Käfer-Kult: Das Familienmitglied, das in der Garage lebt

Käfer-Kult: Das Familienmitglied, das in der Garage lebt

, aktualisiert 28. November 2011, 10:06 Uhr
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Martin Zinselmeyer und sein Freund Jürgen Siebers (links) schauen durch das Schiebedach des VW Käfer, Baujahr 1967, an der Orsoyer Rheinfähre.

Quelle:Handelsblatt Online

Sie hält, und hält, und hält. Die Liebe zum VW Käfer geht so weit, dass er einen Namen bekommt, verhätschelt wird, aber auch mit ihm geschimpft wird. Zwei Nostalgiker erklären ihre innige Beziehung zur Maschine.

OrsoyWenn Martin Zinselmeyer (45) über seinen Wagen spricht, dann redet er nicht über PS und Verbrauch, sondern über Gefühle und Gerüche. Er erinnert sich, wie er als Kind die mollige Wärme des Motors spürte und dabei durch das Rückfenster in den Himmel sehen konnte, wenn seine Mutter zum Besuch der Oma über Land fuhr und er im Kofferraum saß.

Er schildert, wie sich das Kunstleder auf der Rückbank anfühlte, wenn dort an heißen Tagen die mit Sonnenmilch eingecremten Beine festklebten. Und er schwärmt davon, wie es ist, wenn man die Tür öffnet und einem die unverkennbare Duftmischung aus Kunstleder und Rosshaar (als Sitzfüllung) entgegenschlägt. Nur ein Käfer-Liebhaber kann auf diese Weise über ein Auto sprechen.

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Fontana-Grau und Chrom

Zinselmeyer sitzt in einem altmodischen Café in Orsoy, einer winzigen Ortschaft am Niederrhein. Drüben auf der anderen Rheinseite ist noch Ruhrgebiet, aber hier schnattern die Gänse. Vor der Tür parkt Zinselmeyers Käfer mit glänzendem Lack und glitzerndem Chrom, fontana-grau, Baujahr 1967, und neben ihm sitzt sein Freund und ehemaliger Kommilitone Jürgen Siebers alias Käfer-Jürgen (43).

Die beiden sind auf ihrer jährlichen Nostalgie-Tour: Sie fahren eine Ausflugsstrecke ab, die in den 50er oder 60er Jahren in der Käfer-Zeitschrift „Gute Fahrt“ empfohlen wurde. Dabei bevorzugen sie Hotels und Pensionen, die schon damals erwähnt wurden. „Leider müssen wir jedes Mal feststellen, dass die Zimmerpreise von ungefähr 2,50 D-Mark nicht kursstabil geblieben sind.“


„Als ob man mir ohne Narkose ein Organ rausgenommen hätte“

Wenn die beiden unter sich sind, spricht Zinselmeyer nicht von seinem Käfer, sondern nur von „Rexi“. Der Name leitet sich vom Kennzeichen ab: RE-X-65. Das Fahrzeug stammt aus Recklinghausen und ist in einem „unrestaurierten Originalzustand“. Ursprünglich gehörte es einer älteren Dame aus Zinselmeyers Nachbarschaft. Eines Tages sprach er sie an der Tankstelle an: „Wenn Sie den mal nicht mehr brauchen, dann sagen Sie Bescheid!“ Ein Jahr später meldete sie sich. „Ich weiß noch, wie sie bei strahlendem Wetter aus der Garage fuhr. Sie war mit dem Wagen noch nicht ganz aus dem Rolltor raus, da stand für mich fest: Den muss ich haben!“

Zusammen absolvierten sie eine Probefahrt - wobei die alte Dame den Lenker für keinen Moment aus der Hand gab. Den Preis von 4.000 Mark bezahlte Zinselmeyer von seinem ersten selbst verdienten Geld als Maschinenbauingenieur.

Verkaufen war grausam

Jürgen Siebers aus Meschede hatte zeitweise sogar zwei alte Käfer, einen von 1963 und einen von 1968. Doch als junger Familienvater musste er beide verkaufen. „Das war grausam. Das war ungefähr so, als ob man mir ohne Narkose ein inneres Organ rausgenommen hätte.“ Jahrelang musste er seine Leidenschaft auf den Aufbau einer Käfer-Bibliothek mit 50 Bänden und das Sammeln von Kuriosa beschränken.

Seit dieser Zeit gilt er unter Gleichgesinnten als wandelndes Lexikon. Er kann, so heißt es, mit verbundenen Augen einen Dünnholmer von einem Dickholmer unterscheiden - die Bezeichnung bezieht sich auf die Breite der Fensterstegen, die je nach Modell variiert. Und natürlich kann er im Schlaf alle Unterschiede zwischen Brezelkäfer und Ovali herunterrattern.

