
Düsseldorf/KölnWenn die 57 Fahrzeuge heute Nachmittag Punkt 15 Uhr in Le Mans über die Startlinie fahren, bricht in der Historie des legendären 24-Stunden-Rennens ein neues Kapitel an. Und dies nicht nur deshalb, weil gleich mehrere Autos mit revolutionärer Hybrid-Technologie unter der Haube das Rennen für sich entscheiden könnten. Nein, dieses Jahr treten die zwei größten Autobauer der Welt gegeneinander an: Volkswagen und Toyota.
Le Mans war oft die Bühne für erbitterte Wettstreite der Autoindustrie - Ford gegen Ferrari, Audi gegen Peugeot. Doch dieses Mal gleicht der Wettkampf einem Kampf David gegen Goliath. Toyota bei den Absatzzahlen von Straßenfahrzeugen ein Riese ist, schrumpfen die Japaner in Le Mans nämlich auf Zwergenformat. Toyota kehrt nach 12 Jahren Le-Mans-Abstinenz auf die 13,629 Kilometer lange Strecke zurück.
Anders bei der deutschen Konkurrenz: Zehn der letzten elf Rennen hat eine Marke des VW-Konzerns gewonnen, neun davon Audi, 2003 einmalig Bentley. Aber auch nur, weil Audi da auf einen werksseitigen Start verzichtet und sein Team an die Schwester-Marke Bentley „ausgeliehen“ hatte.
Nachdem Audi 2006 den Diesel im Langstrecken-Rennsport salonfähig gemacht hat und sich in den vergangenen Jahren ein enges Duell mit den Diesel-Rennwagen von Peugeot geliefert hat, soll es dieses Jahr der erste Sieg mit einem Hybridauto für Audi geben.
Diesen öffentlichkeitswirksamen Premieren-Erfolg will nun Toyota den Ingolstädtern streitig machen. Und auch wenn die Japaner nicht auf so viel Erfahrung in Le Mans wie Audi zurückblicken können: Beim Auto für die Straße gilt Toyota mit zigtausend verkauften Fahrzeugen als der Hybrid-Vorreiter schlechthin. „Toyota möchte sein Hybrid-Konzept, das wir bereits im Straßenfahrzeugen einsetzen, in Le Mans gewinnen sehen“, sagt Rob Leupen, Director Business Operations bei Toyota Motorsport im Gespräch mit Handelsblatt Online. „Wir waren schon zweimal Zweiter, das möchten wir jetzt ändern. Das ist die Triebfeder, diese Technik dort einzusetzen.“
Toyota ärgert die Audi-Macht im Qualifying
Dabei war lange nicht klar, ob Toyota nach den beiden zweiten Plätzen 1998 und 1999 wieder nach Le Mans zurückkehren würde. Ende September 2011 dann genauso plötzlich wie kurzfristig die Entscheidung: Ja, Toyota tritt wieder an - und setzt dabei auf ein anderes Konzept als die deutsche Konkurrenz. Während Toyota wie bei ihren Serien-Autos nämlich auf eine Kombination aus Benzin- und Elektromotor vertraut, bleibt Audi seinem Diesel treu.
„Wir haben nach Beginn der TDI-Phase im Jahr 2006 recht bald über die Hybridisierung eines Le-Mans-Sportprototypen nachgedacht, als nämlich absehbar war, dass das Reglement diese Möglichkeit eröffnet“, erklärt Audi-Motorsportchef Wolfgang Ullrich. Ein Sieg von Audi wäre ein weiterer Meilenstein in der Technologie-Historie der Ingolstädter in Le Mans. 2001 der erste Sieg mit einem turbogeladenen Benzin-Direkteinspritzer, 2006 der erste Sieg mit einem Diesel.
Doch da ist ja noch Le Mans. „Man kann nicht mit der Erwartung nach Le Mans kommen, wieder gewinnen zu müssen“, sagt Audi-Fahrer André Lotterer, Vorjahressieger und gebürtiger Duisburger. „Man hat gesehen, wie viel Unplanbares im Rennen passieren kann.“ Dessen ist sich auch Toyota bewusst. „Wir möchten in diesem Jahr zeigen, dass das Auto schnell ist“, so Projekt-Manager Leupen. „Letztes Jahr ist Audi mit drei Autos gestartet, und mit nur einem Auto ins Ziel gekommen. Da sieht man, wie hoch die Verluste sind. Wir starten nur mit zwei Autos. Um da die Ziellinie zu sehen, gehört neben einem schnellen und zuverlässigen Auto auch eine Portion Glück dazu.“
Dass der Toyota TS030 schnell ist, konnten die Kölner inzwischen beweisen. Zwar ging das Qualifying an Audi. Ein Toyota qualifizierte sich allerdings auf Startplatz 3 - noch vor dem zweiten Hybrid-Audi. „Hut ab vor der Leistung unseres neuen Gegners Toyota“, sagt denn auch Rekordsieger und Audi-Pilot Tom Kristensen. Mit diesem Qualifying-Ergebnis hat Toyota die Zielsetzung von Rob Leupen erreicht. Im April forderte der Projekt-Manager im Gespräch mit Handelsblatt Online: „In der Startaufstellung sollte ein Fahrzeug von uns unter den ersten Drei stehen.“ Das hat Toyota geschafft.
