Börsenvorstand Michael Kuhn im Interview: "Geld und Physik"

Börsenvorstand Michael Kuhn im Interview: "Geld und Physik"

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Michael Kuhn, IT-Vorstand der Deutschen Börse

Michael Kuhn, Chef der Deutschen Börse, über die Wirkung von Algo-Trading auf den internationalen Aktienhandel.

WirtschaftsWoche: Herr Kuhn, die internationalen Börsen fahren seit einigen Wochen zum Schrecken der Anleger Achterbahn. Haben sich die Finanzmathematiker verrechnet?

Kuhn: Die Ursachen, die zu den Turbulenzen geführt haben, sind wohl eher an anderen Stellen zu suchen: Subprime-Krise, Konfektionierung der Produkte durch die Finanzdienstleister, Festlegung und Höhe der Positionen et cetera. Die Computer spielen dabei eine stabilisierende Rolle, indem sie die Orders reibungsfrei umsetzen und damit so schnell wie möglich wieder für Balance im Finanzmarkt sorgen. Beim Crash Mitte der Achtzigerjahre war es beispielsweise nicht möglich, die Orderflut adäquat abzuarbeiten. Deshalb ging es damals auch dann noch bergab, als der Markttrend längst umgekehrt war. Wenn man ein langsames Steuerungsglied zur Verfügung hat, ist die Gefahr einer Übersteuerung des Marktes sehr groß. Seitdem ist sehr viel in die Infrastruktur investiert worden, sodass man heute – nicht nur bei uns in Frankfurt – sehr schnell auf die Erfordernisse des Marktes reagieren kann.

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Den Computerhandel sehen Sie also eher als ein stabilisierendes Element an denn als Risiko?

Ja. Meine Hypothese lautet: Je schneller das System, je schneller der Regelungskreis, desto stabiler läuft der Handel und desto geringer ist die Gefahr, eine Trendwende des Marktes zu verzögern. Das ist einer der Gründe, warum wir seit den Neunzigerjahren permanent in die Performance unseres Handelssystems investieren.

Wohin führt die Entwicklung?

Das ist derzeit nicht absehbar. Die limitierenden Faktoren sind die Kosten und die Physik. Wahrscheinlich erreichen wir irgendwann ein Optimum zwischen dem physikalisch Möglichen und dem ökonomisch Sinnvollen. Die Frage lautet also für uns, aber auch für unsere Kunden: Wie lange rechnet es sich, das physikalisch Mögliche anzustreben? Wir als Börsenbetreiber werden jedenfalls auch weiterhin in das System für Leistungssteigerungen investieren. Derzeit sind es jedes Jahr zweistellige Millionenbeträge.

Wie viele Orders werden im Laufe eines Tages von Ihrem System gehandelt?

Wir haben Ende Januar auf Xetra rund 2,2 Million Geschäfte an einem Tag gezählt, so viel wie noch nie. Der Wert dieser Aktien-Geschäfte belief sich auf rund 26 Milliarden Euro. Hinzu kamen 17 Millionen Kontrakte mit Derivaten, ebenfalls ein Tagesrekord, mit einem Gegenwert von rund einer Billion Euro.

Wie viele dieser Geschäfte wurden von Computern generiert?

Hier müssen wir unterscheiden zwischen der Börse selbst und unseren Kunden. Der Börsenhandel in Deutschland findet heute ausschließlich elektronisch statt. Das gilt sowohl für den Xetra-Handel als auch für den sogenannten Parketthandel. Der zentrale Unterschied liegt in den Marktmodellen: Bei Xetra werden Orders elektronisch nach Preis-Zeit-Priorität ausgeführt. Im Parketthandel werden Orders elektronisch in das Orderbuch des Skontroführers geleitet, der dann die Preisfeststellung vornimmt.

Und beim Kunden?

Auch dort erleben wir seit Jahren eine steigende Automatisierung der Handelsprozesse. Vor zehn Jahren basierte der größte Teil des Handels unserer Kunden auf Orders, die von Menschen eingegeben wurden. Heute laufen viele Prozesse bei den Kunden weitgehend automatisch ab. Die Order wird dabei elektronisch bis zu unseren Handelssystemen durchgeleitet. Und die Zahl dieser automatisierten Prozesse wird sicher noch weiter zunehmen, wie insbesondere der Trend des „Algo-Trading“ zeigt: Die automatische Erteilung von Handelsaufträgen auf Basis computergestützter Algorithmen beträgt heute auf Xetra bereits über 40 Prozent.

