Rennsport: Feiern mit dem Fetzenflieger

Rennsport: Feiern mit dem Fetzenflieger

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Hell JAP Bardahl Spezial von 1948, im Hintergrund Jordan F1 191 Rollende Historie Petermax-Müller-Weltrekordwagen von 1949 (o.), Polensky Monopoletta von 1950 (u.) Geschwindigkeiten von 215 Kilometer pro Stunde mit Methanol und 78 PS. Der Monopoletta schafft fast Tempo 190 mit 48 PS

Im Hamburger Haus Prototyp zeigen zwei junge Unternehmer ein Stück deutscher Rennsportgeschichte.

Wenn Thomas König zum Fenster schaut, sieht er seinen Traum: Ein silbernes, geschwungenes Gefährt gleitet auf der Schotterstraße den Berg hinauf. Die Scheinwerfer sind rund wie bei einem Käfer, die schmale Kugel auf dem stromlinienförmigen Rumpf erinnert an einen Porsche 911. „Das ist ein T 64 aus dem Jahr 1938, von dem wurden nur drei Stück gebaut.“ Zwei dieser T 64, der als Urahn aller Sportwagen von Porsche gilt, sollen die Amerikaner nach Ende des Weltkriegs zerstört haben, vielleicht verrotten sie auf dem Boden eines Sees, „genau weiß das keiner mehr“. König besitzt bislang nur ein Originalfoto des T 64, das auf Stoff gedruckt ist und ein Sprossenfenster der ehemaligen Hartkautschukwerke in der Hamburger Hafencity verdeckt. „Einen Wagen gibt’s noch; er gehört einem österreichischen Sammler.“ Thomas König weiß nicht, ob er ihn jemals mit dem Außenfahrstuhl auf den weißen glänzenden Boden der Fabrikhalle an der Shanghaiallee heben wird. „Aber der Wagen wäre das zentrale Stück unserer Sammlung“, sagt er.

Noch ist der T 64 ein unerfüllter Traum, ein Foto an der Wand. Aber die anderen Schmuckstücke der automobilen Sammlung von König und Oliver Schmidt, seinem Schwager und Kompagnon, sind bald auch öffentlich zu sehen. Am 12. April öffnen sich die schweren Stahltüren ihres privaten Automuseums dem Publikum. Dann können die Besucher tagsüber auf zwei Etagen historische Dokumente lesen, einem Kfz-Meister bei der Pflege zuschauen und gut vier Dutzend alte Rennwagen bewundern, darunter Exponate wie einen VW-Prototyp von 1948 mit Glasfaserkarosserie – und abends eine große Party feiern. Denn hinter den Klinkermauern der Ausstellungsräume für Automodelle und historische Fotos, Plakate und andere Memorabilien verbirgt sich noch eine andere Halle, die Platz hat für bis zu 1200 Gäste und für Events aller Art zu buchen ist, von der Hochzeit bis zum Firmenjubiläum. Immer öfter feiern und tagen Unternehmen, die auf der Suche nach außergewöhnlichen Orten für Veranstaltungen sind, zwischen alten Autos, wie im Dauphin Speed Event im mittelfränkischen Hersbruck. Auch die Werkstätten und gläsernen Schaukästen für private Sammlerautos in den Meilenwerken in Berlin und Düsseldorf – und von 2009 an in Stuttgart – bieten bis zu 650 Gästen eine Bühne, über der ein Duftgemisch von Benzin, Schmierstoff und Gummiabrieb liegt.

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Auch König und Schmidt sind dieser Mixtur erlegen. Sie schwärmen für deutsche Rennwagen und Sondermodelle, die nur in kleinsten Stückzahlen gebaut wurden oder gar Unikate sind. Als Studenten kauften sie ihr erstes Auto, einen Porsche 356 B von 1960. Nach und nach kamen fast 50 weitere Modelle hinzu. Dieser Fundus bildet den Kern des Prototyp-Hauses, um den Leihgaben von anderen Sammlern oder Autoherstellern wie Audi, Mercedes oder Porsche versammelt werden, die für die erste Sonderausstellung schon zugesagt sind.

Die Idee für das Autohaus der anderen Art entstand vor mehr als sechs Jahren. Ein Jahr lang kurvten die beiden Mittdreißiger immer wieder durch die Straßen südlich der Speicherstadt und durch das 155 Hektar große Areal, auf dem die Hamburger Hafencity entstehen soll. Am künftigen Boulevard Shanghaiallee fanden sie das passende Ensemble. Die Suche nach dem Eigner erwies sich als schwierig, zumal die Fabrik das einzige Gebäude im Überflutungsgebiet war, das nicht zur Vermarktungsgesellschaft Hamburg Hafencity gehört, welche die Baurechte des neuen Viertels verwaltet. Mit Geschick und Beharrlichkeit konnte das Duo das Gebäude erwerben und machte es erst einmal wasserdicht. „Das Haus selber ist schon so etwas wie ein Prototyp“, sagt Thomas König, der von Haus aus Architekt ist und zusammen mit Diplom-Kaufmann Schmidt mehrere alte Hamburger Gebäude saniert und zu Büroflächen umgebaut hat.

