Autotest: Fiat 500 - zum Verlieben

Autotest: Fiat 500 - zum Verlieben

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Fiat 500 (240)

Autorennfahrer Johannes Stuck fuhr den neuen Fiat 500, das Auto des Jahres 2008.

Ganz ehrlich: Ich habe mich auf diesen Test gefreut, schon Tage bevor die weiße Knutschkugel bei mir auf dem Hof stand. Nicht, weil er bei mir irgendwelche Erinnerungen geweckt hätte. Denn 1975, als in Italien nach mehr als 3,7 Millionen Exemplaren der letzte 500er der alten Art vom Band lief, war ich noch gar nicht geboren. Neugierig machte mich vielmehr das originelle Design, das den kleinen Italiener aus der Masse hervorhebt. Wie ich auf YouTube gesehen habe, lässt sich der Wagen zudem durch zahlreiche Anbauteile, Aufkleber, mit Sportpedalen und Sonderlackierungen auf vielfältigste Weise individualisieren.

Das finden junge Leute cool. Außerdem mag ich kleine Autos, wenn sie ordentlich Feuer unter der Motorhaube haben: Drei Jahre lang bin ich mit dem Mini Rennen gefahren, also einem Auto, das in ähnlicher Weise mit der Vergangenheit spielt und bei ähnlichen Abmessungen eine Menge Fahrspaß bietet. Kann der Fiat 500 der Neuzeit hier mithalten? Bei ausgedehnten Testfahrten im Münchner Umland und auf der Autobahn nach Österreich konnte der unlängst von einer internationalen Jury zum Auto des Jahres 2008 gekürte Kleinwagen beweisen, was in ihm steckt.

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Schein und Sein Bei meiner Freundin war es Liebe auf den ersten Blick – den metallic-weiß lackierten Fiat 500 schloss sie spontan ins Herz. Richtig niedlich fand sie unser knapp 3,60 Meter langes Testwägelchen mit seinen chromgerahmten Kulleraugen und Türgriffen sowie seiner knubbeligen Form. Ja, den Fiat-Designern ist da ein großer Wurf gelungen. Das zeigten mir auch die Reaktionen anderer Verkehrsteilnehmer: Jeder guckte neugierig zu uns herüber. Selbst Porsche-Fahrern zauberte der Fiat ein Lächeln ins Gesicht.

Der neue 500er zitiert die historische Urform und spielt damit, trägt dabei – im Unterschied zum Mini – aber nicht zu dick auf. Das gilt auch für das Interieur. Das auf die Farbgebung des Fahrzeugs abgestimmte, glänzend lackierte Armaturenbrett und das zentrale Rundinstrument hinter dem Lenkrad sehen sehr edel und flippig aus.

Die Funktionalität leidet nicht darunter: Alles ist schnell gefunden und simpel zu bedienen. Und wer sich fünf Minuten Zeit für die Lektüre der Bedienungsanleitung nimmt, hat über das Blue&Me genannte Bluetooth-System im Handumdrehen sein Handy mit der serienmäßigen Freisprechanlage gekoppelt oder seinen iPod ans Radio angeschlossen.

Das Innenraum-Konzept ist einfach Klasse. Das gilt auch für das Raumangebot: Obwohl einige Zentimeter kürzer und schmaler als der Mini, bietet der Fiat spürbar mehr Platz. Auf die umklappbare Rücksitzbank passen problemlos auch zwei Erwachsene, in den Kofferraum durchaus mehrere Einkaufstüten. Die größte Überraschung jedoch ist für mich die Verarbeitungsqualität. Nichts klapperte oder knisterte an unserem in Polen produzierten Auto, auch bei höheren Geschwindigkeiten nervten keine Windgeräusche. Da hatte ich von einem Fiat aufgrund alter Vorurteile anderes erwartet.

Saus und Braus 100 Pferdestärken mobilisiert die Maschine in unserem Testwagen – mehr bietet Fiat derzeit nicht an. Später will der Hersteller eine Abarth-Version des Cinquecento nachschieben, die angeblich 155 unter der Haube hat. Damit könnte man dann eine Rennserie auflegen oder wie in alten Zeiten an Rallyes teilnehmen. Für den Alltagsverkehr allerdings reichen 100 PS völlig aus. Ich bin damit in 9,6 Sekunden auf Tempo 100 gesprintet und (auf leicht abschüssiger Piste) auf eine Spitzengeschwindigkeit von 200 km/h gekommen.