Vielleicht gibt es aber auch eine Trendwende. Einige Händler haben angekündigt, nach den Erfahrungen der vergangenen Wochen wieder stärker aufs Bauchgefühl achten zu wollen.

Es gibt sicherlich Rechenmodelle, die einigen Situationen, die wir in den vergangenen Wochen erlebt haben, nicht 100-prozentig gerecht geworden sind – also auf der Verliererseite waren. Andere Modelle waren aber durchaus auf der Gewinnerseite. Wo ist da der Unterschied zu einem Händler? Auch dort gibt es immer Gewinner und Verlierer. Ich verfolge das Auf und Ab an den Börsen ja nun schon eine ganze Weile. So konnte ich in den Neunzigerjahren den Effekt beobachten, dass automatisierte Systeme ausgerechnet dann ausstiegen, wenn Kursschwankungen eine gewisse Grenze überschritten. Die Menschen handelten hingegen sogar verstärkt weiter. Inzwischen bleiben die Maschinen auch in turbulenten Zeiten dabei und sind in der Lage, in Crash-Situationen sinnvoll zu agieren. Was nicht heißt, dass sie immer richtig liegen: Wenn alle Algorithmen perfekt wären, gäbe es keinen Markt mehr.

Mensch oder Maschine: Wem würden Sie bei einer Anlageentscheidung eher vertrauen?

Ein Mensch hat aufgrund seiner Erfahrung und Intuition eine breite Grundlage für Entscheidungen. Auf der anderen Seite ist nur der Rechner in der Lage, eine große Datenmenge schnell zu analysieren und Korrelationen herzustellen. Es gibt zum Beispiel Algorithmen, die 250 unterschiedliche Datenströme nutzen und aus all den Daten eine Anlagestrategie entwickeln. In meinen Augen sind diese Computermodelle eine echte Bereicherung, weil sie zusätzliche Handelsmotivationen schaffen. Und je mehr Handelsmotivationen es gibt, desto stabiler wird der gesamte Markt.

Es soll aber nach wie vor Börsengurus geben, die auf Computerunterstützung verzichten: Ein Warren Buffett, entscheidet immer noch selbst.

Das funktioniert auch, insbesondere wenn man längerfristige Strategien verfolgt. Aber wenn man kurzfristige Ziele verfolgt und dazu schnelle wie auch kleinteilige Handelsentscheidungen im Bereich von Millisekunden treffen muss, kommt man ohne Computerunterstützung nicht mehr aus. Und aus der Automatisierung von Prozessen, das darf man nicht vergessen, ergeben sich natürlich auch gute Möglichkeiten für eine Kostenreduktion im Handelsprozess: Die Entwicklung eines Algorithmus kostet heute keine Unsummen mehr. Und die Infrastruktur unserer elektronischen Handelssysteme erlaubt es, von jedem Fleck der Welt aus ins Börsengeschehen einzugreifen und an der Preisfindung teilzuhaben: Man muss sich dafür heute nicht mehr einen Sitz an einer Börse kaufen. Für unsere Kunden reicht es, sich mit dem Rechenzentrum der Börse zu verbinden.Somit spricht alles für einen komplett computerbasierten Handel. Werden die Säle bald komplett leer gefegt sein?

Das muss man differenziert betrachten: Die Zahl der Menschen, die an der Vergabe von Handelsaufträgen mitwirken, wird weiter abnehmen. Aber ohne Menschen geht es nicht. Jede Strategie ist Menschenwerk. Selbst im hochautomatisierten Algo-Trading muss es weiterhin Spezialisten geben, die die Klaviatur dieser Algorithmen beherrschen, sie für das Haus nutzbar machen und überwachen. Außerdem benötigt nicht jede Handelsform einen solch hohen Automatisierungsgrad wie das Algo-Trading.

Sehen Sie nicht die Gefahr, dass sich die Computersysteme ab einem bestimmten Punkt ihrer Entwicklung verselbstständigen? Selbstlernende Systeme sind auf dem Vormarsch.

Selbstadaptierende Systeme gibt es sicher auch schon im Computerhandel. Aber ein Mensch muss sich auch solche Programme ja erst einmal ausdenken.

Aber dann übernimmt der Computer die Regie. Und die Vielzahl der Einzelprozesse, im Rechner kann doch niemand mehr überblicken.

Nein, der Computer übernimmt nicht die Regie. Aber man wird sich sicher überlegen müssen, wie man solche Systeme sinnvoll einbettet, wie man Programmierfehler weitgehend vermeidet und wo man Bremsen einbaut. Die Entwicklung solcher Schutzmechanismen und ihre stete Verfeinerung ist eine große Aufgabe für die nächsten Jahre.

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