Biotech: Bioingenieur setzt auf Mikroben

Biotech: Bioingenieur setzt auf Mikroben

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Brain-Chef Holger Zinke

von Susanne Kutter

Vitamine, Plastiktüten und Autoreifen ließen sich lange nur mit viel Energie und auf Kosten der Umwelt herstellen. Biotech-Unternehmer Holger Zinke nutzt dafür nun die schier unglaublichen Fähigkeiten von Mikroben. Mit Hilfe der Kleinstlebewesen könnte ausgerechnet die Chemiebranche zur grünen Vorzeigeindustrie werden.

Jeder andere grüne Pionier hätte wohl einen Windpark, ein Wellenkraftwerk oder eine Biogasanlage als Ausflugsziel gewählt. Holger Zinke aber, Gründer und Chef des hessischen Biotechunternehmens Brain, lädt seine Mitarbeiter lieber ins Atomkraftwerk Biblis ein. In weiße Strahlenschutzanzüge verhüllt, mit doppelten Handschuhen und Überschuhen führt ein Chemiker Zinke und seine Kollegen in die Reaktorkuppel. Gebannt blicken sie über das Geländer hinunter auf die bläulich schimmernden Brennstäbe. "Die Technik hat mich fasziniert", sagt Zinke.

Dass der promovierte Mikrobiologe und Träger des deutschen Umweltpreises seine Kollegen ausgerechnet in ein Kernkraftwerk führt, ist typisch. Der 48-Jährige kennt keine Fachgrenzen: Er interessiert sich als Biologe nicht nur für die belebte Welt, sondern für nahezu alles, was mit Technik zu tun hat. Gigantische Brücken, komplizierte Türme – und eben Kraftwerke. Zinke ist eine einzigartige Mischung aus Technikfreak und Umweltschützer.

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Er glaubt, dass die Welt Rohstoffknappheit, Energiekrise und Klimawandel nur lösen kann, wenn sie bestehende Grenzen einreißt: wie die zwischen High Tech und Biologie. Denn viele technische Prozesse wie die Herstellung von Vitaminen, Farben oder Süßstoffen lassen sich mithilfe der Enzyme, den Biokatalysatoren der Natur, preiswerter und schonender gestalten als bisher. Mit Bakterien lässt sich aus Maisstärke sogar Kunststoff herstellen, der bisher auf Erdöl angewiesen war.

Natürlicher Werkzeugkasten

So groß der Plan klingt, so winzig sind Zinkes Helfer: nur wenige Mikrometer kleine Lebewesen wie Bakterien und Hefen, aber auch winzige Pilze und Algen und deren Enzyme. Vor allem Mikroben aus Extremlebensräumen wie der Tiefsee, heißen Quellen, dunklen Höhlen, der Arktis oder Bergwerksabwässern haben unglaubliche Fähigkeiten: Sie leben in kochender Säure, ernähren sich von Schwefel, bauen Gift ab, halten tonnenschweren Druck aus, verwandeln radioaktive Strahlung in Energie und vermehren sich sogar bei Minusgraden. Eigenschaften, wie geschaffen für den industriellen Einsatz.

Zinke beschreibt es so: "Wir versuchen den Werkzeugkasten der Natur in industriellem Maßstab zu nutzen." Im Klartext heißt das: Industrieschlote ade, es lebe der moderne Braukessel, der Biofermenter. Darin sollen die Mikroben schwimmen, die viele Prozesse zielgerichteter und ohne giftige Abwässer oder Abgase ablaufen lassen. Der Grund: Enzyme arbeiten oft viel effektiver als chemische Synthesen.

Zinkes Lieblingsbeispiel dafür sind Waschmittelenzyme: Sie bewirken, dass Waschen viel weniger Energie benötigt als bisher. Denn mit Enzymen, die Zinke und seine Mitarbeiter aus den Organismen gewinnen, wird selbst Kochwäsche schon bei 30 Grad sauber. Für den Biologen ist offensichtlich, warum: Egal, ob Saft-, Eigelb- oder Grasflecken Hose oder T-Shirt zieren, all diese Substanzen kommen aus der Natur – und die hat auch entsprechende Enzyme parat, um sie wieder abzubauen.

Um diese Art der Biotechnologie gegenüber der roten, der medizinischen, und der grünen Pflanzen-Biotechnik abzugrenzen, wird sie heute als weiße Biotechnik bezeichnet – dank Zinke, den die Waschmittelenzyme dazu inspirierten. Der Freund geschliffener Formulierungen ärgerte sich jahrelang, dass seine Disziplin ursprünglich graue Biotechnik hieß: "Das klang sehr unappetitlich."

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