
FrankfurtEs sind nur ein paar Fotos. Aber sie künden von einer ungewöhnlichen Korrektur. Mercedes-Benz - das steht noch immer für Solidität, Tradition und Wertebewusstsein. Die Modellpflege fällt bisher dementsprechend zurückhaltend aus. Wenn ein Auto nach ein paar Jahren optisch aufgefrischt wird, ist das in Stuttgart ein Fall für zartfühlende Liebhaber. Hier mal eine neue Chromleiste, dort ein Lüftungsschlitz oder eine andere Heckleuchte. Mehr nicht. Doch für die Modellpflege der aktuellen Mercedes-E-Klasse greift die Nobelmarke nun auffallend tief in den Werkzeugkasten.
Die ersten Bilder der kommenden Version, die inzwischen in der Branche kursieren, zeugen von einer weitreichenden Überarbeitung der wichtigen Baureihe, die vor allem bei Geschäftsleuten beliebt ist. "Es ist schon auffällig, wie massiv am Produkt gearbeitet wird", sagte Autoexperte Christoph Stürmer vom Brancheninstitut IHS Automotive.
Daimler selbst wollte sich zu dem Thema nicht äußern. Organisch statt eckig. Großer Wagen, große Retuschen: Die überarbeitete E-Klasse, die erst im Frühjahr 2013 offiziell präsentiert wird, markiert ein Umdenken beim Design des stolzen Nobelherstellers. "Mercedes verabschiedet sich jetzt von der eckigen E-Klasse und schwenkt um auf die eher organischen Formen des neuen Designchefs Gordon Wagner", sagt Stürmer.
Dafür lässt Daimler die komplette Front des Wagens überarbeiten: Die Zeit der separierten Doppelscheinwerfer ist vorbei. Auch die Flanken des Wagens werden geglättet und weniger schwülstig. Mercedes nimmt so die Optik, die noch unter Leitung des vormaligen Designchefs Peter Pfeiffer entstand und nicht überall gut ankam, zurück.
Die Designer verabschieden sich von den kantigen, zerklüfteten Formen, die viele Betrachter irritierten - und zuletzt immer offener kritisiert worden waren. Technisch rüsten die Stuttgarter ihr gehobenes Modell nun gehörig auf. Noch vor der neuen Generation des Topmodells S-Klasse, das ebenfalls 2013 startet, stopfen die Mercedes-Ingenieure zahlreiche neue Assistenzsysteme in die überarbeitete E-Klasse. Die Stuttgarter wissen, dass sie etwas tun müssen. Lautstark hat Daimler-Boss Dieter Zetsche das Ziel postuliert, mit Mercedes-Benz bis 2020 wieder die bestlaufende Premium-Marke zu haben.
E-Klasse-Modell enorm wichtig für Mercedes
Doch noch ist Daimler davon weit entfernt. Bei wichtigen Kennziffern wie der operativen Rendite und den weltweiten Verkaufszahlen liegen die Erzrivalen Audi und BMW inzwischen vor der Marke mit dem Stern, die damit auf den dritten Platz abgerutscht ist.
Wie wichtig das E-Klasse-Modell dabei für Mercedes ist, veranschaulicht eine Zahl: In guten Zeiten steuerte die E-Klasse schätzungsweise 30 Prozent zum Gewinn der Mercedes-Gruppe bei, glauben Analysten. Ein Angriff von Mercedes auf die deutschen Rivalen kann deshalb nur gelingen, wenn der Umsatzbringer der Konkurrenz von BMW 5er und Audi A6 Käufer abjagt. Doch die Stuttgarter befinden sich in einer schwachen Phase des Modellzyklus.
Der Wiederverkaufswert sinkt
Viele Hoffnungen ruhen darum auf der runderneuerten E-Klasse, die 2010 ihr Segment noch anführte. Zuletzt wilderte vor allem der frische, schicke BMW 5er gehörig im Revier der Stuttgarter. Im vergangenen Jahr verkaufte BMW von seiner 5er-Reihe nach Daten des Brancheninstituts IHS Automotive weltweit 314.000 Fahrzeuge. Die E-Klasse brachte es dagegen nur auf 246.000 Exemplare. "Mit dem Facelift nimmt Mercedes nun den Fehdehandschuh auf", meint Stürmer. Dennoch ist die große Schönheits-OP beim Statussymbol für Besserverdienende für den Stuttgarter Autokonzern nicht ohne Risiko.
Denn der zartfühlende Umgang mit der Optik der Modellreihen sorgte bisher dafür, dass die Vorgängervarianten vergleichsweise wertstabil blieben, also ihr Wiederverkaufswert hoch blieb. Die aktuelle E-Klasse wird jedoch bereits in wenigen Monaten gegenüber ihrem Nachfolgemodell vergleichsweise alt aussehen - was den Wiederverkaufswert senkt. Autoexperte Stürmer glaubt, dass Mercedes dennoch die richtige Wahl getroffen hat: "Lieber jetzt auf ein modernes Auto setzen, als an einem Konzept festhalten, das sich nicht bewährt hat."















