Lehren aus Dieselgate? : „Deutsche Hersteller verweigern sich“

Lehren aus Dieselgate? : „Deutsche Hersteller verweigern sich“

, aktualisiert 22. Januar 2016, 10:18 Uhr
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Der Konzern hat im abgelaufenen Jahr europaweit Marktanteile verloren.

Quelle:Handelsblatt Online

Dieselgate ist gigantisch, elf Millionen Fahrzeuge sind betroffen, die Prozessrisiken von VW liegen im Milliarden-Euro-Bereich. Ein renommierter Sachverständiger erklärt, warum sich solche Skandale wiederholen können.

Jürgen Bönninger ist Geschäftsführer der Non-Profit-Organisation FSD Fahrzeugsystemdaten-GmbH in Dresden – der zentralen Stelle nach Straßenverkehrsgesetz die im öffentlichen Auftrag Vorgaben für Prüfdienste wie Tüv oder Dekra entwickelt. Im Interview übt er deutliche Kritik an den Herstellern, die trotz Dieselgate Transparenz verweigern. Die Bundesregierung sei gefragt.

Herr Bönninger, Der VW-Skandal zieht weite Kreise. Verfügen Behörden und Prüfdienstleister über ausreichende Möglichkeiten, Manipulationen zu entdecken?
Ganz eindeutig nein. Die Bundesregierung kann und muss deshalb Konsequenzen aus dem Skandal ziehen und dafür Sorge tragen, dass das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) und die Prüfdienstleister mehr Befugnisse bekommen und in ihrer Unabhängigkeit gestärkt werden.

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Wie kooperativ sind die Fahrzeughersteller?
Trotz Dieselgate weigern sich insbesondere die deutschen Fahrzeughersteller bis heute beharrlich, dem Kraftfahrt-Bundesamt und den Prüfdienstleistern uneingeschränkten Zugang zu ihren sicherheits- und umweltrelevanten Softwareprogrammen und Diagnoseinformationen zu gewähren. Der Bundesverkehrsminister muss die Pflicht zur Herausgabe jetzt durchsetzen.

Was fehlt den Prüfern?
Der Quellcode. Das ist – vereinfacht ausgedrückt – die exakte und vollständige Beschreibung eines Software-Programms. Nur mit diesem Code ist eine seriöse Untersuchung der Software möglich, mit der Genehmigungsbehörden und Prüfdienste etwaige Manipulationen entdecken können. Bislang konnte das KBA nur im Einzelfall den Quellcode anfordern und musste dafür Gründe benennen.

Warum gibt es keine allgemeine Herausgabepflicht?
Eines der Argumente der Hersteller lautet, dass es sich um äußerst sensible Informationen handelt und dass bei einer Herausgabe die Gefahr von Industriespionage besteht. Dazu ist ganz klar zu sagen: Das Kraftfahrt-Bundesamt, aber auch die Prüfdienste handeln hoheitlich beziehungsweise in hoheitlichem Auftrag. Will man dem diesen und dem KBA ernsthaft unterstellen, dass sie Geschäfte mit Industriespionage betreiben?

Wie wahrscheinlich ist es aus Ihrer Sicht, dass Manipulationen im Stile Volkswagens Branchen-Standard sind?
Dass lässt sich zumindest nicht mehr auszuschließen. Ohne detaillierte Analyse der umwelt- und sicherheitsrelevanten Software ist Ihre Frage jedoch nicht seriös zu beantworten. Deshalb ist es so wichtig, dass die Autohersteller schnellstmöglich umfassende Informationen zu ihren Softwareprogrammen liefern. Sonst müssen wir es auch in Zukunft den US-Behörden überlassen, fragwürdige Geschäftspraktiken zu entdecken und aufzuklären. Das kann aber nicht der Anspruch des deutschen Gesetzgebers sein.

Manipulieren auch Bürger ihre Fahrzeuge?
Leider ist es Praxis, dass eine Reihe von Fahrzeughaltern ihre Fahrzeuge manipulieren: sei es, um Reparaturkosten zu sparen, sei es, um die Motorleistung zu steigern. Der Ausbau von Partikelfiltern, die Manipulation der Motorsteuerung oder anderer sicherheitsrelevanter Systeme wären leicht feststellbar, würde den Prüfdienstleistern uneingeschränkter Zugang zu den Diagnoseinformationen gewährt. Wir kämpfen seit Jahren darum, dass uns die nach den einschlägigen EU-Verordnungen zustehenden Daten bereitgestellt werden. Pikanterweise verweigern gerade die deutschen Hersteller den Zugang.

Autos mutieren immer mehr zu mobilen Computern. Benötigen Genehmigungsbehörden und Prüfer auch zu anderer Fahrzeugelektronik detaillierte Informationen?
Wer eine Prüfung will, die diesen Namen auch verdient, muss für einen umfassenden Zugang zu den relevanten Informationen sorgen. Um es konkret zu benennen: Wir brauchen angesichts der Digitalisierung dringend effektive Prüfverfahren für Fahrzeuge zur Einhaltung von Verkehrs- und Datensicherheit genauso wie zur Einhaltung von Umwelt- und Datenschutz. Da diese die Hard- und Software aller Fahrzeugsysteme betreffen, sind Offenlegungspflichten über die Motorelektronik hinaus unvermeidlich, um ein hohes Sicherheits- und Schutzniveau für alle zu gewährleisten. Ansonsten ist es nur eine Frage der Zeit, bis wir nach Dieselgate über „Datengate“ reden.

Quelle:  Handelsblatt Online
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