Autonomes Fahren: "Angst, den Anschluss zu verlieren"

exklusivAutonomes Fahren: "Angst, den Anschluss zu verlieren"

von Stefan Hajek

Deutsche Gründer und Autoindustrie fürchten, durch zu strenge nationale Gesetze bei selbstfahrenden Autos global in Rückstand zu geraten.

Zielsicher gleitet die Nissan-Limousine durch Londons Verkehr. Sie stoppt an roten Ampeln, fädelt elegant in den Kreisverkehr und bremst rapide, als ein Taxi vor ihr die Spur wechselt. So weit, so normal. Außer, dass kein Fahrer lenkt, sondern Sensoren, Chips und Algorithmen. Die Stadt London habe Tests des selbstfahrenden Wagens Anfang März „sehr kooperativ“ ermöglicht, lobt Nissan-Manager Tetsuya Iijima.

Autonomer Nissan-Prototyp „Ui, jetzt hab ich Angst“

Ein selbstfahrendes, autonomes Elektroauto, mitten im Londoner Berufsverkehr, ohne dass ein Mensch noch lenkt, Gas gibt oder bremst? Das geht bereits. Zumindest mit einem mit viel Technik aufgemotzten Prototypen.

Nissan-Leaf Quelle: REUTERS

In Deutschland seien Gesetze dagegen teils so restriktiv, dass sie der Entwicklung des autonomen Autos im Wege stünden, meint Tom Kirschbaum, Vorstand im Bundesverband Deutsche Startups (BDS): „Deutschland droht den Anschluss an China und die USA zu verlieren“, sagt er. Die Vereinigung aus 650 Start-ups will das ändern. Gemeinsam mit dem Verband der Autoindustrie, VDA, will sie Druck auf den Gesetzgeber machen, um die Chancen deutscher Unternehmen im globalen Wachstumsmarkt des intelligenten Verkehrs zu verbessern. Das geht aus dem gemeinsamen Positionspapier hervor, das der WirtschaftsWoche vorliegt.

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Die Zeit drängt: Mitte März geht ein Gesetzentwurf zum autonomen Fahren in erster Lesung in den Bundestag: Fallen die Gesetze zu streng aus – verpflichten sie etwa den Autofahrer, stets eingreifen zu können –, „berauben sie selbstfahrende Autos ihrer Vorteile“, kritisiert Phillip Slusallek vom Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz in Saarbrücken. „Der Fahrer könnte sich keiner anderen Beschäftigung widmen, müsste dem Auto beim Fahren zusehen.“ Die Industrie strebt weniger strikte Vorgaben an.

In diesen Situationen möchten die Deutschen autonom fahren

  • Einparken

    63 Prozent aller Deutschen möchten die Kontrolle beim Einparken abgeben. Das ergab eine repräsentative Umfrage des Digitalverbands Bitkom aus dem Jahr 2015.

  • Stau auf der Autobahn

    45 Prozent möchten im Stau autonom fahren.

  • Fließender Autobahnverkehr

    Auf der Autobahn möchten 15 Prozent der Befragten die Kontrolle abgeben.

  • Stadtverkehr

    Neun Prozent möchten im Stadtverkehr autonom unterwegs sein.

  • Immer

    Sieben Prozent wollen auf allen Straßen die Kontrolle übers Fahren abgeben.

  • Nie

    27 Prozent möchten die Kontrolle gar nicht abgeben.

Das sehen manche Experten kritisch: „Keinesfalls darf das rechtliche Risiko einseitig auf Fahrer und Halter geschoben werden“, sagt Christoph Stiller vom Karlsruher Institut für Technologie. Er sehe die Industrie in der Plicht, den Schwerpunkt auf die Sicherheit der Systeme zu legen, nicht aufs Tempo.

Auch der aktuelle Rechtsrahmen bei der Personenbeförderung behindert nach Meinung der Industrie den Fortschritt. Mitfahrdienste in privaten Pkws etwa seien unverzichtbar in künftigen Verkehrskonzepten, um Lücken im Personennahverkehr zu schließen. Sie könnten aber ihr „Potenzial nur ausschöpfen, wenn die Nutzung privater Pkw-Mitfahrten nicht unnötig erschwert wird“, heißt es im Papier. Sie sind jedoch bisher vom Personenbeförderungsgesetz weitgehend verboten.

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