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Designkritik Auto-Rücklichter: Melange aus Bohne, Biene und Banane

Quelle: Handelsblatt Online

Ein Designkritiker kann sich über so ziemlich alles Gedanken machen - selbst über die Rücklichter eines Autos. Paolo Tumminelli hat es getan, - und spart nicht mit Kritik.

Geteilt. Die Rücklichter des Porsche Cayenne werden von der Heckklappe zerschnitten. Quelle: Pressefoto
Geteilt. Die Rücklichter des Porsche Cayenne werden von der Heckklappe zerschnitten. Quelle: Pressefoto

Auch die Rücklichter eines Autos haben ein Design. Doch obwohl für ihn „alles Design“ ist, interessiert sich Michael Erlhoff, der selbst kein Designer ist, für alles außer für die „Form“. Als Chef des Rats für Formgebung setzte er für den Preis „Gute Form“ einen würdigeren Namen durch: „Designpreis der Bundesrepublik Deutschland“.

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Man könnte meinen, Erlhoff habe wieder einmal eine unaufhaltsame Transformation antizipiert: Weg vom aristokratischen Konzept des Schiedsrichters feinen Geschmacks, hin zur hyperdemokratischen Ich-Gesellschaft des „Gefällt mir“.

Design wurde frei: Wenn jeder Mensch Anspruch auf eine Form nach eigenem Geschmack erheben darf, so darf jeder Gestalter beliebig viele Formen kreieren, deren Güte nicht mehr wissenschaftlich erforscht und inhaltlich begründet, sondern lediglich numerisch ermittelt wird - ganz nach Facebooks Daumen-Hoch-Prinzip.

Viele Formen gefallen vielen, bedeuten aber nicht mehr viel. Es hat in 110 Jahren 550 Nobelpreise und in 84 Jahren 2.800 Academy Awards gegeben. Dafür allein in den vergangenen sechs Jahren 4.092 Red-Dot-Preise für Produktdesign. „Der Tod“, wie Erlhoff sagt.

Designgetriebene Konsumdynamik bringt trotzdem Vorteile. Das Gute wird zwangsläufig zum Besten: Zur einzig richtigen, ewig geltenden Lösung. Ein endgültiges Produkt will aber keiner. Nicht die Produzenten, die in der ästhetischen Überalterung ihre Geschäftsgrundlage und in der formalen Freiheit ein Instrument der Markenführung erkennen. Und nicht die Rezipienten, die das Konsumieren als Lebensziel und Shopping als Alltagsunterhaltung definieren.

Form um der Form willen heißt das neue Prinzip. Ein Beispiel: Sie sehen eine Form. Ohne Kontext ist es fast schon schwierig, die Rückleuchte eines erfolgreichen deutschen Automobils zu erkennen. Vielleicht hübsch, vielleicht hässlich, keineswegs gut. Etwas Geschichte hilft. So lang das Gebot der Guten Form galt, galten Richtlinien auch zur Formgebung einer Rückleuchte. Frei nach dem legendären Daimler-Benz-Entwickler Karl Wilfert sollten sie „nicht nach stilistischen Gesichtspunkten entwickelt werden, sondern es sollte ihre rasche Ablesbarkeit durch Reaktionstests ermittelt werden“.

Deswegen kamen früher die guten deutschen Automobilmeister alle auf dieselbe sinnvolle Gliederung nach Farben und Formen - der Blinker stets am äußeren Ende angeordnet. Definitiv gut, vielleicht nur langweilig.

Die gegenwärtige Form, eine geschmacksintensive Melange aus Bohne, Biene und Banane, wurde mit großer Sorgfalt gestaltet, um sich stilistisch in das Autodesign einzufügen. Trotzdem ist sie fehl am Platz: Mit einem willkürlichen Schnitt musste sie nachträglich geteilt werden - damit die Heckklappe aufgeht.

Blind und verwaist, ein Eck des mutmaßlichen Blinkers wurde dabei auf der falschen Seite vergessen. Sonst gibt's keine Chance zu erkennen, wo welche Funktion genau verborgen wurde. Wenn der Blinker sein kosmisches LED-Feuerwerk abschießt, ist die Unterhaltung groß.

Die ungute Form ist gut so: Niemand sieht sie, niemanden stört sie, man kauft und ist glücklich. Das Prädikat „Gute Form“ ist tot, doch Design lebt weiter.

Der Autor, Paolo Tumminelli, ist Designprofessor an der FH Köln und Gründer von Goodbrands.

1 KommentarAlle Kommentare lesen
  • 05.07.2012, 14:26 UhrNichtDumm

    Letztendlich ist es nur peinlich. Die "Designer" versuchen aus ein paar winzigen Lämpchen etwas Bedeutendes zu machen. form follows function hat sich noch immer als die beste Lösung präsentiert.

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