Diesel-Affäre bei Daimler: Was der Diesel-Rückruf für Mercedes-Kunden bedeutet

Diesel-Affäre bei Daimler: Was der Diesel-Rückruf für Mercedes-Kunden bedeutet

, aktualisiert 19. Juli 2017, 13:33 Uhr
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Der Diesel ist in Verruf geraten. Alle großen Hersteller müssen aktuelle Fahrzeug- und Motorengenerationen nachbessern.

Quelle:Handelsblatt Online

Drei Millionen Diesel-Autos ruft Daimler in die Werkstätten, um ihnen zu hohe Stickoxidemissionen auszutreiben. Was etwa 70 Euro pro Fahrzeug bewirken können, wer betroffen ist, und wie es weitergeht.

DüsseldorfNach neuen Vorwürfen in der Dieselaffäre und unter dem Druck der Diskussion über Fahrverbote weitet Daimler die schon laufende Nachrüstaktion für Diesel-Pkws massiv aus. Die laufenden „Servicemaßnahmen“ würden auf über drei Millionen Fahrzeuge der Marke Mercedes-Benz ausgedehnt, teilte der Stuttgarter Konzern am Dienstag mit.

Die Aktion für nahezu alle Dieselmotoren mit den Abgasnormen Euro 5 und auch der neuesten Euro 6 „werden in enger Zusammenarbeit mit den deutschen Zulassungsbehörden durchgeführt“. Mercedes muss – auf Anweisung des Kraftfahrt-Bundesamts – bereits seit Frühjahr 2016 mehr als 250.000 Fahrzeuge zurückrufen und die Abgasbehandlung nachbessern. Die deutliche Ausweitung der Nacharbeiten kommt nach Druck aus der Politik, Fahrverbote im Kampf gegen zu schlechte Luftwerte in Innenstädten zu verhängen.

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Die gesamten Kosten für die Maßnahme beziffert Daimler auf rund 220 Millionen Euro, also rund 70 Euro pro Fahrzeug. Die wichtigsten Fragen und Antworten in diesem Zusammenhang im Überblick:

Was wird Daimler vorgeworfen?

Die Stuttgarter stehen unter Verdacht, dass auch ihre Dieselmodelle deutlich mehr Stickoxide ausstoßen als bislang vermutet. Neben dem US-Justizministerium ermittelt seit diesem Jahr auch die Staatsanwaltschaft Stuttgart wegen des Verdachts auf Betrug, den der Konzern vehement bestreitet. Erst in der vergangenen Woche sickerte durch, dass die Ermittler mehr als eine Million manipulierte Motoren bei Mercedes vermuten. Daimler weist den Vorwurf zurück und verweist darauf, dass alle Autos in der Vergangenheit eine legale Zulassung erhalten hätten.

Um welche Autos geht es eigentlich?

Grob gesagt: Um ziemlich viele. Um genauer zu sein: Betroffen vom laufenden Rückruf sind zwei Turbodiesel-Modellfamilien, die intern mit OM (für Öl-Motor) abgekürzt werden: der OM 642, ein V6-Turbodiesel mit drei Liter Hubraum und der Vierzylinder OM 651 mit 1,8 oder 2,1 Liter Hubraum.

Diese Triebwerke kamen und/oder kommen in sehr vielen Mercedes-Modellen zum Einsatz, teilweise sogar in Chrysler-Modellen wegen der früheren Kooperation. Bei Mercedes betroffen sind nach gleichlautenden Informationen von „Autobild“ und „SZ“ unter anderem die Baureihen W 204, W 211, W 212, W 246, C 218, W 221, W 251, W 164, X 204 und W 166 sowie bei den Nutzfahrzeugen die Baureihen 639 und 906.

Der bereits im Jahr 2005 in der C- und E-Klasse eingeführte V6-Turbodiesel (OM 642) steckt in der M-, R-, G-, GL- und S-Klasse, außerdem im GLK, CLK und CLS sowie den Vans Vito und Viano und im Sprinter. Beim OM 651 sind A-, B-, CLA- und GLA-Klasse betroffen, ebenso SLK-Roadster, S-Klasse, Vito, V-Klasse und Sprinter. Auch in seinen Hybridmodellen setzt Mercedes den OM 651 ein.

