Cookies: Großer Streit um kleine Dateien

Cookies: Großer Streit um kleine Dateien

, aktualisiert 08. November 2011, 13:18 Uhr
Bild vergrößern

Während des Surfens im Internet speichern Internetseiten Cookies im Browser des Nutzers.

Quelle:Handelsblatt Online

Sie messen Klicks und melden, wenn ein Nutzer eine Webseite erneut besucht: Sogenannte Cookies sind das Grundelement der Online-Werbewirtschaft - und ein Alptraum für Datenschützer.

DüsseldorfSie heißen _chartbeat2, wt3_sid oder srp. Dahinter verbergen sich keine skurrilen Nicknames auf dubiosen Internetseiten, _chartbeat2 und seine Kollegen sind Cookies: Bei jedem Besuch eines Nachrichtenportals werden solche kleinen Textdokumente automatisch im Browser gespeichert.

Dort bleibt das Cookie maximal 30 Tage und wartet darauf, die Wiederkehr des Nutzers zu melden. Mehr kann _chartbeat2 nicht: Es erkennt einen Besucher wieder oder eben nicht. Und dennoch erregt die Existenz solcher Cookies die Gemüter von Datenschützern. 

Anzeige

Das Problem: Das kleine Cookie ist nicht alleine im World Wide Web. Fast jede der Milliarden Internetseiten weltweit hinterlässt etliche der kurzen Texte. Die digitale Wirtschaft nutzt sie vielfältig - etwa zur Messung, wie viele Personen auf ihren Seiten waren und was sie sich angeguckt haben.

Die Zahlen, die sich daraus ergeben, sind bares Geld wert: Je höher die Zugriffszahlen einer Internetseite, desto mehr sind Unternehmen bereit für Werbung dort zu bezahlen. Ohne Cookies kein Geschäft, so Vertreter der Branche. „Cookies sind das Steuerungselement für die einfache Nutzung des Internets schlechthin“, sagt Matthias Ehrlich, Vizepräsident des Bundesverbands Digitale Wirtschaft (BVDW).  

Was die Cookies speichern, bestimmt die ausgebenden Internetseite. Vergangene Woche übten Datenschützer Kritik an einem Facebook-Cookie, das mittels einer eindeutigen Identifikationsnummer den Internetnutzer über zwei Jahre lang wiedererkennen könnte - auch wenn er auf anderen Seiten surft.

Damit ist es theoretisch möglich, ein genaues Profil des Nutzers zu erstellen. Eine paradiesische Vorstellung für alle Werbetreibenden. Facebook bestreitet, solche Profile zu erstellen. Die Existenz des datr-Cookie wird allerdings nicht bestritten.

Zombie-Cookies sind besonders hartnäckig

Dass große Internetportale auch vor dem aggressiven Einsatz von Cookies nicht zurückschrecken, zeigt eine Studie von Forschern der Berkeley-Universität. Sie fanden heraus, dass etwa das große Videoportal Hulu.com Cookies einsetzt, die sich nicht durch herkömmliche Verfahren löschen lassen. Diese sogenannten Zombie-Cookies basieren auf einer anderen Programmiersprache und können zum Teil wesentlich mehr Informationen über den Nutzer sammeln als herkömmliche Cookies.

Datenschützer wollen der Cookie-Flut Einhalt gebieten. Sie stören sich vor allem daran, dass der Nutzer, selbst wenn er sich der Existenz der Dateien bewusst ist, nicht feststellen kann, welche Informationen gespeichert werden und welche Halbwertzeit die Cookies haben. Wenn es nach den Datenschützern geht, sollten Internetseiten den Nutzer vor dem Speichern von Cookies um Erlaubnis bitten (Opt-in). Derzeit wird das gegenteilige Modell praktiziert: Ohne Nachfrage gesetzte Cookies können vom Nutzer nachträglich gelöscht werden (Opt-out).


Streit um gesetzliche Regelung

Rückendeckung erhalten die Sicherheitsexperten von der Europäischen Union. Ende 2009 wurde die sogenannte E-Privacy-Richtlinie (Richtlinie 2009/136/EG) beschlossen. Danach sollen die Mitgliedsstaaten sicher stellen, dass die Speicherung oder der Zugriff von Informationen, die bereits in einem Endgerät gespeichert sind, „nur gestattet ist, wenn der betreffende Teilnehmer oder Nutzer auf der Grundlage von klaren und umfassenden Informationen, die er (…) über die Zwecke der Verarbeitung erhält, seine Einwilligung gegeben hat.“

Digitale Wirtschaft befürchtet Überregulierung

Die Forderung der Datenschützer nach verschärften Regeln für das Einsetzen von Cookies sorgte für Unruhe in der digitalen Wirtschaft. Das Werbevolumen für Online-Werbung ist im vergangenen Jahr um 26 Prozent auf 5,35 Milliarden Euro gestiegen, so der Online-Vermarkterkreis OVK. Die Weiterentwicklung von Cookies ermöglicht, Werbung zunehmend genauer an den potentiellen Abnehmer zu bringen. Ein Beispiel: Das Cookie erkennt nicht nur ‚Neuer oder bekannter Nutzer’, sondern etwa ‚Bekannter Nutzer hat sich auf Seite X für Produkt Y interessiert`. Das Objekt seines Interesses kann ihm so noch einmal angeboten werden. „Targeting“ nennen Werber diese Methode.

„Eine strikte Opt-in-Regelung würde die Branche um zehn Jahre zurückwerfen“, sagte Ronald Paul, Chef des Targeting-Anbieters Quisma nach der Branchenmesse Dmexco Ende September. Wie die meisten anderen Vertreter seines Fachs setzt er auf Selbstregulierung. Im Rahmen der „Network Advertising Initiative“ hat sich ein Großteil der Anbieter von Online Werbung auf einen Branchenstandart für Datenschutz bei Online-Werbung – die auf die Opt-Out Regelung setzte – geeinigt.

Diese sei wesentlich nutzerfreundlicher, argumentieren sie: „Anderenfalls wäre das Ergebnis ein wahres Pop-Up-Gewitter für die Nutzer beim Surfen im Netz,“ sagt BVDW-Vizepräsident Matthias Ehrlich. „Letztlich müssten sie selbst beim Zwischenspeichern einer Webseite jedes Mal eine ausdrückliche Einwilligung geben.“

Bundesregierung setzt auf Selbstregulierung

Für Erleichterung dürfte die Verabschiedung der Novelle des Telekommunikationsgesetztes am 27. Oktober gesorgt haben. Darin wurden besonders öffentlichkeitswirksame Änderungen bestehender Reglungen, wie etwa bei Telefonwarteschleifen oder Anbieterwechsel, beschlossen. Von einer gesetzliche „Cookie-Regelung“ wurde, mit Verweis auf die Diskussion über Selbstregulierung der Branche auf europäischer Ebene, abgesehen.

Peter Schaar ärgert das. Der Bundesdatenschutzbeauftragte hatte sich im Vorfeld für eine strengere Regelung eingesetzt: „Der Gesetzgeber muss eine Einwilligung für das Setzen von Cookies im Telemediengesetz vorsehen. Angesichts der um sich greifenden Cookie-Sucht vieler Anbieter sollte er sich dabei sputen“, sagte er vor der Verabschiedung der Novelle. Geändert hat sich dennoch nichts.

Der Gesetzgeber habe versäumt, die notwendigen Änderungen durchzusetzen, so Schaar heute: „Dabei wird in Kauf genommen, dass weiterhin ohne Einwilligung der Betroffenen umfangreiche Persönlichkeitsprofile erstellt werden.“

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%