Oldtimer-Salon Retromobile: Große Raritäten, große Verlierer

Oldtimer-Salon Retromobile: Große Raritäten, große Verlierer

, aktualisiert 15. Februar 2017, 11:58 Uhr
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Ein Besucher bestaunt fasziniert die sexy Kurven einer flachen Flunder: der 1965 Ferrari 206 P Dino Pininfarina Berlinetta Speciale ist eine der vielen außerordentlichen Raritäten, die auf der Messe zur Versteigerung angeboten wurden.

von Carl Christian JanckeQuelle:Handelsblatt Online

Auktionshäuser melden gerne Rekordergebnisse. Doch längst nicht jeder zur Versteigerung angebotene Oldtimer findet einen Käufer, auch wenn Millionen geboten werden. Wie nun wieder in Paris erlebt, auf der Retromobile.

ParisIn der ersten Februarwoche wurde die Stadt an der Seine wieder mal zum Nabel der klassischen Autowelt. Wenn Promis, Sammler und Journalisten mit der Champagnerflöte in der Hand zwischen historischen Bugattis und Bentleys umherstreifen und beim französischen Auktionshaus Artcurial Austern schlürfend über 150 mobile Raritäten begutachten, dann ist wieder Retromobile. Ein erlesener Salon für Classic Cars, die samt und sonders auch unter den Hammer kommen.

Doch auch wenn RMSothebys und Bonhams ebenfalls keine Kosten scheuten, um ihren Versteigerungen einen spektakulären Rahmen zu geben, bleibt die Beobachtung einer Auktion, die sich bis zu acht Stunden hinziehen kann trotz aller Showacts eine anstrengende Sache. Wer etwa wissen will, welche Fahrzeuge trotz Gebot nicht verkauft worden sind, muss man die ganze Zeit aufmerksam zuhören.

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Dann sagt der Auktionator nach dem Hammerschlag statt laut “sold” (verkauft) eher nebenbei “and we move on” (und wir machen weiter). Von der Ergebnisliste verschwinden diese Autos schnell. Wer sich aber für einen seltenen Porsche oder Mercedes interessiert, für den ist es eben auch interessant, welcher Preis zum Zuschlag des Auktionators führte und welcher nicht.

Mit Blick auf den Invalidendom, vor dem RMAuctions drei große Zelte aufgebaut hatte, kam etwa ein Porsche 917 zum Aufruf, für den 3,9 Millionen Euro geboten wurden. Erwartet wurden 4,6 bis 5,5 Millionen und so wurde die so genannte geheime “Reserve” nicht erreicht, also der absolute Mindestpreis, den Eigentümer und Auktionshaus erreichen wollen. Der Wagen wurde nicht verkauft.

Das Zwölfzylinder-Chassis, das gleich mit zwei Kunststoff-Karosserien angeboten wurde, ist ein Prototyp mit der Fahrgestellnummer eins der Baureihe 917, von dem ein späteres Exemplar erstmals die 24 Stunden von Le Mans gewann. Würde es sich um den Siegerwagen handeln, so wäre der erzielbare Preis sicherlich im zweistelligen Millionenbereich zu finden. Doch für dieses Modell fand sich niemand, der die erhoffte Hälfte zu bieten bereit war.

Für den Verkäufer muss das kein schlechtes Zeichen sein. Im Nachgang nimmt das amerikanisch-englische Auktionshaus auch immer noch gerne Angebote entgegen und dann ist der Preis Verhandlungssache. Dass es sich auf dem Markt befindet und welche Preisvorstellung der Anbieter hat, ist nun hinreichend bekannt. Der Auktionator hat gerade für ein solches Exemplar vorher kräftig die PR-Trommel gerührt.


“Darf es nicht noch ein bisschen mehr sein, Sir”

Wer sich jedoch nicht nach Paris begeben hat oder sich den rund 5-stündigen Livestream angeschaut hat, dem genügt heute ein Blick auf sein Mobiltelefon: Die kostenpflichtige App "Hammerprice" etwa notiert live die aktuellen Auktionsergebnisse und veröffentlicht sie in Echtzeit. Anders als bei den Auktionshäusern wird eben auch das Höchstgebot ausgewiesen, das nicht zum Zuschlag geführt hat. Und man kann sich per mail benachrichtigen lassen, wenn irgendwo auf der Welt ein bestimmtes Auto auf den Markt kommt.