Von dem Rückruf ausgeklammert sind lediglich die Fahrzeuge mit der modernsten Motorengenerationen OM 654. Diese werden laut Daimler-Chef Dieter Zetsche auch zukünftige Emissionsstandards erfüllen können.

Um welche Modellvarianten genau es bei der aktuellen Ausweitung des laufenden Rückrufs geht, hat Daimler bislang nicht veröffentlicht, obwohl genau dies ja für Halter interessant wäre, die sich auf Werkstatttermine und mögliche drohende Wertverluste einstellen müssen.

Wie erkenne ich, ob mein Modell betroffen ist?

Entweder warte ich den Brief des Herstellers beziehungsweise der Werkstatt ab, oder ich schaue direkt am Auto nach. War die Motornummer früher noch fester Bestandteil der Zulassungspapiere, so sucht man heute dort vergeblich. Am sichersten ist es also, die Motornummer direkt vom Motor abzulesen. Dies kann jede Werkstatt bei Ihrem nächsten Besuch übernehmen. Im Serviceheft des Fahrzeugs wird die Motornummer ebenfalls vermerkt. Man sollte sie aber nicht mit der Fahrzeugidentifikationsnummer verwechseln, umgangssprachlich Fahrgestellnummer genannt.

Link zum Thema: Welches Mercedes-Modell mit welchem Motor unterwegs ist

Wie geht es für betroffene Kunden weiter?

Halter betroffener Fahrzeuge werden bei freiwilligen Rückrufaktionen, und um eine solche handelt es sich zurzeit, üblicherweise vom Hersteller direkt angeschrieben und gebeten, sich mit ihrer Vertragswerkstatt wegen eines Termins in Verbindung zu setzen. Auf seiner Facebook-Seite kündigt Mercedes-Benz genau das auf Nachfrage von Nutzern an: „Sollte Ihr Fahrzeug von unserem Zukunftsplan für Diesel-Antriebe betroffen sein, werden Sie darüber in Kürze auf dem Postweg informiert.“

Die Autos erhalten dann eine neue Software, die für niedrigere Stickoxidemissionen sorgen sollen. Die Umsetzung der Nachbesserung wird sich auch wegen der Menge der betroffenen Fahrzeuge bis weit in das kommende Jahr ziehen. Die rund einstündige Maßnahme soll für Kunden kostenlos sein, verspricht der Hersteller, den das Ganze mindestens 220 Millionen Euro kosten wird. Was angesichts eines Milliardengewinns und Rekordzahlen beim Absatz allerdings für den Konzern leicht zu verkraften sein wird.


Warum man bei der „freiwilligen“ Aktion mitmachen sollte

Was wird technisch gemacht?

Die Daimler-Ingenieure müssen zunächst die Stellschrauben in der Software für die Motorensteuerung finden, mit denen sich die Stickstoffoxide reduzieren lassen. Da fast jedes Dieselmodell der Schwaben von dem Rückruf betroffen ist und zu den verschiedenen Motorenstärken noch zwischen Automatik- und Schaltgetriebe unterschieden wird, müssen die Techniker Dutzende verschiedene Software-Updates entwickeln.

Möglich werden soll die Reduktion der Schadstoffemission, indem die sogenannten Thermofenster angepasst, das heißt größer werden. Bislang schaltet sich die Abgasreinigung ab, wenn bestimmte Außentemperaturen über- oder unterschritten werden. Nach dem Software-Update soll sich die Abgasreinigung nicht mehr so schnell ausschalten.

Verbraucht das Auto danach mehr?

Ob die Fahrzeuge nach dem Eingriff möglicherweise mehr verbrauchen, das kann derzeit niemand mit letzter Sicherheit beantworten. ADAC-Messungen an umgerüsteten VW-Fahrzeugen zeigten allerdings einen erhöhten Kraftstoffverbrauch nach der Umrüstung.

Es ist je nach Modell aber auch denkbar, dass der Verbrauch nach dem Update sogar sinkt. Wegen der Vielzahl der Modelle lassen sich hier aber keine Vorhersagen treffen. Fahrzeuge mit SCR-Technik werden nach den Updates aber wahrscheinlich mehr „AdBlue“ verbrauchen, wodurch sich dann die Nachfüllintervalle verkürzen.

