Bergprofi Ralf Dujmovits: "Umkehren können"

Bergprofi Ralf Dujmovits: "Umkehren können"

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Bergprofi und Extremreisen-Spezialist Ralf Dujmovits

Bergprofi und Extremreisen-Spezialist Ralf Dujmovits über Risiken, Grenzerfahrungen und Instant-Abenteuer.

WirtschaftsWoche: Herr Dujmovits, warum bezahlen Menschen Zehntausende von Euro um mit Ihnen auf lebensgefährlich hohe Berge zu klettern? Was suchen Sie und Ihre Kunden da oben?

Dujmovits: Mich fasziniert die Natur dieser grandiosen Bergwelt. Viele meiner Kunden empfinden das genauso. Aber es geht natürlich auch darum, die Herausforderung zu meistern und seine Grenzen auszutesten.

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Eine ziemlich riskante Angelegenheit.

Eine Expedition auf einen mehr als 8000 Meter hohen Berg ist gefährlich, aber die Risiken sind beherrschbar. Sonst würde ich das nicht machen. Die Kunst besteht darin, erkennen zu können, wann man umkehren muss. Andere Dinge finde ich viel riskanter, etwa Motorrad fahren. Ich war vor ein paar Tagen nach 20 Jahren Pause mal wieder auf einem Zweirad unterwegs, das finde ich lebensgefährlich.

Wieso?

Weil ich die Sache nicht selbst in der Hand habe. Autofahrer scheren aus, ohne auf mich als Motorradfahrer zu achten, oder nehmen mir die Vorfahrt.

In den Bergen sind Sie dafür dem Wetter hilflos ausgeliefert.

Nein, das ist Quatsch. Ich kann das Wetter natürlich nicht ändern. Aber ich kann es beobachten und dann die richtigen Entscheidungen treffen, um Gefahren zu meiden. Niemand wird von einem Unwetter überrascht. Gerade in den Bergen sind nahezu alle Unfälle auf Fehler zurückzuführen, die Menschen machen, weil sie die Zeichen, die auf riskante Situationen hinweisen, nicht richtig deuten.

Können Menschen das heute noch? Gerade wurden in einem Freilicht-Museum am Niederrhein 13 Menschen, die unter einem Baum standen, durch einen Blitzschlag verletzt.

Tatsächlich sind die Menschen heute viel weniger draußen unterwegs und unterschätzen die Naturgewalten. Was ich aber fast noch schlimmer finde: Die Menschen überschätzen sich laufend selbst. Sie trauen sich viel zu schnell Dinge zu – sowohl beruflich wie sportlich.

Zum Beispiel?

In der Geschäftswelt läuft heute alles schneller ab, und Ziele müssen sehr kurzfristig erreicht werden. In der Freizeit macht man dann einen Alpinkurs, kauft sich eine tolle Ausrüstung und will gleich die Eiger Nordwand besteigen. Ich nenne das Instant-Abenteuer. Die Menschen suchen den Kick, aber bitte garantiert ohne Risiko. Wenn sie dann da hängen und nicht weiterwissen, rufen sie per Handy den Rettungshubschrauber, der sie bergen soll. Was in unserer rundum abgesicherten Welt verloren geht, ist eigenverantwortliches Handeln. Wenn etwas nicht klappt, sind die anderen schuld – oder sollen es richten.

Erleben Sie das bei Ihren Kunden auch?

Ja, leider. Es gibt sogar Kunden, die nicht mehr mit mir sprechen, weil ich sie zur Umkehr gedrängt habe, obwohl sie den Gipfel noch nicht erreicht hatten. Und wir schicken inzwischen häufiger Expeditionsteilnehmer nach Hause, die Berichte über bisherige Bergtouren frei erfunden hatten, um sich für den Aufstieg zu qualifizieren. Das ist Irrsinn.

Hat sich das Risikobewusstsein Ihrer Kunden in der Finanzkrise verändert?

Ich merke, dass Kunden nun viel länger überlegen, bis sie buchen. Denn bis zur Expedition vergeht dann noch ein Jahr. Keiner weiß heute, ob er in zwölf Monaten noch eine feste Anstellung hat.

Weshalb sollte man Risiken eingehen? 

Um daraus zu lernen, welche Situationen man meistern kann und welche nicht.

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