Dachgärten: Dorf auf dem Dach

Dachgärten: Dorf auf dem Dach

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Bewohnerin der Luxustürme Roppongi Hills.

Um das Klima in Städten zu verbessern, setzt Japan auf Dachgärten. Sie senken die Temperatur und sind soziale Treffpunkte. Die Idee macht weltweit Schule, in einer großen US-Stadt ließ sogar ein Bürgermeister sein Rathaus begrünen.

So sehr wurden Weißkohl und Radieschen noch nie bewundert. „Cool“ finden die Besucherinnen das Gemüse und „kawai“ – niedlich. Man könnte denken, sie bestaunten unbekannte, exotische Gewächse. Doch die Begeisterung gilt weniger dem Gemüse, als dem außergewöhnlichen Ort seines Anbaus. Köpfe und Knollen wachsen in 30 Metern über der Erde, auf dem Dach des Edelkaufhauses Matsuya in Tokios teuerster Einkaufsmeile Ginza, gegenüber der japanischen Flaggschiff-Niederlassung von Chanel und dem Apple-Store.

Das Viertel gilt als ultimative Adresse für Luxus und Überfluss. Ausgerechnet hier recken sich nun kleine Rettiche, Petersilien und Brokkoli gen Himmel. Vor zwei Jahren wurden die ersten Beete angelegt. Mittlerweile pflegen Dutzende Kaufhausangestellte die Pflanzen – völlig freiwillig. Ein Gärtner berät die Hobby-Kollegen. Und wenn es um Arbeiten wie Anpflanzen oder Ernten geht, tauschen die Angestellten ihre Anzüge und Kostüme gegen Freizeitkleidung, die extra von hauseigenen Designern für den Zweck entworfen wurde.

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Gemüse auf Gebäuden – das ist kein skurriles Einzelprojekt. Landwirtschaft hoch über den Betonschluchten wird auch in anderen Metropolen betrieben. Japans Kommunikationsgigant NTT baut auf seinem Wolkenkratzer Kartoffeln an. Selbst auf den knapp 240 Meter hohen Luxus-Wohntürmen von Roppongi Hills können die Bewohner zwischen rund 20.000 Quadratmetern Grünflächen flanieren, während unten der Verkehr dahinrauscht.

Inzwischen ist das Interesse an neuen Gärten so groß, dass sich Unternehmen auf Dachgärtnerei spezialisieren. Der Mischkonzern Suntory etwa hat Anfang März in Tokio, Kyoto, Osaka und Kobe sein Suntory-Midorie-Projekt vorgestellt, das mehr Grün in Japans Metropolen bringen soll. Ermöglichen sollen das neuartige Dachgärten – „Midori no Yane“, zu Deutsch „Grünes Dach“. Schon bald soll es in Japan sogar Prüfungen für Dachgärtner geben: Skyfront-Koordinator sollen die neuen Gärtner nah am Himmel heißen.

Gärtnern als soziales Event

Und die Gärtnerei über den Wolken wird immer mehr zu einem sozialen Event. Dabei wollte die Tokioter Stadtverwaltung ursprünglich nur das Klima verbessern. Die mehr als 34 Millionen Einwohner im Ballungsraum leiden besonders stark unter zunehmender Hitze: Die Zahl tropischer Nächte hat sich binnen 30 Jahren mehr als verdoppelt. In rund 30 Sommernächten fallen die Thermometer in Tokio nicht mehr unter 25 Grad. Die Durchschnittstemperatur in der Stadt stieg in den vergangenen 100 Jahren um rund drei Grad. Der weltweite Temperaturanstieg lag im gleichen Zeitraum bei nur 0,6 Grad.

Wissenschaftler sprechen bei Megacitys wie Tokio, aber auch anderen Metropolen Asiens oder Südamerikas, daher vom „Urban-Heat-Island-Effect“ – Städten als urbanen Hitzeinseln. Eine der augenfälligsten Folgen der Erwärmung: Die Kirschblüte, traditionell Zeichen des kommenden Frühlings, beginnt in Tokio heute schon im März. „Früher blühten die Kirschbäume erst Wochen später, im April“, sagt Mariko Handa, Landschaftsplanerin und Beraterin der japanischen Regierung.

Angesichts der alarmierenden Entwicklung verdonnerte Tokios Stadtverwaltung die Immobilienbesitzer schon 2001 dazu Dachgärten anzulegen. Auf Häusern mit mehr als 1000 Quadratmetern Grundfläche müssen seither mindestens 20 Prozent Dachfläche begrünt sein. Denn auf dem Beton der Wolkenkratzer steigen die Tagestemperaturen im Sommer schnell auf 50 bis 60 Grad. Seit Erlass der Verordnung sind so weit über 100 Hektar zusätzliche Grünflächen entstanden.

Wie groß der Nutzen für das Stadtklima ist, erläutert Masanori Yuzawa vom japanischen Infrastrukturministerium, dessen Dach ebenfalls ein großer Garten schmückt: „Gegenüber unbegrünten Dächern haben wir im Sommer eine um 30 Grad niedrigere Temperatur.“ Das spürt man auch in der Nacht: Wärme, die nicht im Gebäude gespeichert ist, wird später auch nicht in die Umgebung abgestrahlt.

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