
BERLIN. Mirko Hannemanns Tüftlerkarriere begann mit einer schimpfenden Großmutter. Hannemann war damals drei Jahre alt und hatte Omas Radio in seine Bestandteile zerlegt. Doch der Ärger der Großmutter verflog schnell: Erstaunlich fingerfertig baute Enkel Mirko das demolierte Gerät wieder eigenhändig zusammen - und die Musik dudelte wieder wie gehabt.
Heute ist Mirko Hannemann 27 Jahre alt - und er bringt mit seinem Erfindergeist weit mehr als Omas Haushalt durcheinander. "Der Konkurrenz gefällt gar nicht, was wir machen", sagt der junge Geschäftsführer des Berliner Start-ups DBM Energy. Hannemann hat einen Akku für Elektroautos entwickelt, der die herkömmlichen Energiespeicher der Autoindustrie weit hinter sich zurücklassen soll.
Dabei hat Hannemann nur das Beste aus vorhandenen Technologien vereint und im Detail an der Steuerungstechnik und der Materialkombination gefeilt. Heraus kam dabei der sogenannte Lithium-Metall-Polymer-Akku (LMP), der unter dem Namen Kolibri Alpha Polymer Technology vermarktet wird.
Dass das exotische Federvieh zum Namensgeber wurde, kommt nicht von ungefähr: Mit zwei Gramm Blütennektar fliegt der Vogel 800 Kilometer weit und gilt als das schnellste Wirbeltier, das jeden Kampfjet links liegen lässt. "Der Kolibri ist das wirtschaftlichste und effizienteste Tier der Welt", sagt Hannemann.
Wenn er über seine Erfindung referiert, könnte er problemlos auch als Student in einem Proseminar durchgehen. Der Firmenchef trägt Jeans und Pullover, lässt sich einen kleinen Bart wachsen und spricht mit dem angenehm naiven Optimismus eines Weltverbesserers. "Ich will Systemfehler erkennen und beseitigen, die andere als normal hinnehmen", sagt Hannemann. Ein Fehler, das ist auch die in seinen Augen ineffiziente Bauart von Batterien, die bisher allerorts üblich war.
Hannemann suchte nach einem neuen Weg. Etwas so zu tun, wie es alle machen, das liegt dem jungen Erfinder ohnehin nicht. Sein Physikstudium hat er abgebrochen, stattdessen begann er seinen Job bei der DBM Search & Rescue Company, die technische Systeme für den Katastrophenschutz entwickelt. Vor fünf Jahren hat er dort den Auftrag erhalten, einen Hochleistungsakku für Noteinsätze zu entwickeln. Nach mehreren Jahren Forschungsarbeit und Investitionen von 15 Mio. Euro stand fest: Die Technik ist weit mehr als eine Notlösung.
Die LMP-Technologie, an der Hannemann arbeitete, war zwar nicht neu. Doch außer dem jungen Berliner glaubte kaum jemand an deren Leistungsfähigkeit. Der Grund: Strom konnte in den Zellen bislang erst ab 60 Grad Celsius fließen, was wenig effizient ist. "Dieses Manko konnten wir durch eine andere Materialkombination beheben", sagt Hannemann. So liefert der Akku nun auch zwischen minus 40 und plus 100 Grad Energie.
Das Geheimnis liegt in einem speziellen schichtartigen Aufbau. Der Effekt ist verblüffend: Während eine Lithium-Ionen-Batterie allenfalls einen Wirkungsgrad von 80 Prozent erreicht, liegt die LMP-Batterie bei 99,7 Prozent. "Damit haben wir die physikalische Leistungsgrenze erreicht", sagt Hannemann.
Im Vergleich zu üblichen Bleiakkus wiegt der Kolibri-Akku nur ein Zehntel und ist nur ein Drittel so groß. Für die Ingenieure von Ruf Automobile, die auf das Veredeln von Porsche-Fahrzeugen spezialisiert sind, war das höchst interessant. Im Auftrag von Siemens Wind Power sollte Ruf einen Porsche Cayenne zum Elektromobil umfunktionierten.
Als sich eine Kooperation mit DBM Energy anbahnte, zog Siemens aber die Reißleine. Die denkwürdige Begründung hat sich Hannemann in seinem kleinen schwarzen Buch notiert: "Es ist nicht im Interesse der Kunden, ein Elektroauto mit einer so großen Reichweite zu präsentieren", ließ man ihn knapp wissen.
Marcel Groos, Projektleiter bei Ruf, hätte gern - wie Siemens auch - tief ins Innere des Akkus geblickt und eingehende Tests unternommen. Er hat aber auch Verständnis dafür, dass dies für das Berliner Start-up zu riskant ist. Gleichwohl bleibt er am Ball: "Wir sind in Gesprächen und wollen den Akku in eines unserer Autos einbauen."
Sollte der Porsche tatsächlich deutlich weiter kommen, wäre das Interesse geweckt: "Knackpunkt für die Elektromobilität ist nach wie vor die Reichweite", sagt Groos. Es müssten nun nicht gleich 1000 Kilometer sein, doch 300 wären gut. Jedenfalls möchte Ruf selbst testen, ob die Versprechungen von Hannemann realistisch sind. Groos: "DBM ist nicht aus dem Rennen, auch wenn uns die Technik sehr teuer erscheint."
Hannemann lässt die Technik derweil bei der Bundesanstalt für Materialforschung Herz und Nieren prüfen. "Mit der Großindustrie werden wir keine Partnerschaften eingehen", sagt er trotzig. Man sei derzeit mit dem kleinen Elektrosportwagenhersteller Lightning, mehreren kleinen Flugzeugbauern und Logistikern im Gespräch.
Was sein Akku kann, will Hannemann im Mai in einem 24-Stunden-Rennen beweisen. Bei einem Lebensmitteldiscounter, dem Spediteur Eberl und der Verpackungsfirma Papstar werden Gabelstapler mit üblichem Bleiakku gegen Fahrzeuge mit Kolibri-Technik antreten.
Bei Papstar lief 2009 ein ähnliches Wettrennen mit zwei baugleichen Gabelstaplern: Der Kolibri-Akku hielt gut drei Stunden länger, Papstar-Logistikchef Gregor Falke konnte es kaum fassen: "Das hat uns umgehauen. Wir können uns gut vorstellen, den gesamten Fuhrpark umzurüsten", sagt Falke. Hannemann bekam im Januar den "Innovationspreis der Vernunft". Ausgerechnet Ex-Mercedes-Chef Jürgen Hubbert schlug ihn vor und lobte in der Laudatio: "Ein Auto der Kompaktklasse mit Elektroantrieb und einer Reichweite von 500 Kilometern ist keine Utopie mehr."
Die Trophäe steht nun in dem kargen und etwas improvisierten Berliner Firmensitz zwischen DBM-Batterien auf der Fensterbank. Der Charme der leicht chaotischen Gründerzeit könnte jedoch bald verschwinden: Die Firma will wachsen. In Thüringen und Baden-Württemberg schon bald zwei neue Produktionswerke entstehen. Mirko Hannemann ist erst am Anfang.