Das denkmalgeschützte Ensemble konnte mit seinen stählernen Stützpfeilern und Querstreben schon vor mehr als 100 Jahren Absenkungen des morastigen Untergrunds abfangen: „Ein architektonisches Husarenstück zu der damaligen Zeit“, meint König, den die Geschichten hinter Hausfassaden und Blechhäuten gleichermaßen interessieren. Gern erzählt er die Geschichte des Fahrers Otto Mathé und seines Rennwagens MA-01, der Fetzenflieger genannt wurde. Nach einem schweren Rennunfall resignierte Mathé nicht, obwohl ihm ein Arm amputiert wurde. Stattdessen konstruierte er einen Rennwagen, den er mit einer Hand steuern konnte, und fuhr wieder Rennen. Sein von 130 PS angetriebener Fuhrmann Porsche Spyder trug Mathé zu mehr als 100 Siegen. In den Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts avancierte sein Prototyp zum erfolgreichsten Rennwagen Österreichs.

Für König und Schmidt heißt museale Pflege auch, dass die Wagen bewegt werden. Dieses Jahr werden sie im Mathé Fetzenflieger zu Gast sein beim berühmten Goodwood Festival of Speed des Earl of March. Vergangenes Jahr hatte ihnen ein anderes Prunkstück ihrer Sammlung eine Einladung beschert: der 1948 gebaute Petermax-Müller-Weltrekordwagen. Noch 1950 bekam das Fahrzeug, das auf einem VW-Chassis basiert, eine Straßenzulassung. Zwei Jahre zuvor hatte der Rennfahrer Petermax Müller zwei deutsche Meisterschaften gewonnen. Auch der Motor beruht auf einem Volkswagen-Aggregat. Die 78 PS starke Maschine konnte das stromlinienförmige Gefährt bei nur 550 Kilo Gesamtgewicht bis auf 215 Kilometer pro Stunde beschleunigen und verhalf dem Wagen zum Weltrekord in Montlhery bei Paris: Er legte 10.000 Kilometer mit einem Schnitt von 126 Kilometer pro Stunde zurück. Und zwar am besten mit Methanol. Damit würde Schmidt auch heute noch am liebsten den Wagen betanken: „Der Treibstoff ist jedoch so aggressiv, dass nach jeder Ausfahrt das Innenleben des Motors gereinigt werden müsste.“

„Aber um zu erfahren, warum er zu unseren Lieblingen gehört, müssen Sie ihn nur anfassen“, sagt König lakonisch. Das blank gebürstete Aluminium fühlt sich kühl an und zugleich fast weich, es biegt sich sacht unter dem Druck der Hand. Von der Kopfstütze hängen die Fetzen des alten, zerschlissenen Bezugs herab, der Sitz ist ramponiert. „Das Auto ist noch im Originalzustand“, sagt Schmidt mit glänzenden Augen. Ihm schwebt Authentizität statt perfekter Historisierung vor. Die Ausstellungsstücke, zu denen auch ein Porsche-Boot von 1959 und ein Mathé-Lieferfahrrad von 1940 gehören, sollen nicht völlig wiederhergestellt werden.

Im Boden der Halle sind Monitore eingelassen. Sie liefern die wichtigsten Daten zur Vita der Automobile. Wie die des Jordan F1 191, mit dem Michael Schumacher 1991 sein erstes Grand-Prix-Rennen in Spa-Francorchamps bestritt, beim Start Nelson Piquet und Jean Alesi überholte und dann nach 400 Metern liegen blieb.

Etliche solcher Sportgeschichten wurden in den vergangenen Jahrzehnten von Konstrukteuren und Fahrern geschrieben. König und Schmidt fahnden nach ihnen in Archiven und Garagen und bei Sammlertreffen. An einem Modell ihrer Ausstellungshallen entwickeln sie ihr Ideal-Museum und lassen ihre Lieblinge in perfekter Choreografie paradieren. Einige Fahrzeuge fehlen noch, sie werden zum Teil von Hand gefertigt. Der Traum vom T 64 – hier ist er zum Greifen nah.

Das Museum Prototyp Hamburg eröffnet am 12. April, der Eintritt kostet 7,50 Euro, Kinder zahlen 4,50 Euro. www.prototyp-hamburg.de

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