
Irgendwie müssen die beiden Männer das jetzt hinkriegen. Die Sache ist nicht leicht, vor allem für Gary Shapiro nicht. Der drahtige Mann mit dem Kurzhaarschnitt lächelt tapfer, als er auf der Bühne von dem kahlen Hünen geherzt wird und in dessen Armen fast verschwindet. Der Schrank ist Steve Ballmer, Chef von Microsoft – und Shapiro, Chef der Technologiemesse CES, hat jetzt ein Problem.
Denn an diesem Montagabend, dem Eröffnungsabend der stolzen Schau, ist im Ballsaal des „Venetian“-Hotels in Las Vegas ein Abschied zu beklagen. Ballmer wird seine letzte Ansprache halten, danach kehrt Microsoft der CES den Rücken. Termingründe, wie es offiziell heißt.
15 Jahre lang hatten erst Bill Gates, dann Ballmer mit ihren Keynotes der Messe Glanz verliehen, jetzt muss sich Shapiro jemand anderes suchen. „Danke“, sagt Ballmer. „Ich hoffe, dass Microsoft zurückkehrt“, sagt Shapiro. Musik ertönt, Bilder aus glücklichen Jahren flackern über die Leinwand, danke, das war‘s.
Ballmers letzte CES-Keynote also, wie würde die wohl sein? Würde er ein neues Produkt vorstellen, eine große Überraschung zum Abschied?
Wer sich solche Hoffnungen gemacht hatte, wurde enttäuscht. Ballmer saß den Abend über ruhig wie selten auf einem Hocker auf der Bühne und ließ sich von TV-Moderator Ryan Seacrest artig befragen. Hielt mal sein Windows-Smartphone in die Kamera („Guck mal, ein Anruf in Abwesenheit von Bill“), beklatschte mal die Gastredner aus seinem Konzern und guckte ansonsten gut gelaunt in Richtung der Tausenden Zuschauer im Saal.
Kein Abend der Überraschungen
Die Neuigkeiten, die der Microsoft-Chef mitgebracht hatte, sind schnell erzählt. So soll es die Bewegungssteuerung Kinect, bisher von der Spielekonsole Xbox bekannt, schon ab 1. Februar auch für Windows geben.
Für die Xbox gibt es künftig auch Inhalte von News Corporation, dem Reich des Medienunternehmers Rupert Murdoch mit seinem TV-Sender „Fox“ und dem „Wall Street Journal“. Ach ja, und die Konsole sucht sich künftig Spiele und Filme aus dem Internet per Sprachbefehl oder per Eingabe übers Smartphone. Zumindest funktionierte dies einwandfrei auf der Bühne.
Apropos Fernsehen: Mit der Xbox sollen Zuschauer künftig auch interaktiv beim TV-Programm mitmischen. Wie das geht, zeigte ein Mädchen auf der Bühne: Sie warf fiktive Kokosnüsse in eine Sesamstraßen-Szene auf der Leinwand. Die Figur fing sie auf und lobte den guten Wurf.
Den größten Teil des Abends nahm Windows 8 ein, das neue Betriebssystem, das es noch gar nicht gibt. „Mit Windows 8 haben wir Windows neu erdacht“, sagte Ballmer. Das neue System werde die Leistungskraft des PCs auf Tablet-Computer bringen. Ende Februar, so versprach er, werde es einen neuen „Meilenstein“ zu bestaunen geben, und schickte dann Marketingchefin Tami Reller vor, die mit viel Pomp weitgehend Bekanntes zu erzählen hatte.
Daneben gab es noch einmal eine Führung durchs Windows Phone und durch den „Windows Store“, in dem ähnlich wie beim App-Store von Apple Apps zum Herunterladen angeboten werden sollen. Ballmer ließ keinen Zweifel, worauf er auch Künftig setzt: „Windows, Windows, Windows“.
Die einzige Überraschung des Abends war ein Gospelchor namens „Tweet Choir“. Solosänger improvisierten und sangen Tweets, die während der Keynote einliefen. Ballmer sprang anschließend begeistert klatschend von seinem Hocker – was die Zuschauer nach seiner lahmen Keynote nicht taten. Vielleicht muss Gary Shapiro ja gar nicht so traurig sein.








