WirtschaftsWoche: Frau Bock von Wülfingen, was ist gemeint, wenn Wissenschaftler von den „Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin“ sprechen: der medizinisch erfüllbare Kinderwunsch für sterile Patienten – oder die Möglichkeit genetisch produzierter Wunschkinder? Bock von Wülfingen: Vermutlich beides – und Letzteres mehr denn je. Bereits seit einigen Jahren gibt es einen Diskurs, der Technologien befürwortet, die bisher in Deutschland verboten und umstritten sind. Für manche Forscher und Mediziner scheint eine biotechnologische Wende nicht nur möglich, sondern wünschbar: Sie befürworten die künstliche Befruchtung jahrzehntelang eingefrorener Samen- und Eizellen, sie bejahen Wunschkinder aus dem Katalog – und sie sprechen sich teilweise für die Humanklonierung aus. Sind das nicht sehr vereinzelte Szenarien? Sicher. Aber sie entfalten ihre Kraft nicht erst im Zuge zunehmender Faktizität, sondern prägen unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit schon heute. Einige Reproduktionsmediziner erwecken den Eindruck, dass die genetische Investition in ein Kind etwas Normales sei – und dass sie dem Wunsch der Eltern entspreche, ihren Nachwuchs mit den bestmöglichen Chancen ins Leben zu entlassen. In Zukunft werde sich deshalb kein Elternpaar mehr dem Verdacht aussetzen wollen, ein Kind ohne genetisch optimale Ausrüstung auf die Welt gebracht zu haben. Sie meinen, die Reproduktionsmedizin skizziert mit ihren Szenarien nicht nur medizinische Chancen, sondern sie bereitet gesellschaftliche Realitäten vor? Natürlich. Mit der Genetisierung menschlicher Eigenschaften werden Denkräume geschaffen – und einige Reproduktionsmediziner bieten an, sie technisch auszufüllen. Dabei scheuen sie sich nicht, an uralte biologistische Debatten anzuknüpfen. Das Muster dabei ist immer das Gleiche: Hat man erst mal ein bestimmtes Gen mit einer speziellen Wirkung in Verbindung gebracht, ist es ein Leichtes zu behaupten, auf genetischer Ebene ließen sich die meisten Probleme lösen. Die Prägung eines Menschen durch Erziehung und soziales Umfeld wird geleugnet? Auf jeden Fall marginalisiert. Wenn ein Forscher behauptet, das Tennisspiel-Talent sei erblich veranlagt, dann wird dadurch ein genetischer Determinismus eingeführt, der den Eltern keine Wahl lässt – noch dazu, weil er strategisch mit der romantischen Liebe verbunden wird. Das eigene Kind wird als das einzig wahre Produkt der Liebe zwischen zwei Menschen hingestellt – und wer sein Kind wirklich liebt, wird ihm alles erdenklich Gute mit auf den Weg geben. Nur durch die doppelte Berufung auf elterliche Liebe und genetische Bestimmtheit kann die Reproduktionsmedizin begründen, warum ein Paar ein eigengenetisches, künstlich hergestelltes Kind haben soll – und kein adoptiertes Kind oder gar keins. Welche Folgen hat die Genetisierung für das Verhältnis zwischen Arzt und Patient? Die Vorreiter der Reproduktionsmedizin pochen auf das Selbstbestimmungsrecht der Personen, die von ihr versorgt werden wollen. Sie setzen den informierten Kunden voraus und stellen sich seinen Wünschen. Auf der Basis dieses Konsenses wird die künstliche Befruchtung als Befreiung von den Zwängen der Natur empfunden – und als Anspruch gegen eine Gesellschaft formuliert, von der man Verständnis und finanzielle Solidarität zu erwarten habe. Wie werden diese Ansprüche von der Reproduktionsmedizin stark gemacht? Zunächst einmal dadurch, dass sie sich zum Anwalt aller Kinderwunschpaare machen kann – also auch derjenigen, die sich als unverheiratete, gleichgeschlechtliche und sozial benachteiligte Paare allein gelassen und diskriminiert fühlen. Darüber hinaus erinnert uns die Öffentlichkeit an niedrige Geburtenraten, Kindermangel und demografischen Wandel – und bietet die Reproduktionsmedizin als Problemlösung an. Schließlich wird eine stille Interessenübereinkunft zwischen pharmazeutischen Unternehmen, Reproduktionsmedizinern und aktiven Patientengruppen aktiviert, die etwa zu der Forderung führt, die Behandlung von Infertilität ohne Ansehen von Gründen durchzuführen. Die Reproduktionsmedizin will, dass sich auch Frauen mit 44 Jahren noch die Freiheit zum Kinde herausnehmen dürfen und deren Sterilität als Krankheit behandeln? Nicht die Sterilität der Frauen, sondern die des Paares – das ist das Interessante! Die zuvor heftig betriebene Individualisierung wird im Hinblick auf die Frage, ob Sterilität eine Krankheit ist, sogleich wieder aufgegeben: Infertilität wird nicht als organischer Defekt einer Person definiert, sondern als paarweise Belastung. Krankheit, so verstanden, ist nichts, was zum Tode führt, die Lebenszeit verkürzt oder die individuelle Lebensqualität unmittelbar einschränkt, sondern der psychische Druck, den zwei Partner wegen des unerfüllten Kinderwunsches verspüren.
Bettina Bock von Wülfingen im Interview: Die Freiheit, die sie meinen
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