Noch besser wäre der Antritt, wenn man den ersten und zweiten Gang etwas kürzer übersetzt hätte: Beim Start an der Ampel gibt sich der Fiat etwas müde. Das größte Manko der 100-PS-Version aber ist die Akustik, die noch etwas Feintuning braucht: Bei höheren Geschwindigkeiten klingt der Motor brummig, fast wie ein Diesel. Schade, Fahrfreude kommt so nicht auf. Immerhin können meine Freundin und ich uns noch bei Tempo 140 unterhalten, ohne die Stimme zu erhöhen. Unser Kraftstoffverbrauch war während der Testfahrt auch aufgrund längerer Vollgas-Abschnitte auf der Autobahn mit durchschnittlich 8,8 Litern auf 100 Kilometern sicherlich etwas höher als normal. Jenseits von 150 km/h, so mein Eindruck, wird der Motor richtig durstig. Da der Tank nur 35 Liter Superbenzin fasst, lassen Vollgas-Orgien die Reichweite des Wagens schnell schrumpfen.

Schalten und Walten Einmal abgesehen von jener Anfahrschwäche harmonisiert das Sechsgang-Getriebe sehr gut mit dem Motor. Es lässt sich recht flüssig schalten, der hoch in der Mittelkonsole angebrachte Schalthebel liegt dabei gut in der Hand. Auch sonst ist der Fahrkomfort hoch. Der Fiat liegt ruhig auf der Straße und fährt sauber geradeaus. Bei Lastwechseln versetzt das Auto nicht. Das Handling ist fast genauso gut wie beim Mini: Wie ein Gokart lässt sich der 500er um die Kurven bewegen. Das verleitet zum zügigen Fahren.

Allerdings hat der Fiat einen etwas höheren Schwerpunkt als der Mini und ist auch etwas kopflastig: Wenn man bei hohen Geschwindigkeiten plötzlich stark abbremsen muss, wird das Heck sehr leicht. Passiert das in Kurven, könnte es für ungeübte Fahrer brenzlig werden. Bei der 100-PS-Version ist deshalb serienmäßig ein elektronisches Stabilitätsprogramm (ESP) an Bord. Bei den kleineren Modellen muss das Technikpaket, das auch eine Anti-Schlupfregelung, einen Bremsassistenten sowie eine Berganfahrhilfe beinhaltet, extra bezahlt werden.

Ich denke, die 350 Euro sind gut angelegt. Die Lenkung arbeitet präzise, auf Knopfdruck beim Einparken extra leichtgängig. Umso ärgerlicher ist der Wendekreis von 10,6 Metern, der für ein Stadtauto viel zu groß ist. Das können Mini und Smart ganz klar besser.

Johannes Stuck (240) Quelle: Franz Rother

Johannes Stuck (240)

Bild: Franz Rother

Geld und Kapital Mit einem Basispreis von 14.500 Euro ist unser Testexemplar des Fiat 500 in der Ausstattungslinie Lounge nicht gerade ein Billigheimer. Einen Renault Twingo etwa gibt es schon für unter 10.000 Euro. Der Preis relativiert sich jedoch sehr schnell, wenn man den Fiat mit zwei anderen Konkurrenten vergleicht, die ebenfalls als Lifestyle-Fahrzeuge positioniert wurden: Ein Mini One (95 PS) kostet mit vergleichbarer Ausstattung fast 21.000 Euro. Und ein Smart Fortwo kommt mit ein paar der Gimmicks, die der Fiat serienmäßig an Bord hat, locker über 16.000 Euro, bietet dafür aber nur Platz für zwei Passagiere und eine kleine Einkaufstasche.

Mit Blick auf die beiden Hauptwettbewerber und die vielen positiven Eigenschaften des Cinquecento halte ich den Preis des Fiat somit für durchaus gerechtfertigt, ja ausgesprochen fair. Zumal die Unterhaltskosten recht niedrig bleiben, wenn man den Fiat zahm bewegt. Der Kraftstoffverbrauch sollte sich dann um die sieben Liter einpendeln. Alles in allem ist der Fiat 500 für mich das derzeit beste Stadtauto, das einen großen Spaßfaktor mit einem hohen Maß an Individualität kombiniert. Ich bin mir sicher: Nicht nur junge Leute werden darauf abfahren.

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