Atommüll: Schweizer Brennstäbe schüren Angst in Deutschland

Atommüll: Schweizer Brennstäbe schüren Angst in Deutschland

von Andreas Wildhagen

An der südlichen Grenze der Bundesrepublik soll ein atomares Endlager entstehen - mit radioaktiven Abfällen der Eidgenossen

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Urlaubsparadies Schweiz

Die aktuelle Steueraffäre droht das früher so unerschütterliche Verhältnis zwischen Deutschland und der Schweiz zu belasten. Entsetzt reagieren Schweizer Politiker auf die Absicht der Bundesregierung, die Steuersünder-CD mit den offenbar gestohlenen Bankdaten zu kaufen. Ebenso fassungslos sind deutsche Umweltschützer, SPD-Politiker und Grüne, aber auch baden-württembergische Wertkonservative über das, was sich an der südbadischen Grenze zur Schweiz zusammenbraut. Dort wollen die Schweizer ein Atom-Endlager bauen - das zerrt an den Nerven nicht nur der Württemberger, sondern auch vieler Norddeutscher, denen es bei den Nachrichten um das abgesoffene Depot von nuklearen Abfällen im niedersächsichen Asse oder in Gorleben unheimlich wird.

Wie die deutschen Nachbarn suchen auch die Schweizer seit 30 Jahren nach geeigneten Orten, an denen sie sich ihres nuklearen Abfalls sicher entledigen können. Die Nagra, die von der Schweizer Atomindustrie und dem helvetischen Bund getragene Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle, hatte Mitte der neunziger Jahre den in der Zentralschweiz gelegenen Wellenberg als unterirdische Atommüllkippe ausgeguckt.

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Der Ort lag den Eidgenossen dann aber doch etwas zu sehr im Herzen des Musterlandes - Naturgefühl, Schweizer Sicherheits-Biedersinn und das harmlose Image als Tourismus-Dorado schien gestört zu sein. In dem basisdemokratisch organisierten Land wurde 1995 und 2002 in kantonalen Referenden beschlossen, das umstrittene Vorhaben der Nagra zu Fall zu bringen. Die Endlagersuche ging in eine weitere Runde.

Atom-Endlager nur ein paar Autominuten von der deutschen Grenze entfernt

Vor knapp zwei Jahren schafften die Schweizer, was in Deutschland tabu zu sein scheint. Der Berner Bundesrat beschloss ein »ergebnisoffenes«, dreistufiges Auswahlverfahren mit umfangreicher Beteiligung der Öffentlichkeit. Bis 2018 soll ein möglichst sicherer Ort für je ein Endlager für schwach- und mittelaktiven sowie hochaktiven Müll bestimmt werden. Der Ort heißt Benken. Er liegt im Züricher Weinland, der gegenwärtig als der wahrscheinlichste Standort gilt. Ein beschauliches Nest in der Südschweiz mit knapp tausend Einwohnern, nahe der deutschen Grenze und nicht weit von Schaffhausen mit seinem berühmten Rheinfall gelegen. Einen halben Kilometer unter der Gemeinde hat die Nagra eine mehr als hundert Meter dicke Schicht Opalinuston gefunden, welche die strahlenden Hinterlassenschaften der Schweizer Atomindustrie auf unabsehbare Zeit sicher von der Sphäre des Lebens abschließen soll.

Die Nagra glaubt an die Realisierung eines Atom-Endlagers nur ein paar Autominuten von der deutschen Grenze entfernt. "Technisch kein Problem", wird ein Schweizer Ministeralbeamter zitiert. Das Gestein zehn Kilometer südlich von Schaffhausen sei grundsätzlich für die Lagerung von radioaktivem Abfall geeignet - so konstatiert es jedenfalls die Eidgenössische Kommission für die Sicherheit der Kernanlagen.

Nachhilfe in Geologie

Über Jahrzehnte schon erkundete die halbstaatliche Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle die am besten geeigneten Gesteinsarten zur Einlagerung von Strahlenmüll. Ende der neunziger Jahre fand man bei Bohrungen in 500 bis 650 Meter Tiefe besonders dichten Opalinuston. Selbst Wassereinbrüche, die in der Asse zum Debakel führten, soll das graubraune, 180 Millionen Jahre alte Gestein besser bewältigen, da es aufquillt. Opalinuston? Das Schweizer Energieministerium gibt Nachhilfe in Geologie: "Opalinuston ist ein Tongestein, das aus Meeresablagerungen vor ungefähr. 180 Millionen Jahren entstanden ist", heißt es auf der Internetseite. Ton habe gute Abdichtungs- und Isolationseigenschaften, "sogar über äusserst lange Epochen", beteuern die Schweizer Experten auf derelben Internetseite. Dies ist eine Bedingung für die sichere Lagerung von radioaktivem Abfall.

Und: Die Opalinustonschicht des Zürcher Weinlands ist über hundert Meter dick. Ober- und unterhalb befinden sich gering durchlässige, tonig-mergelige Sedimentschichten. Die geologischen Vorgänge, welche die geologische Struktur des Gebietes beeinflussten, seien "über hunderte von Millionen Jahren zurückzuverfolgen".

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