Wäre eine Hardware-Umrüstung nicht besser als die „kleine“ Software-Lösung?

Das zählt zu den vielen Fragen, die noch nicht endgültig beantwortet werden können. Klar ist aber: Reine Softwarelösungen sind für den Hersteller billiger, die Werkstattaufenthalte für die Kunden kürzer, als wenn neue Hardware eingebaut werden muss. Einige Experten bewerteten im Zusammenhang mit Nachrüstungen im Zuge des VW-Skandals reine Software-Änderungen an der Motorsteuerungen allerdings als nicht ausreichend. Andererseits würde sich bei älteren Dieselfahrzeugen eine große Hardwarelösung durch AdBlue-Einspritzung, bei der Stickoxide in Abgasen per Harnstoff-Einspritzung reduziert werden, nicht rechnen.

Was sind mögliche Negativfolgen einer Umrüstung?

Greift man auf die Erfahrungen zurück, die Halter im Zuge von aktuellen VW-Umrüstungen gesammelt haben, so muss klar sein: Jede Umrüstung stellt einen technischen Zustand her, der so vom Hersteller eigentlich nicht vorgesehen war.

In puncto Verschleiß und Langzeitfolgen weist der ADAC darauf hin, dass noch Fragen zu Dauerhaltbarkeit, Systemeinbindung und Betriebssicherheit geklärt werden müssten. Wie das innerhalb weniger Monate für Hunderttausende Fahrzeug- und Motorisierungsvarianten geschehen soll, bleibt völlig offen.

Kunden sind also gut beraten, falls ihr Fahrzeug zurückgerufen wird, sich am besten unter Zeugen nicht nur vom Werkstattmeister genau erklären zu lassen, was bei ihrem Auto passiert, sondern im Hinblick auf einen möglichen Weiterverkauf auf einer schriftlichen Dokumentation der Maßnahmen zu bestehen.

Und wenn ich an der „freiwilligen Servicemaßnahme“ nicht teilnehme?

Grundsätzlich sollte man davon ausgehen, dass künftig nur umgerüstete Fahrzeuge um das Diesel-Fahrverbot in vielen deutschen Metropolen herumkommen werden. Es liegt also im Interesse des Halters, technisch dokumentieren zu können, dass sein Auto „sauber“, sprich technisch auf dem neuesten Stand in puncto Emissionen und Schafstoffklasse ist. In letzter Konsequenz droht ansonsten der Entzug der Zulassung beziehungsweise die Verweigerung der Tüv-Plakette.

Haben Kunden in der Reparaturzeit einen Anspruch auf Mietwagen oder Nutzungsausfall?

Klares Nein. Das trifft auch auf Unternehmer zu, die das Fahrzeug während dieser Zeit gewerblich nicht nutzen können und somit Umsatz- und Gewinneinbußen hinnehmen müssen. Die Autobesitzer sind hier auf die Kulanz der Hersteller oder der Werkstätten angewiesen. 

Wird Mercedes sich vom Diesel verabschieden?

Auf absehbare Zeit nicht. Die aktuelle ausgeweitete Rückrufaktion beziehungsweise „freiwillige Servicemaßnahme“ nennt der Hersteller einen „Zukunftsplan für Diesel-Antriebe“, um das Vertrauen in die Antriebstechnologie wieder aufzubauen. Laut Daimler-Chef Dieter Zetsche ist man „davon überzeugt, dass der Diesel nicht zuletzt wegen seiner niedrigen CO2-Emissionen auch künftig ein fester Bestandteil im Antriebsmix sein wird“. Auch soll die neueste Motorenfamilie, für die der Konzern drei Milliarden Euro investierte, nun schneller ausgerollt werden.

Beim „Diesel-Gipfel“, zu dem die Regierungsbehörden die deutschen Hersteller am 2. August geladen haben, soll zudem auch mit anderen Herstellern über das weitere Vorgehen in Sachen Diesel-Nachrüstung beraten werden.

Quelle:  Handelsblatt Online
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