Der Name Brezel leitet sich vom zweigeteilten Heckfenster ab, der sogenannte Ovali hatte eine durchgehende Heckscheibe in Ovalform. Aber was bedeutet schon graue Theorie! Letztes Jahr kaufte sich Siebers wieder einen eigenen Käfer, einen 1964er in rubinrot mit Stahlschiebedach: „Die Sehnsucht war zu groß. Ich hatte beruflich viel Stress, fühlte mich ein bisschen down und brauchte einfach etwas, das mir neue Kraft geben würde.“


Käfer symbolisiert „ehrliche Technik“ und innere Werte

Immer wieder kommt es vor, dass Leute mit Kopfschütteln auf so viel Käfer-Schwärmerei reagieren. Was um alles in der Welt soll denn nun so toll daran sein? Zinselmeyer antwortet dann: „Du musst einmal einen Käfer selbst von Hand gewaschen haben. Du musst einmal die Konturen mit dem Schwamm abgefahren sein. Diese Kurven, diese Rundungen. Dann merkst du, wie wunderbar diese Form designt worden ist.“ Und alle Fragen erübrigen sich.

Bei Siebers geht die Käfer-Passion auf eine unbestimmte Sehnsucht nach einer besseren Zeit zurück. Der Käfer symbolisiert für ihn eine „ehrliche Technik“. „Viele andere Autobauer haben jedes Jahr ein neues Modell auf den Markt geworfen, wo dann aber unter einem spektakulär veränderten Blechkleid nur die alte Technik steckt. Beim Käfer ist es genau andersherum: Von außen immer gleich geblieben, aber von innen modernisiert.“ Es gehe beim Käfer also um die inneren Werte, und die seien ihm auch beim Menschen allemal wichtiger.

Ein anderer Sympathiepunkt: Der Käfer erhebt die Maschine nicht zum Fetisch. Am Besten kommt das vielleicht in der kleinen Blumenvase zum Ausdruck, die vorn am Armaturenbrett angebracht ist und zur beliebten Sonderausstattung gehörte. Blumenschmuck als Bestandteil eines Autos - das hat etwas sehr Relativierendes.

Der Käfer, so sagen seine Verehrer, ist ein Familienmitglied, das nur zufällig in der Garage lebt. Wenn es Zinselmeyers „Rexi“ schlecht geht, schlägt ihm das sofort aufs Gemüt. „Eine Zeit lang lief er nicht richtig, das hat mich wahnsinnig gemacht! So ein Auto muss vom Klang her weich laufen wie eine Nähmaschine. Der darf keine Aussetzer haben, da leidet man mit. Aber das hatte er eine Zeit lang.“

Zinselmeyer versuchte alles, um den verzwickten Fehler zu finden, doch vergebens. „Da hab' ich irgendwann gesagt: „Wenn das jetzt noch länger so bleibt, ist unsere Freundschaft beendet!““ Zum Glück konnte der Defekt dann doch noch in einer Werkstatt behoben werden.


Mit Vase und Rattanablage

Siebers stellt sich seinen Käfer als weibliches Wesen vor. Als „Rubi“ - benannt nach der rubinroten Farbe - einmal liegen blieb, war sein erster Gedanke: „Typisch Mädchen - die zickt.“ Auf ihren jährlichen Nostalgie-Fahrten bevorzugen die beiden Freunde klassische Reiseziele der 50er Jahre: Den Rhein und die Mosel sind sie abgefahren, einmal waren sie bis zum Großglockner, und zum 20-Jährigen soll es demnächst nach Italien gehen. Manchmal führen sie ein altes Diktiergerät mit sich, um spontane Eindrücke und Fahrgeräusche festzuhalten. An der Tankstelle müssen sie einen Bleiersatz ins Benzin gießen.

Diesmal steht der Niederrhein auf dem Programm. Zinselmeyer setzt sich ans Lenkrad und sinkt dabei im Polster ein wie in einem Fernsehsessel. Auch die besagte Blumenvase und die darunter befestigte Ablage aus Rattan und Bambusrohr, damals auch Ra-Bambus-Kleingepäckträger genannt, erinnern eher an ein Wohnzimmer als an das Innere eines Autos.

Siebers nimmt auf den Beifahrersitz platz und schlägt die „Gute Fahrt“ vom April 1960 mit dem Reisebericht zum Niederrhein auf. Empfohlen wird Kalkar, damals noch ohne Schneller-Brüter-Ausstrahlung. Augenblicke später ertönt der unverkennbare Klang des Boxer-Motors, und dann entschwirrt ein glänzender runder Käfer in die Wiesen hinterm Rheindeich.

Quelle:  Handelsblatt Online
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