E-Mail-Ausspähung bei Yahoo: Datenschützer leiten Untersuchungen ein

Risiken in Zeiten    der Digitalisierung

E-Mail-Ausspähung bei Yahoo: Datenschützer leiten Untersuchungen ein

, aktualisiert 05. Oktober 2016, 14:47 Uhr
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Im Auftrag der US-Regierung hat Yahoo die E-Mails seiner eigenen Kunden durchsucht, berichtet ein Insider.

Hat der Internetkonzern Yahoo die E-Mails aller Kunden durchsucht? Das berichten zumindest Insider. Demnach hat der Internet-Konzern im Auftrag der US-Regierung sämtliche Kunden-E-Mails durchleuchtet.

Nach der Enthüllung über die Ausspähung von Hunderten Millionen E-Mails durch Yahoo werden die Behörden in Europa aktiv. Die irische Datenschutz-Behörde leitete nach eigenen Angaben Untersuchungen in der Sache ein. Sollte es massenhaft Mail-Kontrollen gegeben haben, wäre dies eine Verletzung des Grundrechts auf Privatsphäre, teilte die Behörde am Mittwoch mit. Irland ist für das Thema in Europa zuständig, weil Yahoo in dem Land seine europäische Zentrale hat.
Reuters hatte am Dienstag unter Berufung auf Insider berichtet, Yahoo habe auf Anweisung von US-Behörden die eingehenden E-Mails aller Kunden gescannt. Der Internet-Pionier habe ein spezielles Programm geschrieben, um die einlaufenden Mails nach bestimmten Formulierungen oder Anhängen zu durchforsten, hatten vier mit der Sache vertraute Personen gesagt. Unklar blieb, welche Daten genau Yahoo an die US-Behörden übergab.

Für Yahoo kommt die Aufdeckung zur Unzeit. Erst Ende September enthüllte das Unternehmen einen bislang beispiellosen Datendiebstahl. Nach dem Bekanntwerden des erfolgreichen Hackerangriffs auf mindestens 500 Millionen Nutzerkonten muss Yahoo-Chefin Marissa Mayer nun um die vereinbarte Milliardenübernahme durch den amerikanischen Telekom-Riesen Verizon kämpfen. Analysten erwarten, dass Verizon zwar nicht abspringen, aber einen spürbaren Preisnachlass aushandeln will. Yahoo steht mit dem Rücken zur Wand, da es Mayer in den vergangenen Jahren nicht gelungen ist, die von den Rivalen Google und Facebook an den Rand gedrängte Firma wieder in die Erfolgsspur zu bringen. Im Juli vereinbarte sie daher den Verkauf des Kerngeschäfts an Verizon für 4,8 Milliarden Dollar.

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Mayers Entscheidung, der geheimen Anordnung der US-Regierung Folge zu leisten, brachte sie auch intern in Bedrängnis, wie die Insider Reuters sagten. So habe Sicherheitschef Alex Stamos das Unternehmen aus Protest verlassen, sagten zwei frühere Angestellte. Er übt dieses Amt nun bei Facebook aus. Die Anfrage nach einem Interview mit ihm ließ er durch einen Sprecher des weltgrößten Internet-Netzwerkes ablehnen.

Der nun bekanntgewordene Fall bei Yahoo ist Experten zufolge der erste, in dem ein US-Konzern der Forderung nach einer Überwachung des gesamten eingehenden Mail-Verkehrs nachgegeben hat. Die Anordnung für die Überprüfung bestimmter Zeichenketten kam den insgesamt drei ehemaligen Mitarbeitern und einer mit dem Vorgang vertrauten Person zufolge entweder vom Geheimdienst NSA oder der Bundespolizei FBI. Die NSA stellt oft derartige Anträge über das FBI, was die genaue Zuordnung zu einem Dienst erschwert. Die NSA verwies auf das Büro des Direktors der US-Geheimdienste, das eine Stellungnahme ablehnte.

Bereits 2013 wurden massive Spähaktionen der NSA durch den früheren Geheimdienst-Mitarbeiter Edward Snowden aufgedeckt. Seitdem haben viele Firmen deutlich umfangreichere Verschlüsselungssysteme eingeführt. Für Aufsehen sorgte zudem Apple, als es sich weigerte bei der Entsperrung eines iPhones zu helfen. Das amerikanische Justizministerium wollte den Konzern dazu zwingen, das Smartphone von einem der Attentäter im kalifornischen San Bernadino für die Ermittler zu knacken. Bei dem Anschlag hatten zwei Islamisten 14 Menschen erschossen und 22 verletzt, bevor sie selbst von der Polizei getötet wurden. Die Behörden knackten das Telefon schließlich selbst.

Yahoo erklärte auf Anfrage lediglich, man halte sich an die US-Gesetze. Der Konzern wollte sich weder dazu äußern, ob er E-Mails seiner Nutzer durchsucht hat noch dazu, ob auch Mails aus Europa betroffen sind. Die beiden anderen großen Anbieter von E-Mail-Diensten, Google und Microsoft, erklärten unabhängig voneinander, keine Mails durchsucht zu haben. "Wir haben eine solche Anfrage nie bekommen", sagte ein Sprecher des Google-Mutterkonzerns Alphabet. "Und wenn, hätte unsere Antwort gelautet: auf keinen Fall." Ein Microsoft-Sprecher sagte, der Konzern habe keine Mails überprüft. Ob Microsoft eine entsprechende Anfrage erhalten habe, wollte er nicht sagen.

Fabio de Masi, Abgeordneter der Linken im EU-Parlament, forderte, die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini müsse bei den US-Behörden für Klarheit sorgen. Die Datenschutz-Anwältin Ashley Winton von der Wirtschaftskanzlei Paul Hastings sagte, der Fall steigere die Chancen, juristisch gegen das erst in diesem Jahr geschlossene "Privacy Shield"-Abkommen zum Datenaustausch zwischen der EU und den USA vorzugehen. Der Pakt ermöglicht es Firmen, Daten ohne hohen bürokratischen Aufwand in die USA zu übermitteln. Einige Politiker in Europa hatten den Deal kritisiert und erklärt, er biete zu wenig Schutz gegen massenhafte Ausspähungen durch die US-Geheimdienste.

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