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Australien: Australiens Versuchsküche Rapsfeld

von Vera Sprothen (Sydney)

Australien will zum weltweit führenden Standort für Gentechnik und Stammzellforschung aufsteigen – und schlägt ethische Bedenken in den Wind.

Australien forciert den Quelle: dpa
Australien forciert den Rapsanbau Quelle: dpa

Diese ewige Warterei! Geoff Kendell ist es leid: Erst mauerten die Politiker, dann spielte das Wetter verrückt. Und jetzt, da es nach Jahren der Dürre endlich wieder regnet und die australische Regierung die Gesetze gelockert hat, welche die Gentechnik regeln, muss er noch einmal warten. Die beiden Hauptproduzenten gentechnisch veränderter Rapssaaten, Monsanto und Bayer CropScience, haben noch nicht genug Samen für den neuen Markt parat.

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Kendell ist Getreidebauer im sonnenverbrannten Staat Victoria – und er will seine neue Freiheit nutzen. Seit Anfang März ist der kommerzielle Anbau von gentechnisch verändertem Raps erlaubt, und der Bauer ist „wirklich scharf auf die neue Technologie“. Denn: „Damit kann ich auf dem Weltmarkt konkurrieren.“

Nicht nur Farmer Kendell hat die Fortschrittseuphorie erfasst. Der gesamte Biotech-Sektor ist in Aufbruchstimmung, seit in Australien immer mehr legale Hürden fallen, allen ethischen Bedenken zum Trotz. Während grüne Gentechnik und Stammzellforschung in Deutschland äußerst restriktiv geregelt sind, fördert Australien diese Zukunftstechnologien mit beachtlichem Erfolg.

Bereits im Dezember 2006 gaben Australiens Parlamentarier grünes Licht für das umstrittene therapeutische Klonen. Seither dürfen Wissenschaftler aus menschlichen Körperzellen Embryonen erzeugen. So lassen sich dann Stammzellen gewinnen, etwa um für Forschungszwecke krankheitsspezifische Stammzellen zu züchten (siehe wiwo.de/stammzellen). Stolz zählen sich die Australier heute in dem Bereich zur Weltspitze.

Melbourne, die Hauptstadt des in der Gentechnik besonders freizügigen Bundesstaats Victoria, hat sich zu einer Drehscheibe der weltweiten Stammzellforschung entwickelt. Hier sitzt seit 2002 das Australian Stem Cell Centre (ASCC), ein Verbund aus zehn Forschungsinstituten und Universitäten, gefördert mit mehr als 70 Millionen Euro aus staatlichen Töpfen. „Australien ist dabei, eine Schlüsselrolle in der globalen Biotechnologie-Industrie einzunehmen“, sagt Shushmul Maheshwari, Chef des auf die internationale Biotech-Branche spezialisierten Marktforschungsinstitutes RNCOS im indischen Neu-Delhi.

Unterstützung erhält die Branche aus der australischen Bundeshauptstadt Canberra: Die Nationalregierung investiert in neue Wissenschaftsinfrastruktur, verteilt großzügig Zuschüsse für Biotech-Startups und erhöhte zuletzt die Steuervorteile für ausländische Forscher.

Vom Biotech-Boom soll auch die australische Umwelt profitieren. So werden 60 Prozent aller australischen Rapsfelder noch mit dem aggressiven Unkrautvernichtungsmittel Atrazin behandelt, das wegen seiner Gefahr für Wasserorganismen und Trinkwasser in der Europäischen Union längst verboten ist. Rückstände des Gifts lagern sich über Jahre hinweg im Boden ab und vermindern Folgeernten um bis zu 20 Prozent. Gen-Raps gedeiht auch ohne Atrazin.

Die australische Mischung aus Fortschrittsvertrauen und Marktorientierung hat auch deutsche Unternehmen angelockt, etwa BASF Plant Science. Mit Spezialisten des australischen Forschungszentrums Molecular Plant Breeding CRC arbeitet das Unternehmen an einer gentechnisch veränderten Weizenart, die dürreresistent sein soll. Ungestört von den Feldattacken hysterischer Gentechnik-Gegner und in schwüler Treibhausluft züchten australische Forscher salztoleranten Hafer und Gras, das keinen Heuschnupfen verursacht. Für Australiens Winzer wurde eine genmanipulierte Hefe entwickelt, die das feine Aroma von Sauvignon Blanc oder Shiraz deutlich intensiviert. Zwar wenden Australiens Winzer die Gentech-Hefe noch nicht an, um die empfindlichen Käufer in Europa nicht zu vergrätzen. Doch die Weinbauern stehen in den Startlöchern für den Fall, dass sich das Verbraucherklima wandelt.

Lifeprint Australia, Ableger eines süddeutschen Biotech-Unternehmens aus Illertissen bei Ulm, profitiert von der neuen Kennzeichnungspflicht für europäische Lebensmittel – und vom australischen Know-how. Gestützt auf den Erfahrungsschatz des Australian Centre for Plant Functional Genomics in Adelaide, „können wir ganz genau entschlüsseln, ob und welche genveränderten Zutaten in Lebensmitteln enthalten sind“, sagt Lifeprint-Chef Andrew Milligan.

An Geld fehlt es der der Branche nicht, im Gegenteil. Händeringend suchen die Fondsmanager der privaten Rentenversicherungen, in die alle australischen Beschäftigten laut Gesetz einzahlen müssen, nach guten Anlagemöglichkeiten. „Ich musste nirgends um Geld bitten, drei Fonds kamen zu mir“, sagt der Deutsche Ralf Brandt. Sein Unternehmen Vivopharm führt von Adelaide aus vorklinische Studien für globale Life-Science-Konzerne durch und sammelte in Down Under genug Kapital ein, um im Januar das erste Büro in Deutschland eröffnen zu können.

3 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 20.03.2008, 11:30 UhrAnonymer Benutzer: Dieter Wolf

    Wo sich die Gentechnik wirtschaftlich auszahlt, wird sie sich durchsetzen, wo nicht war es einen Versuch wert, ohne den es keinen Fortschritt gibt. Es gab schon immer Menschen, die dem Fortschritt kritisch gegenüber standen. in der westlichen Hemisphäre waren sie bislang in der Minderheit, in anderen Teilen der Welt in der Mehrheit; das Ergebnis: entwickelte Länder und Entwicklungsländer. Letztere holen mächtig auf und machen uns auf den Weltmärkten Konkurrenz. Nicht ausgeschlossen, dass sich die Verhältnisse umkehren.

  • 15.03.2008, 17:00 UhrAnonymer Benutzer: Werner Lettmaier

    Unverdorbene Lebensmittel "Ohne Gentechnik" werden bald sehr wertvoll. Dahin würde ich investieren.

  • 14.03.2008, 20:07 UhrAnonymer Benutzer: Mentos

    Ein bisschen sparsam recherchiert oder von Monsanto gesponsort?

    Grüne und rote Gentechnik in einem Atemzug abzuhandeln ist wohl nicht ganz seriös.

    Roundup lagert sich nicht im boden ab wie Atrazin? Schön wärs.

    Und wie ist es mit Auskreuzungen auf andere Pflanzen siehe z.b. http://www.heise.de/tp/r4/artikel/20/20624/1.html ?

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