Ford 12M im Oldtimer-Test Rauer Charme zum fairen Preis

Dass Oldtimer-Spaß kein finanzielles Loch in die Wand reißen muss, beweist der langlebige Ford 12M. Mit über 50 Jahren auf dem Buckel sowie einer Portion Volksnähe wird die kleine Limousine zum sympathischen Hingucker.

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Dass Oldtimer-Spaß kein finanzielles Loch in die Wand reißen muss, beweist der langlebige Ford 12M. Quelle: SP-X/Patrick Broich

Das Thema „Oldtimer“ hat oft etwas Elitäres. Wenn Fahrzeuge wie Mercedes 540 K oder Bugatti Type 57 sich zu den renommierten Klassikertagen verabreden, ist der Normalverdiener allenfalls Zaungast. Selbst einen Oldie fahren, der den Namen verdient hat? Viel zu teuer.

Stimmt doch gar nicht, das Angebot an bezahlbaren Oldtimern, die sogar deutlich älter sind als für das steuerbegünstigte H-Kennzeichen nötig, ist groß. Ein Beispiel ist der Ford 12M, den Joël Goecke gerade für rund 4.000 Euro an den Mann bringen möchte. Ein ehrliches Auto mit sympathischer Patina. Kein auf Hochglanz restauriertes Objekt – muss es aber auch nicht sein.

Der Kölner, der ursprünglich einmal als Ford Cardinal in den Vereinigten Staaten hätte verkauft werden sollen, kam 1962 zu uns und brachte es mit rund 600.000 Einheiten zu einem ansehnlichen Erfolg.

Mit einer Länge von 4,25 Meter gehörte der Wagen damals zu den properen Erscheinungen; heute wirkt er gefühlt noch sogar noch etwas zierlicher, als er eigentlich ist, und der Modellschriftzug „12M“ suggeriert irgendwie Kompaktklasse oder sogar Kleinwagen, weil im Hinterkopf immer noch „20M“ schwirrt, was mehr nach dem mittleren Segment klingt – dabei ist der 12M strenggenommen der legitime Taunus-, Sierra und eben auch Mondeo-Vorgänger.

So schlicht und bodenständig der P4 (so heißt die Baureihe) da steht, so ausgefallen geht es zumindest aus heutiger Sicht unter dem Blech zu. Statt eines profanen Reihenvierzylinders musste ein V-Motor mit hängenden Ventilen sowie Ausgleichswelle herhalten. Entsprechend knurrig werkelt der Benziner, was man ihm nach über einem halben Jahrzehnt längst nicht mehr übelnimmt.

Ein geschulter Blick unter die Motorhaube verrät dem Kenner die Leistungsstufe: Sind die beiden Ventildeckel grün angestrichen, muss der Fahrer mit 29 kW/40 PS auskommen – damit handelt es sich um die Basisausgabe. Und weil der Fronttriebler – übrigens ein für die Zeit reichlich exotisches Merkmal – deutlich unter einer Tonne wiegt, geht es nicht ganz so asthmatisch zu, wie man vielleicht denken könnte. Schließlich war ein Volkswagen Polo Anfang der Achtziger auch nicht stärker, wenngleich er etwas weniger Gewicht schleppen musste.

Das Spitzenmodell mit 1,5-Liter dagegen leistete 65 Pferdchen und war gut für 140 km/h Spitzentempo. Ein Blick in das Datenblatt der 40 PS-Ausgabe lässt jedoch für einen Moment aufschrecken: Bis Landstraßentempo genehmigt sich der Ford 30 Sekunden laut Werk, das kann ja heiter werden.

Also rein in die gute Stube und das kleine Kraftwerk anlassen. Dabei fällt auf, dass man recht geräumig unterkommt – von der Beschaffenheit des Mobiliars redet man besser nicht: Für Vorgaben wie Seitenhalt war damals kein Platz im Lastenheft. Diese früher üblichen Sitzbänke ohne jegliche Kontur versprühen heute ganz besonderen Charme.


Straff und agil

Auch Gurte sucht man in diesem 12M vergeblich. Mitte der Sechziger nahm man das mit der Sicherheit eben noch nicht so genau. Also entfällt das Anschnallen heute, und es kann sofort losgehen – ausnahmsweise mal ohne Reue.

Dank kurzem ersten Gang legt der rau agierende Vierzylinder giftig los. Dass der Kölner wirklich langsam ist, muss man schon der Tachonadel entnehmen; verlässt man sich allein auf die Geräuschkulisse, wirkt alles recht agil und straff.

Erst Kehren, die der betagte Mittelklässler mit merklich Seitenneigung nimmt, erinnern an die Fahrwerk-Technik: Abgesehen von den Asphalttrennscheiben namens Reifen gibt es eine blattgefederte Starrachse; die Vorderachse besteht aus an der Motor-Getriebeeinheit befestigten Querlenkern sowie ebenfalls Blattfedern.

Die späteren P4-Jahrgänge erfreuen sich immerhin Bremsscheiben an den Vorderrädern, was einen entscheidenden Sicherheitsfaktor darstellt.

Eine kleine Überraschung gibt es bei der Lenkradschaltung. Die Gänge rasten leichtgängig und präzise ein – von Untersynchronisation keine Spur. Demnach kann man am Berg auch mal ohne Zwischengas zügig herunterschalten, eine Situation, in die Fahrer des Basis-12M früher oder später ganz sicher geraten werden. Denn bei Steigungen geht dem kleinen Triebwerk zwangsläufig die Puste aus. Das gilt nicht etwa für die Langzeit-Bilanz, denn der noch vor der Vorderachse sitzende Otto ist quasi unkaputtbar.

Das grüne Kleid unseres Probekandidaten ist augenscheinlich frei von Korrosion – und auch mit den tragenden Teilen gibt es keinerlei Probleme, versichert der Besitzer. Immerhin ist die TÜV-Plakette neu. Dass am Blech bereits Hand angelegt wurde, scheint angesichts fast 50 Jahren Einsatz fast unumgänglich, stört aber kaum: So wurden die Schweller vor einiger Zeit erneuert – Reparaturen bleiben bei einem alten Auto eben nicht aus.

Ein aufwendiges Schrauberauto ist der P4 aber nicht, die Wartungsintensität hält sich in Grenzen. Günstige Ersatzteilpreise sowie überschaubare Unterhaltskosten tragen neben der bezahlbaren Anschaffung zur Erschwinglichkeit bei. Der Ford 12M ist ein volksnaher Oldtimer, der viel Fahrspaß bereitet. Man muss also tatsächlich nicht viel Geld ausgeben, um in der Oldie-Szene mitmischen zu können.

Chronik:
1962: Die Ford-Baureihe P4 kommt auf den Markt
1963: Die Coupé-Variante feiert ihr Debüt
1964: Der Spitzenmotor leistet jetzt 49 kW/65 PS
1965: Der P4 erhält vorn Scheibenbremsen
1966: Die Baureihe P4 läuft aus

Technische Daten:

Mittelklasse-Limousine, Länge: 4,25 Meter, Breite: 1,59 Meter, Höhe: 1,46 Meter, Radstand: 2,53 Meter. Motor: 1,2-l-V-Vierzylinder-Otto mit Solexvergaser, 29 kW/40 PS, maximales Drehmoment: 78 Nm bei 2.400 U/min, Vmax 125 km/h, Beschleunigung: 0 - 100 km/h in 30 Sek., Ehemaliger Neupreis (1965):  ab 5.480 DM. Heutiger Marktpreis nach Classic Data: Note 1: 8.800 Euro; Note 2: 5.900 Euro; Note 3:  3.600 Euro.

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