So entsteht zusätzliche Transparenz auf dem Markt für historische Automobile. Man kann auch nach Ergebnissen für bestimmte Autos suchen, zwischen verschiedenen Währungen hin und herschalten, und die so genannten “Buyer-Premiums” aufrechnen lassen, dass sind die Zuschläge zwischen zehn und 15 Prozent, die das Auktionshaus vom Käufer kassiert. Bei Millionenwerten können das auch gerne noch ein paar hunderttausend Euros extra sein.

Gerade bei gängigen Wagen sind diese Informationen für Händler, Käufer, Verkäufer und auch bloße Interessenten interessant, weil sich die Preise für einzelne Modelle deutlich bewegen. Wurden die rund 500 gebauten Porsche 911 RS 2.7 aus 1973 in den Jahren 2014/15 schon mal für eine dreiviertel Million gehandelt, so erhielt ein entsprechendes Auto bei RMSothebys in Paris für 480.000 Euro Hammerpreis den Zuschlag, während bei Artcurial ein in etwa vergleichbares Auto trotz Gebot von 360.000 Euro nicht verkauft werden konnte.

Der Beobachter muss aber dabei immer beachten, dass vermeintlich gleiche Autos sich in unterschiedlichen Pflegezuständen befinden und auch verschiedene Historien ausweisen. Gerade bei den genannten RS lassen sich etwa zur gleichen Zeit gebaute Porsche F-Modelle leicht “umrüsten”. Wird das nicht offen gesagt, ist das Betrug.

Ein Lancia Aurelia B24 California Spider wurde für 800.000 zunächst nicht zugeschlagen und konnte letztlich doch noch für 745.000 plus “buyers premium” bei Artcurial den Besitzer wechseln. Im fulminaten Grand Palais signalisierte der distinguierte Auktionator des Londoner Versteigerers Bonhams im “Grand Palais” direkt an der Seine dann auch bei einem weniger seltenen Lancia Aurelia B24 Cabrio bei 320.000 mit den Worten : “Come and see us”. Verhandlungsbereitschaft gegenüber dem Bieter, der nicht den Zuschlag bekommen hatte.

Natürlich mühten sich die Herren und Damen mit dem Hammer immer darum, die Gebote in die Höhe zu treiben. Geriet dies in die Nähe der “Reserve” ohne diese zu erreichen, wurden die Anstrengungen zäh, was die ganze Sache zusätzlich in die Länge zog.

Dabei trat der Nationalcharakter der unterschiedlichen Häuser durchaus in den Vordergrund. Bei den Amerikanern von RMSothebys durchpflügen Mitarbeiter des Hauses durch die Sitzreihen, wenn sie einen Bieter entdecken, um ihn zu beraten: “Darf es nicht noch ein bisschen mehr sein, Sir”.

Die Engländer von Bonhams stehen vornehm am Rand des Publikums und halten sich vornehm zurück.

Und die Franzosen von Artcurial haben gleich eine unübersehbare Anzahl von Herren mit Mikrofonen ausgestattet, die in französisch und englisch das aktuelle Höchstgebot durcheinander schreien, so dass ein wahrhaftes babylonisches Sprachgewirr entsteht, während sie im langen Mittelgang auf der Suche nach weiteren Geboten hin und her laufen. Den komplizierten französischen Zahlenkombinationen (“Quattre-Vingt-douze-Mille” etc) zu folgen, ist für den unbedarften Zuhörer ohnehin schon anstrengend.

Als kurz vor 22 Uhr am Freitag Abend das letzte Mal der Hammer für einen 1961iger Schnellaster bei 10.000 Euro fällt, sind alle Sinne all der Zuhörer und Bieter ausreichen angestrengt und allgemeine Erleichterung bricht sich Bahn

Quelle:  Handelsblatt Online
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