Bosch verkauft Turboladergeschäft: Langsamer Abschied vom Verbrennungsmotor

Bosch verkauft Turboladergeschäft: Langsamer Abschied vom Verbrennungsmotor

, aktualisiert 07. September 2017, 13:05 Uhr
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Der Autozulieferer macht mit dem Verkauf der Turbolader-Sparte einen weiteren schritt weg vom Verbrennungsmotor.

von Martin-W. BuchenauQuelle:Handelsblatt Online

Die Autozulieferer Bosch und Mahle verkaufen nach Monaten der Suche ihr gemeinsames Turboladergeschäft an einen chinesischen Investor. Damit gehen sie einen weiteren strategischen Schritt weg vom Verbrennungsmotor.

StuttgartNach acht Monaten Suche haben Bosch und Mahle jetzt einen Käufer für die gemeinsamen Turbolader-Aktivitäten gefunden. Das Gemeinschaftsunternehmen BMTS (Bosch Mahle Turbo Systems) mit 1300 Mitarbeitern an drei Standorten geht an den Finanzinvestor FountainVest Partners mit Sitz in Hongkong, unterstützt von globalen institutionellen Investoren. Einen entsprechenden Vertrag haben die Parteien bereits nach eigenen Angaben unterzeichnet, ohne Details und Kaufpreis zu nennen.
Damit geht binnen weniger Monate ein zweiter großer Teil von Bosch nach China. Im Mai hatten die Schwaben nach einem über zwei Jahre dauernden Prozess ihre traditionsreiche Anlasser-Sparte mit 7000 Beschäftigten und über einer Milliarde Euro Umsatz an den chinesischen Zulieferer ZMJ (Zhengzhou Coal Mining Machinery Group) und die Investmentfirma China Renaissance Capital Investment als Kapitalgeber für knapp 600 Millionen Euro verkauft. Offensichtlich sind vor allem chinesische Investoren bereit und auch in der Lage Technologien zu erwerben, die nur noch im Übergang zur Elektromobilität gebraucht werden.
Bei den Turboladern plant der Investor das Geschäft weiter auszubauen. „Wir sind davon überzeugt, dass der Markt für Turbolader auch in den kommenden Jahren weiter wachsen wird, insbesondere, da dieses Produkt bei Lösungen zur Schadstoffreduktion eine Schlüsselrolle spielen wird“, sagte Frank Tang, Mitbegründer und CEO von FountainVest. Er kündigte zudem neue Investitionen in das Unternehmen an.

Bosch und Mahle waren zu den notwendigen Investitionen nicht mehr bereit. „Wir freuen uns, dass wir einen Käufer gefunden haben, der BMTS mit Entschlossenheit, den notwendigen finanziellen Mitteln und einer entsprechenden Erfolgsbilanz bei Investitionen in der Automobilindustrie weiterentwickeln und zum nachhaltigen Erfolg führen will“, sagte Mahle-Chef Wolf-Henning Scheider. „Für BMTS eröffnen sich durch den neuen Eigentümer wichtige Perspektiven und Wachstumschancen in attraktiven Märkten wie China und Nordamerika“, ergänzte Boschs Mobility-Chef Rolf Bulander.

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Die jetzt vollzogene Trennung von den Turboladern wirft ein Schlaglicht auf die durch Dieselskandal und Technologiewende gestresste Automobilindustrie. Wegen der hohen Entwicklungskosten für das elektrische und autonome Fahren müssen selbst große Automobilzulieferer wie Bosch und Mahle ihr Geld zusammenhalten. Strategische Investitionen werden härter kalkuliert als bisher. Nur so ist die Trennung vom Joint Venture BMTS zur Herstellung von Abgasturboladern zu verstehen.
Auf den ersten Blick überrascht der Verkauf: Denn Abgasturbolader erlauben es, spritsparend und mit weniger Emissionen aus kleinen Verbrennungsmotoren mehr Leistung zu kitzeln. Bei Hybridfahrzeugen mit Verbrennungsmotor und Elektromotor wird die Aufladung durch Turboaggregate zumindest in einer längeren Übergangsphase zum Elektroauto noch lange gebraucht werden. Der Markt dürfte weiter wachsen – eigentlich Grund genug, um weiter zu investieren.

Aber die Gründe für den Ausstieg liegen tiefer. Aus heutiger Sicht hatte das Joint Venture von Anfang an einen Geburtsfehler. Auf Wunsch der damaligen VW-Spitze um Martin Winterkorn und Aufsichtsrat Ferdinand Piëch sollten deutsche Zulieferer sich des Themas Turbolader für Benzinmotoren endlich annehmen. Den Aufstieg der Turbos bei Dieselmotoren hatten die deutschen Zulieferer Mitte der 1990er-Jahre verpasst. Heute weisen mehr als 90 Prozent der Dieselmotoren einen Turbo auf.

Kurioserweise machten die US-Zulieferer Borg Warner und Honeywell das Geschäft, obwohl in den USA Dieselautos ein Schattendasein führten. VW wollte den Amerikanern nicht auf Dauer ausgeliefert bleiben, zumal es Qualitätsprobleme gab und die teuren Turbolader kein Motorleben lang hielten, wie es die Kundschaft erwartet. Aber der Einstieg in einen besetzten Markt ist teuer, zudem mit dem Anspruch, bessere Technologie zu bieten.

Um die Kosten gemeinsam zu schultern, taten sich damals Bosch und Mahle zusammen. Schon der Aufbau der Werke dauerte länger als geplant. Vor knapp drei Jahren tauschten die Partner dann das Management der gemeinsamen Tochter aus. Das Ziel von zwei Millionen Turboladern wurde 2016 zwar nach Angaben eines Sprechers zwar erreicht. Doch es blieb das Problem, dass die Kunden die niedrigeren Preise der viel größeren US-Konkurrenten verlangten.

In der Branche wird bezweifelt, dass BMTS die Investitionen von etwas unter einer Milliarde Euro schon wieder eingespielt hat. „Es ist ein klares Indiz dafür, dass Bosch sich langfristig auf andere Themen fokussiert“, sagte bereits Autoexperte Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management (CAM).

Die Trennung von den Turbos ist bei Bosch ein weiterer Schritt weg von kapitalintensiven und margenschwachen Produkten. Bosch hat sich im Konzern der Vernetzung verschrieben und investiert lieber in Software, Halbleiter, Elektronik und Sensorik. In Dresden baut Bosch eine neue Chipfabrik für die Rekordinvestition von über einer Milliarde Euro. Allein um bei der Entwicklung der Elektromobilität Schritt zu halten, investiert Bosch jährlich 400 Millionen Euro. Zudem steht der Konzern vor der schwierigen und mehrere Milliarden Euro schweren Entscheidung, eine eigene Batteriefabrik zu bauen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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