| Platzierung | Startnummer | Fahrzeug | Fahrer | Zeit | Abstand |
| 1 | 1 | Audi R18 e-tron quattro | Lotterer/Fässler/Tréluyer | 3:23.787 | |
| 2 | 3 | Audi R18 ultra | Gené/Dumas/Duval | 3:24.078 | 0.291 |
| 3 | 8 | Toyota TS030 Hybrid | Davidson/Sarrazin/Buémi | 3:24.842 | 1.055 |
| 4 | 2 | Audi R18 e-tron quattro | Kristensen/Capello/McNish | 3:25.433 | 1.646 |
| 5 | 7 | Toyota TS030 Hybrid | Wurz/Lapierre/Nakajima | 3:25.488 | 1.701 |
| 6 | 4 | Audi R18 ultra | Rockenfeller/Jarvis/Bonamoni | 3:26.420 | 2.633 |
Super-GAU in der Vorbereitung
Viel Zeit haben die Kölner für ihren Erfolg nicht, die Konzernleitung erwartet 2013 den prestigereichen Gesamtsieg. „Es ist ein sehr heroisches Rennen. Jeder Automobilhersteller möchte da gewinnen“, sagt der gebürtige Niederländer Leupen. „Zum anderen ist es das populärste Rennen der Welt. Kein anderes Rennen hat so viele Zuschauerzahlen und Live-Übertragungen.“
Dass es nun überhaupt zu dem prestigeträchtigen Duell zwischen Audi und Toyota kommt, liegt am kurzfristigen Rückzug von Peugeot. Die Franzosen hatten ohne Vorankündigung im Januar mit Blick auf die finanzielle Lage des Konzerns das kostspielige Le-Mans-Programm gestoppt - obwohl ein Diesel-Hybrid-Prototyp für das Rennen bereits nahezu fertig entwickelt war.
Durch den Rückzug geriet Toyota plötzlich unter Zugzwang. Eigentlich sollte das Jahr 2012 mit der Teilnahme an den 24 Stunden von Le Mans und zwei weiteren Rennen der neu geschaffenen Langstrecken-Weltmeisterschaft WEC eine Test-Saison werden. Da die WM aber ohne Peugeot zu einem Audi-Markenpokal verkommen wäre, „wurden wir mit dem Rückzug von Peugeot gebeten, an allen Rennen teilzunehmen“, wie Leupen es ausdrückt. Und das alles gerade einmal vier Monate, nachdem Toyota Motorsport in Köln das offizielle „Go“ erhalten hatte.
Doch die Truppe aus Köln-Marsdorf, die auch bereits das Formel-1-Engagement der Japaner betreut hatten, konnten sich auf die Vorarbeit von Toyota-Entwicklungsvorstand Takeshi Uchiyamada verlassen. Der Motorsport-begeisterte Entwickler hatte bereits vor sieben Jahren einen Hybrid-Antriebsstrang für einen Rennwagen in Japan entwickeln lassen. Ein Windkanal-Modell für das Fahrzeug aus Köln gab es auch schon, das Projekt musste also nicht ganz bei null angefangen.
Dann kam es im April allerdings zum Super-GAU: Bei einem Testunfall im französischen Le Castellet wurde das zu diesem Zeitpunkt einzige Chassis irreparabel beschädigt. „Mein erster Gedanke war: ,Scheiße!‘ Wenn man auf den Kameras den Einschlag sieht, ist das schlimm“, sagt John Litjens, Leiter des technischen Managements bei Toyota.
Da zu dieser Zeit kein anderes Test-Fahrzeug vorhanden war, lag das komplette Programm auf Eis. Nach einer Schätzung von Litjens hat der Unfall das Projekt mindestens vier bis sechs Wochen zurückgeworfen. „Wir wollten in diesem Zeitraum einige Teile auf ihre Zuverlässigkeit testen“, so Litjens. Leupen fügt hinzu: „Uns fehlen 15.000 Testkilometer, das ist vor allem viel Erfahrung, die uns fehlt. Hält das Fahrzeug? Hält der Antrieb? Wie schnell ist das Fahrzeug? Die Generalprobe ist leider ausgefallen.“ Jetzt geht es also gleich ums Ganze.












