10 Jahre Wikipedia: Die Sammler des Weltwissens

10 Jahre Wikipedia: Die Sammler des Weltwissens

Wikipedia-Gründer Jimmy Wales und Tim Bartel Quelle: Ralf Roletschek

Wikipedia-Gründer Jimmy Wales und Tim Bartel

Bild: Ralf Roletschek

Die Relevanzdebatte gibt es seit den Anfängen, letztlich verdankt ihr Wikipedia sogar die Existenz. Beim Vorläuferprojekt Nupedia gab es noch eine strenge Auslese durch Experten. Im ersten Jahr entstanden so nur 20 Artikel. Erst als Jimmy Wales und Jerry Sanger am 15. Januar 2001 die offene Wikipedia starteten, zündete die Idee. Im ersten Monat entstanden 600 Artikel, nach einem Jahr waren es schon 20.000. Sanger bemängelte jedoch die Qualität vieler Beiträge und verließ das Projekt im Streit über die Ausrichtung.

Seither zanken zwei Lager. Die „Inklusionisten“ wollen so viele Informationen wie möglich aufnehmen, die „Exklusionisten“ plädieren dagegen für eine stärkere Filterung und Beschränkung. Legendär ist der Eintrag über „Die Schraube an der hinteren linken Bremsbacke am Fahrrad von Ulrich Fuchs“, mit dem Fuchs 2003 verdeutlichte, warum nicht alles, was inhaltlich korrekt und neutral geschildert ist, auch eine enzyklopädiewürdige Information ist.

In den vergangenen Jahren sind die Relevanzstreitigkeiten immer öfter eskaliert. 2008 wurde die Deletionpedia gegründet, in der gelöschte Artikel archiviert werden. Im deutschen Pendant PlusPedia stehen schon mehr als 10.000 Beiträge, die „aus der Wikipedia gerettet wurden“. Darunter auch der über die „Löschhölle“, wie die Abschussliste polemisch genannt wird, auf der sich die Löschkandidaten wiederfinden. 

„Die deutsche Wikipedia ist gefühlt restriktiver“

Bartel bezeichnet sich selbst als „gemäßigten Inklusionisten“. Gerne hätte er beispielsweise kurze Informationen zu einzelnen Folgen der „Simpsons“ und anderer TV-Serien, wie es sie in der englischen Wikipedia gibt, die manchen als inklusionistischer gilt. „Die deutsche Wikipedia ist gefühlt restriktiver“, sagt Bartel. Dafür sei sie jedoch auch die qualitativ hochwertigste.

Doch viele Löschungen müssen auch seiner Ansicht nach sein. Denn mit ihrem Erfolg ziehe  Wikipedia immer mehr Selbstdarsteller an sowie Unternehmen und Organisationen, die vor allem PR in eigener Sache betreiben.

Täglich werden etwa 400 neue Artikel geschrieben, 100 bis 150 davon werden wieder gelöscht. Hinzu kommen Änderungen im Sekundentakt, die alle gesichtet werden müssen. Und Wikipedianer streiten nicht nur über die Frage, ob etwas in das Lexikon soll, sondern natürlich auch darüber, was dort steht. Wochenlang können sie sich beispielsweise darüber fetzen, ob der Donauturm in Wien ein Fernsehturm ist oder nicht.

Eigentlich ist es da nicht verwunderlich, wenn manch einer gereizt reagiert, falls er wieder einmal als „Löschnazi“ tituliert wird oder sich aus den Debatten ausklinkt. Doch Arbeit gibt es auch sonst genug.

Cracker und Condomi

„Ich habe keinen Nerv für Endlosdiskussionen“, sagt Elke Wetzig. Nach ihrer Einschätzung habe dabei die Kompromissfähigkeit nachgelassen. Seit 2003 arbeitet die Kölnerin für Wikipedia und war auch einige Zeit Vorstandsmitglied bei Wikimedia, dem Verein, der sich im Hintergrund um Spenden und Organisation kümmert.

In der Anfangszeit hat Wetzig viel über die Ukraine geschrieben, denn sie kannte Land und  Sprache. Wetzig verfasste Einträge über wichtige Dichter, die dem Brockhaus vielleicht drei Zeilen wert waren – wenn überhaupt. Vor fünf Jahren stießen dann immer mehr Slawisten und Muttersprachler hinzu, „die fachlich besser waren“. Wetzig überließ ihnen das Feld und widmete sich ihrer Heimatstadt Köln.

Bartel hat lange nicht mehr geschrieben. Die letzten Einträge von 2007 beschrieben Cracker, Condomi und D-Sailors. Wie kommt man zu dieser Mischung? „D-Sailors ist eine Punkband, für die ich mal gespielt habe“, sagt Bartel. Doch wieso er das Knabbergebäck lexikalisch verewigen wollte, weiß er selbst nicht mehr. Zuerst, denkt er, es ginge um einen Begriff aus der Computerkunstszene.

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Ein Blick in Wikipedia könnte helfen. Von seinem Arbeitszimmer im siebenten Stock hat er einen tollen Blick über das Zentrum Kölns und den Rhein. Bartel setzt sich an seinen Schreibtisch. Zwei Bildschirme sind an seinen Computer angeschlossen, auf denen ein Dutzend Programme gleichzeitig laufen, dazu noch ein kleines Netbook. Neben ihm stapeln sich Umzugskartons, die meisten Holzregale sind noch leer. Er ist gerade erst umgezogen.

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