noch lange nicht jeder einen Google-Account hat – viele Nutzer benötigen gleich mehrere Google-Accounts. So habe ich zum Beispiel ein Konto bei Googles Werbebanner-Dienst AdWords, mit dem ich meinen uralten Blog von 2005 einmal mit Werbung versorgte und einen anderen AdWords-Account mit Freunden zusammen, mit denen ich vor Jahren eine Firma gegründet habe. Ich habe gleich drei E-Mail-Adressen, die ich von Google verwalten lasse – und jede einzelne hat ihre Berechtigung.

Google mag dieses Account-Chaos überhaupt nicht – und das lässt mich der Web-Riese auch jederzeit spüren. Meine drei Google-E-Mail-Adressen bändige ich auf meinem Mac mit einem Programm namens Mailinator – um das ständige ein- und ausloggen auf dem heimischen Rechner zu vermeiden. Auf eine von Google vor langer Zeit angekündigte einfache Möglichkeit des Account-Wechsels warte ich bis heute.

Auch für Googles Videoportal Youtube wäre das praktisch: Dort wurde mein Account, mit dem ich normalerweise bei Google eingeloggt bin, dauerhaft gesperrt. Irgendwann hatte ich den Account einmal mit meiner Haupt-Google-E-Mail-Adresse angelegt aber nie genutzt. Das war noch zu Zeiten, als Youtube gar nicht zu Google gehörte und ich nie im Leben an die Konsequenzen für meinen heutigen Google-Account gedacht hätte. Weil der Account von mir nur ungenutzt rumlag, nutzte ihn ein Bekannter von mir, um Videos aus dem Online-Rollenspiel „World of Warcraft“ hochzuladen. Diese waren mit urheberrechtlich geschützter Musik unterlegt – und das Konto wurde deshalb dauerhaft gesperrt.

Das störte mich damals weniger als den besagten Bekannten, dessen Videos teilweise Hunderttausende Aufrufe hatten. Inzwischen aber stört es mich. Weil ich damals meine Haupt-E-Mail-Adresse für den Yotube-Account angegeben habe, bin ich nun immer mit einem dauerhaften gesperrten Account auf Youtube unterwegs – wodurch ich Videos mit Altersbeschränkung beispielsweise nicht sehen kann. Ich muss mich erst ausloggen und mit einem anderen Youtube-Account einloggen, um das zu umgehen – und bin damit dann automatisch auch bei allen anderen Google-Diensten ausgeloggt. Die große Zwangsvereinheitlichung von Google hat übrigens auch dafür gesorgt, dass inzwischen niemand mehr von meinen Freunden auf unseren gemeinsamen AdWords-Account zugreifen kann, weil dieser Account nun auf irgendeine obskure E-Mail-Adresse zwangsvereinheitlicht, die keiner von uns kennt.

Neue Nutzungsbedingungen angreifbar

Auch beim Datenschutz schlägt die große Vereinheitlichung zu. Die über 60 Datenschutzerklärungen der Google-Dienste, sollen einer einzigen weichen – und Daten über alle Google-Dienste hinweg geteilt werden. Vorteilhaft für den Nutzer ist das nur auf den ersten Blick, urteilt die Stiftung Warentest. „Google bleibt in den Formulierungen auffällig vage und räumt sich auf diese Weise weitreichende Rechte ein, die nach deutschem Recht angreifbar sind“, urteilt die Stiftung auf ihrer Website.

Die etwa neunseitige Erklärung wimmele geradezu von äußerst dehnbaren Formulierungen wie „möglicherweise“ (15 Mal) und „gegebenenfalls“ (zehn Mal). „Unter Umständen verknüpfen wir personenbezogene Daten aus einem Dienst mit Informationen und personenbezogenen Daten aus anderen Google-Diensten“, heißt es dort zum Beispiel. Damit weiß ein Nutzer nicht, ob und wann es zu einer Verknüpfung kommt und ob er jemals etwas davon erfährt. Das sei nach deutschem Recht unzulässig.

Die Stiftung Warentest empfiehlt, die eigenen Internet-Aktivitäten auf möglichst viele Anbieter zu verteilen. Sollte ich mir das auch zu Herzen nehmen? Ich habe es mehrmals probiert. Doch immer wenn ich eine Alternative zu den Google-Diensten suchte bemerkte ich leider ganz schnell: Alle anderen sind noch viel schlimmer.

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