Das digitale Ich: Angriff der Körpermesser

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Das digitale Ich: Angriff der Körpermesser

von Andreas Menn

Datenbrille, smarte Uhr, Sensor-Shirt – solche Wearables verknüpfen unseren Körper mit dem Netz. Sie sollen uns fitter machen, gesund halten und klüger wirken lassen. Die Technik ist reif, uns in Computermenschen zu verwandeln. Ist sie das nächste große Ding, auf das die Mobilfunkbranche wartet?

Ein guter Butler bleibt unsichtbar, hieß es früher in den gehobenen Kreisen. Wenn es nach Ashley Beattie geht, hat bald jeder von uns so einen diskreten Diener, der nie auffällt. Klein wie ein Streichholzheft ist der elektronische Helfer, den der kanadische Gründer des Startups Kiwi Wearables entwickelt hat, und vollgepfropft mit Sensoren. Am Hemdkragen befestigt, liest er Beattie jeden Wunsch von den Lippen ab; am Handgelenk angebracht, erkennt er jede seiner Gesten.

Der tragbare Diener lässt sich per Smartphone programmieren: Erhebt sich sein Herr morgens aus dem Bett, ist der Anstecker schon wach und schaltet per Funk die Deckenlampe an. Zählt der Hausherr auf, was im Kühlschrank fehlt, schreibt sein Butler, immer dienstbereit, eine Einkaufsliste ins Handy. Im Fitnessstudio notiert Kiwi jeden Klimmzug, nur fürs Protokoll. Und natürlich findet er auch geschwind heraus, von wem dieses neue Lied im Radio ist: Da malt die Hand nur einen Notenschlüssel in die Luft, schon sucht Kiwi im Netz nach dem Titel.

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Kiwi Move, der Butler der Smartphone-Ära, ist Teil einer neuen Generation von Mobilgeräten: Brillen mit Bildschirmen, sei es Google Glass oder Recon Jet, projizieren uns den Wetterbericht oder Nachrichten ins Auge; Computer-Uhren, etwa Samsungs Galaxy Gear, zeigen uns E-Mails und Termine am Handgelenk an; Armbänder, nehmen wir das Fuelband von Nike, wachen über unsere Fitness.

Sogar Hemden, die unseren Puls messen, und Socken, die unsere Schritte zählen, sind plötzlich erschwingliche Massenprodukte. Sie helfen uns, so das Versprechen, produktiver zu sein und gesund zu bleiben.

Setzt sich das alles durch, dann werden Computer und das Internet endgültig Teil unserer Existenz: Sie begleiten uns in der Freizeit, auf der Arbeit, ja im Bett. Und so wie heute unsere E-Mails und Musik auf entfernten Servern liegen, so wandern Protokolle unseres Blutdrucks, unserer Schwimmtrainings, unserer Essgewohnheiten in die Cloud. Ein digitaler Doppelgänger erwacht, ein zweites Ich in der Datenwolke.

Wie viel tragbare Elektronik weltweit verkauft wird (zum Vergrößern bitte anklicken)

Wie viel tragbare Elektronik weltweit verkauft wird (zum Vergrößern bitte anklicken)

Wearables, so der Name der neuen tragbaren Geräte, sind diese Woche das Trendthema, wenn in Barcelona die Mobilfunkbranche auf dem Mobile World Congress über ihre Zukunft räsoniert. Sie könnten, das hoffen viele im Silicon Valley, das nächste große Ding der Computertechnik werden – und die Welt mindestens so verändern wie zuvor das Smartphone.

Seit Jahrzehnten träumen Technik-Utopisten wie der langjährige MIT-Forscher Steve Mann von tragbaren Computern, die unsere Fähigkeiten erweitern. Nun endlich ist es so weit: Speicherchips, Kameras und Batterien sind heute kompakt genug, um Rechner fürs Handgelenk zu bauen, Sensoren billig genug, um sie mit allerlei Sinnen auszustatten, und Bluetooth-Funk sparsam genug, um die Geräte rund um die Uhr mit Handy und Internet zu vernetzen.

Die Technik ist reif, uns zu Computermenschen zu machen. Sind wir es auch?

Ein Wink genügt

Google, Samsung und Co. versprechen uns, dass es bald einfacher denn je sein wird, mit Computern umzugehen. Wir müssen nicht mehr mühselig das Handy aus der Tasche fummeln, nicht mehr auf Bildschirmen herrumtippen. Wir bedienen unsere Rechner stattdessen mühelos per Sprachbefehl, Gesten oder Blicksteuerung – bis wir sie kaum noch bewusst wahrnehmen.

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