Computer: Windows 7: Zurück in die Zukunft

KommentarComputer: Windows 7: Zurück in die Zukunft

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Microsoft Gründer Bill Gates verkannte das Internet als kurzzeitigen Hype

Um neuem Ärger mit der EU aus dem Weg zu gehen, bringt Microsofts sein neues Windows 7 im Oktober ohne vorinstallierten Internet Explorer 8 nach Europa. Windows ohne Web-Software, das gab es zuletzt vor 14 Jahren bei der Ur-Version von Windows 95. Und doch ist der Schritt zurück zugleich ein großer Sprung nach vorne, vom dem Microsoft und seine Kunden gleichermaßen profitieren werden.

In der ewigen Rangliste der größten IT-Irrtümer bleibt dieser Satz wohl für immer an Platz 1 einbetoniert: : "Das Internet ist doch nur ein Hype," befand der Vorstandschef eines führenden US-Softwareunternehmens und verordnete seinen Entwicklern erst einmal andere Prioritäten als dem Trubel um den weltumspannenden Datenstrom unnötige Aufmerksamkeit zu schenken.

Selten so geirrt: Das Worldwide Web, das Microsoft-Gründer William Henry Gates III 1993 noch als Hype abtat, hat sich längst als eine so entscheidende technische Innovation erwiesen, wie vor ihr bestenfalls noch Dampfmaschine, Eisenbahn oder Schwerindustrie. Zwei Jahre nach der gravierenden Fehleinschätzung verordnete Gates seinem Konzern die Kehrtwende. 1995 kam der erste Internet Explorer (IE) als kostenlose Ergänzung zum anfangs noch browser-frei ausgelieferten Windows 95 auf den Markt: Technisch minderbemittelt und dem damaligen Platzhirsch Netscape Navigator hoffnungslos unterlegen.

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Und dennoch hat der IE - inzwischen in Version 8 verfügbar - in der Folge sich zum Dominator des Web-Zugangs aufschwingen können. Mit dem Feingefühl eines Bulldozers, der straffen Bündelung der einzelnen IE-Versionen mit dem dominierenden Windows-Betriebssystems und anderen teils fragwürdigen Mitteln hat Microsoft über die Jahre fast alle Konkurrenten aus dem Markt gedrängt - und sich so den Zorn der Web-Gemeinde und, vor allem, der Kartellwächter in den USA und Europa zugezogen. Immer wieder gerieten die EU-Kommission in den vergangenen Jahren wegen Microsofts wettbewerbswidriger Praktiken aneinander. Die im vergangenen Jahr gegen Microsoft verhängte Strafe wegen Missbrauchs einer marktbeherrschenden Stellung von fast 900 Millionen Euro gehört zu den höchsten Sanktionen, die die Kommission bisher überhaupt gegen Unternehmen ausgesprochen hat.

Endlich wirklich freie Wahl

Um sich neuen Ärger mit den Wettbewerbshütern zu ersparen, will Microsoft nun die im Oktober erscheinende neue Betriebssystem-Version Windows 7 - zumindest in Europa - erstmals seit 1995 wieder ohne vorinstallierten Internet Explorer auf den Markt bringen. Ein zusätzliches "E" in der Produktbezeichnung wird die entsprechenden Euro-Versionen kennzeichnen. Computerhersteller und Kunden können dann selbst entscheiden, welche Online-Software aus dem neuen Windows den Weg in die Web-Welt öffnen soll.

Was wie ein Schritt zurück in die Computer-Steinzeit anmutet, ist tatsächlich ein gewaltiger Sprung nach vorne. Und zwar gleichermaßen für die Kunden, für die Wettbewerber, und auch für Microsoft selbst.

Für die Kunden, weil sie sich nun endlich aktiv für die beste Online-Software entscheiden müssen ... und sich mangels bereits installiertem Internet Explorer womöglich erstmals damit auseinandersetzen, dass andere Internet-Browser ihre Bedürfnisse besser befriedigen. Für die Wettbewerber, weil mit der Markteinführung von Windows 7 plötzlich Abermillionen potenzieller Neukunden für Mozillas Firefox, Operas Browser, Apples Safari oder Googles Chrome erreichbar werden.

Und auch für Microsoft: Denn weil der IE 8 unter dem Druck des sich verschärfenden Bettbewerbs tatsächlich zu einem absolut konkurrenzfähigen Produkt herangereift ist, spricht nichts dagegen, dass sich die Windows-7-Nutzer in Scharen für den jüngsten Spross aus Microsofts Browser-Schmiede entscheiden. Im freien, fairen Wettbewerb um die beste Web-Software zu gewinnen, das wäre neu für Microsoft. Aber wer wollte es dem Riesen aus Redmond verdenken.

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